Examensarbeit, 2009
90 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Intertextualität
2.1.1 Was ist Intertextualität?
2.1.2. Zayas Novelle als ré‐écriture von Cervantes
2.2. Die Analyse des Geschlechts in der Literatur
2.2.1. Frauenbewegung und Feministische Literaturwissenschaft
2.2.2. Geschlechterforschung oder Gender‐Studies.
2.2.3. Queer‐Theory und Queer‐Reading.
2.2.4. Praktische Ansätze
2.3. Lotmans Raumstrukturierungstheorie
3. Die Liebeskonzeption im Siglo de Oro
3.1. Die Philosophie
3.1.1. Die platonische Liebe
3.1.2. Von der platonischen Liebe zur christlichen Liebe.
3.1.3. Die Seele (nach Aristoteles)
3.2. Die Medizin
3.2.1. Die Drei‐Kammer Theorie
3.2.2. Die Geister
3.2.3. Die Vier‐Säfte‐Lehre
3.2.4. Die Liebeskrankheit
3.3. Die Literatur
4. Die Frau in der Gesellschaft
4.1. Das Bild der Frau
4.1.1 Natur und Funktionen der Frauen
4.1.2. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
4.1.3. Moralische Modelle und Realität
4.2. Die räumliche Darstellung bei Cervantes und María de Zayas
4.2.1. El Celoso extremeño
4.2.2. El Celoso extremeño und la burlada Aminta.
4.2.3. Das Haus
4.2.4 Das Überschreiten der Grenzen
4.3. Die Frau bei Zayas und Cervantes
5. María de Zayas Prolog „Al que leyere“.
6. Das Heiraten
6.1. Die Hochzeitsverhandlungen
6.2. La fuerza de la sangre und la fuerza del amor.
6.3. Das Motiv der Hochzeit als Kritik der Gesellschaft.
7. Geld und Impotenz
7.1. Die Täuschungen der Frauen
7.1.1. Das Haus
7.1.2. Der geheime Liebhaber.
7.1.3. Doña Isidoras Alter
7.1.4. Der Diebstahl
7.2. Don Marcos‘ Geiz
7.3. Die Geldsymbolik
8. „Prähomosexualität“ bei Zayas und Cervantes
8.1. Prähomosexuelle Konzepte
8.1.1. Die Päderastie
8.1.2. Männerfreundschaft
8.1.3. Effemination und Inversion
8.2. La ilustre fregona
8.2.1. Die Figur des Carriazos
8.2.2. Familienbund und erotisches Dreieck
8.2.3. Raumanalyse
8.2.4. Der Esel
8.3. La burlada Aminta
8.3.1. Die Beziehung zwischen Flora und Aminta
8.3.2. Das erotische Dreieck.
8.3.3. Raumanalyse
8.4. Das homoerotische Begehren bei Zayas und Cervantes
9. Die Prostitution
9.1. La ilustre fregona
9.2. El castigo de la misería
9.2.1. Don Marcos und Carriazo
9.3. Die Umkehrung der Gender
10. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht, ob Liebe und Sexualität im Spanien des 17. Jahrhunderts von einer Frau anders wahrgenommen wurden als von einem Mann. Hierzu vergleicht die Autorin ausgewählte Novellensammlungen von Miguel de Cervantes (Novelas ejemplares) und María de Zayas (Novelas amorosas y ejemplares), um geschlechtsspezifische Unterschiede in der literarischen Darstellung von Identität, Raum und gesellschaftlichen Machtverhältnissen herauszuarbeiten.
2.1.2. Zayas Novelle als ré‐écriture von Cervantes
Der Titel von María de Zayas Novellensammlung Novelas Amorosas y ejemplares ist nicht zufällig gewählt. Durch diesen Titel wird der Bezug auf Cervantes‘ Novelas ejemplares evident. Auf den ersten Blick haben jedoch beide Werke nicht viel gemeinsam: Cervantes verwendet gern die Ironie und meistens haben seine Novellen ein glückliches Ende. Die Heldinnen von Zayas sind hingegen selten glücklich und mit Grausamkeit und Todesfällen wird hier nicht gespart.
Bei einer genaueren Analyse werden die Parallelen sichtbar. Der Bezug auf Cervantes ist bei María de Zayas so eindeutig, dass er kaum geleugnet werden kann. Wenn wir Genettes Theorie anwenden, zeigt sich, dass die beiden Werke auf mehreren Ebenen der transtextuellen Leiter verbunden sind.
Ein intertextueller Vergleich zweier Novellen fängt zwangsläufig mit einem Vergleich der behandelten Themen an. So ist festzustellen, dass es in el castigo de la misería und in el casamiento engañoso um einen Mitgiftsbetrug geht. Bei Cervantes heiraten Alférez Campuzano und Doña Estefania. Nach der Hochzeit erfährt Alférez, dass seine Frau nicht so reich ist, wie sie behauptet hat. Ihr angebliches Haus gehört in Wirklichkeit ihrer Freundin. In der Zwischenzeit ist Doña Estefania mit dem Geld ihres Ehemannes geflohen. Dieselbe Grundstruktur ist bei Zayas zu finden: fasziniert von ihrem Haus heiratet Don Marco die schöne Doña Isidora. Nach der Hochzeitsnacht entdeckt er, dass er betrogen wurde: Seine Frau ist bei weitem nicht so jung, wie sie in der Öffentlichkeit erscheint. Außerdem gehört das Haus ebenfalls nicht ihr. Genau wie bei Cervantes erfährt der Protagonist dies zu spät, das heißt nachdem Doña Isidora mit seinem Geld verschwunden ist.
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage, ob die Wahrnehmung von Liebe und Sexualität im Spanien des 17. Jahrhunderts vom Geschlecht abhängt, und stellt die zu vergleichenden Autoren Cervantes und Zayas vor.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel fasst zentrale Theorien zur Intertextualität (Genette), zu Gender-Studies und zur Raumstrukturierung nach Lotman zusammen, die für die literarische Analyse unerlässlich sind.
3. Die Liebeskonzeption im Siglo de Oro: Hier wird der historische Kontext der Liebesvorstellungen beleuchtet, indem philosophische und medizinische Theorien von der Antike bis zum 17. Jahrhundert in Bezug auf Körper, Seele und die Liebeskrankheit dargelegt werden.
4. Die Frau in der Gesellschaft: Es wird das patriarchale Frauenbild des 17. Jahrhunderts untersucht und analysiert, wie biblische sowie medizinische Konzepte zur Unterordnung der Frau beitrugen und in der Literatur reflektiert wurden.
5. María de Zayas Prolog „Al que leyere“.: Die Analyse von Zayas' Prolog zeigt auf, wie die Autorin ihre Position als schreibende Frau in einer männerdominierten Literaturwelt rechtfertigt und ihre eigene Intelligenz sowie die Gleichheit der Seelen argumentativ belegt.
6. Das Heiraten: Das Kapitel vergleicht die unterschiedliche Funktion der Hochzeit bei beiden Autoren: Während sie bei Cervantes oft als glückliches Ende fungiert, kritisiert Zayas das Heiraten als ökonomisches Geschäft, bei dem die Frau ihre Identität verliert.
7. Geld und Impotenz: Der Vergleich von Betrugsszenen zeigt, dass Reichtum eng mit sexueller Macht verknüpft ist, wobei die männliche Impotenz in diesen Texten oft durch materielle Gier symbolisiert wird.
8. „Prähomosexualität“ bei Zayas und Cervantes: Es werden Konzepte wie Päderastie, Männerfreundschaft und Inversion untersucht, um subtile homoerotische Strukturen und deren literarische Darstellung in den Novellen freizulegen.
9. Die Prostitution: Das Kapitel analysiert die Darstellung von Freudenhäusern und das Motiv der Prostitution, um die gesellschaftlichen Realitäten Sevillas und deren Widerspiegelung in der fiktionalen Literatur der Zeit zu erörtern.
10. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Zayas die cervantinischen Motive durch eine Umkehrung der Gender-Perspektive für eine gesellschaftskritische Darstellung nutzt und somit ihre literarische Verwandtschaft bei gleichzeitiger Eigenständigkeit beweist.
Intertextualität, Siglo de Oro, Cervantes, María de Zayas, Gender-Studies, Liebeskonzeption, Patriarhat, Raumstrukturierungstheorie, Liebeskrankheit, Homosexualität, Prostitution, Maskerade, Novelle, Identität, Geschlechterforschung
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich die Darstellung von Liebe und Sexualität in den Novellen von Miguel de Cervantes und María de Zayas unterscheidet und welche Rolle das Geschlecht der jeweiligen Autoren dabei spielt.
Die zentralen Themen sind der intertextuelle Vergleich von Liebes- und Ehekonzepten, die soziokulturelle Stellung der Frau im 17. Jahrhundert sowie die Darstellung von Sexualität, Homosexualität und Prostitution in der Literatur der frühen Neuzeit.
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass María de Zayas die cervantinischen Novellen als Grundlage nutzt, um sie aus einer weiblichen Perspektive neu zu interpretieren und dabei die patriarchalen Strukturen ihrer Zeit kritisch zu hinterfragen.
Die Arbeit nutzt Ansätze der Intertextualitätsforschung (insbesondere nach Gérard Genette), der Gender-Studies und der Raumstrukturierungstheorie von Jurij Lotman.
Der Hauptteil analysiert Liebesphilosophien, medizinische Theorien zur Liebeskrankheit, das gesellschaftliche Frauenbild, räumliche Konnotationen in den Novellen sowie die Darstellung von Macht, Geld, Impotenz und homoerotischen Begehren.
Wichtige Begriffe sind Intertextualität, Gender, Siglo de Oro, Weiblichkeit, Männlichkeit, Identität, Raumstrukturierung und die soziokulturelle Kritik an Ehe und Prostitution.
Das Modell beruht auf der vermeintlichen Ähnlichkeit der Anatomie von Mann und Frau, wobei die Frau als ein nach innen gekehrter, unvollkommener Mann verstanden wurde, was ihre gesellschaftliche Unterordnung und Festlegung auf den Innenraum (Haus) wissenschaftlich zu legitimieren versuchte.
Bei Zayas dient die Maskerade (Cross-dressing) nicht nur der Tarnung, sondern ist ein strategisches Mittel, um der Heldin den Zugang zum männlich geprägten Außenraum zu ermöglichen und gleichzeitig den geschlechtlichen Konflikt der Figur zu thematisieren.
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