Fachbuch, 2014
160 Seiten
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen
2. Poet: Der Architekt Iwan Iljitsch Leonidow
3. Prolog: Russisch-sowjetische Avantgarden
4. „Poesie der Zukunft“: Die dritte Revolution und ihre Architektur
4.1. Oktoberrevolution: Marxistische Theorie und leninistische Praxis
4.2. Kühne Entwürfe: WCHUTEMAS, fliegende Städte und schwebende Kugeln
4.3. Leonidow: „Lenin-Institut“ und „Volkskommissariat für Schwerindustrie“
5. „Poesie der Gegenwart“: Die vierte Revolution und ihre Architektur
5.1. Stalinsche Revolution von oben: Gordischer Knoten und „Leonidowerei“
5.2. Stalinsche Architektur: Formen und Poesie
5.3. Palastbau: Kugel-Verdrängung und Wettbewerbs-Entwürfe
6. „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“: Ein architekturtechnischer Vergleich
6.1. Architekturtechnik: Architekturstile und Techniktypen
6.2. Vergleich: Ding-, Macht-, Bedeutungs- und Selbst-Techniken
6.3. Bilanz: Passungsprofile und Funktionalismus
6.4. Nachgeschichte: Alexanderplatz und Palastzerfall
7. „Poesien der Vergangenheit“: Berliner „Masterplan“-Debatte
8. Epilog: Leonidows „Sonnenstadt“-Projekt
Die vorliegende Arbeit untersucht die architektonische Entwicklung und das Werk des sowjetischen Architekten Iwan Iljitsch Leonidow. Im Zentrum steht die Analyse des Spannungsfeldes zwischen den utopischen Entwürfen der frühen sowjetischen Avantgarde und der späteren, unter stalinistischem Einfluss stehenden Architektur, um die Frage zu beantworten, wie sich gesellschaftliche Transformationsprozesse in architektonischen Formen niederschlagen.
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen
„Ist das ein Blick in den siebenten Höllenkreis Dantes?“, fragte sich Jeanneret in der Randnotiz einer Luftaufnahme von Paris und antwortete, „Nein, das ist die gräßliche Behausung von 100 000 Städtern.... Diese Gesamtansicht wirkt wie ein Keulenschlag. Folgen wir bei unseren Spaziergängen dem Labyrinth der Straßen, so entzücken sich unsere Augen an der malerischen Welt dieser verschnörkelten Szenarien, die die Geister der Vergangenheit beschwören ... Die Tuberkulose, Demoralisierung, Elend, Schande triumphieren in dieser Hölle.“
Für den in der Schweiz geborenen Architekten, der unter dem angenommenen Namen Le Corbusier bekannt wurde, wuchsen die Großstädte des angelaufenen 20. Jahrhunderts nicht, sondern verwucherten. „Die Unordnung, die sich in ihnen vervielfältigt, wirkt verletzend: ihre Entartung verwundet unsere Eigenliebe und kränkt unsere Würde. Sie sind des Zeitalters nicht würdig: Sie sind unserer nicht würdig“, appellierte Le Corbusier in der erstmals 1925 publizierten Schrift „Urbanisme“ an seine Zeitgenossen und forderte, diesem unhaltbaren Zustand endlich ein Ende zu setzen, und zwar mit radikalen Einschnitten in den todkranken Stadtorganismus.
Das „Zentrum der Großstadt“ und die „schmierigen Gürtel der Vorstädte“ müssten komplett niedergerissen werden, damit „all dies Gewimmel, das sich bisher wie eine starre Kruste am Erdboden festklammerte, nun abgekratzt, weggeschafft und durch reine Glaskristalle ersetzt wird, die 200 m in die Höhe steigen, weitab voneinander und an ihren Füßen umspielt von dem Laubwerk der Bäume“. So entstünde eine „Hochstadt, eine Stadt, die ihre auf dem Boden zermalmten Einzelteile zusammenrafft und sie fern vom Boden, in Licht und Luft, zu neuer Ordnung zusammenfügt“.
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen: Einführung in die Thematik der Moderne und die kritische Auseinandersetzung mit der städtischen Unordnung.
2. Poet: Der Architekt Iwan Iljitsch Leonidow: Detaillierte biographische Darstellung des Werdegangs von Iwan Iljitsch Leonidow.
3. Prolog: Russisch-sowjetische Avantgarden: Kontextualisierung des soziokulturellen Milieus, in dem Leonidow wirkte.
4. „Poesie der Zukunft“: Die dritte Revolution und ihre Architektur: Untersuchung der marxistisch-leninistischen Grundlagen und ihrer architektonischen Ausprägungen.
5. „Poesie der Gegenwart“: Die vierte Revolution und ihre Architektur: Analyse der stalinistischen „Revolution von oben“ und ihres Einflusses auf die Architektur.
6. „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“: Ein architekturtechnischer Vergleich: Systematischer Vergleich der Stile anhand von Foucaults Techniktypen.
7. „Poesien der Vergangenheit“: Berliner „Masterplan“-Debatte: Analyse der städtebaulichen Auseinandersetzungen in Berlin am Beispiel des Masterplans.
8. Epilog: Leonidows „Sonnenstadt“-Projekt: Abschließende Betrachtung des späten Lebenswerks Leonidows.
Iwan Iljitsch Leonidow, Sowjetische Architektur, Konstruktivismus, Avantgarde, Stalinismus, Lenin-Institut, Volkskommissariat für Schwerindustrie, Modernismus, Architekturtechnik, Sozialistischer Realismus, Alexanderplatz, Berliner Masterplan, Raum-Zeit-Struktur, Funktionalismus, Stadtplanung.
Die Arbeit analysiert das Werk des sowjetischen Architekten Iwan Iljitsch Leonidow und bettet es in den historischen Kontext der russisch-sowjetischen Avantgarde sowie der nachfolgenden stalinistischen Epoche ein.
Die Untersuchung konzentriert sich auf Architekturtheorie, die Wechselwirkung zwischen politischer Ideologie und Bauformen sowie die Geschichte der Moderne in Russland und Deutschland.
Ziel ist es, die spezifische architektonische „Poesie“ in Leonidows Werk zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie sie an den soziokulturellen Bedingungen der Sowjetunion gemessen wurde.
Der Autor nutzt einen techniktheoretischen Ansatz in Anlehnung an Michel Foucault, um Architektur als Ordnungstechnik (Ding-, Macht-, Bedeutungs- und Selbst-Techniken) zu begreifen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der „Poesie der Zukunft“ (Avantgarde) und der „Poesie der Gegenwart“ (Stalinismus) und führt einen direkten Vergleich dieser beiden architektonischen Strömungen durch.
Zu den wichtigsten Begriffen gehören „Leonidowerei“, „Konstruktivismus“, „sozialistischer Realismus“ und die Konzepte der „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“.
Die Kugel dient als architektonischer Kontrapunkt, der im „Lenin-Institut“ ein hohes Maß an funktionaler und symbolischer Reflexion erzeugt und als „Schutz und Schwert“ gegen die Instrumentalisierung des Menschen fungiert.
Der Autor sieht in der Masterplan-Debatte eine Rückbesinnung auf historisierende Formen, die als neue „Poesie der Vergangenheit“ den Blick für alternative, modernere städtebauliche Konzepte verstellt.
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