Examensarbeit, 2012
87 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Jurij M. Lotmans Theorie der semantischen Räume und ihre Weiterführungen
2.1. Der funktionale Bezug zwischen Text und Welt
2.2. Der „künstlerische Raum“ - Der Text als Träger topographischer und topologischer Raumstrukturen
2.2.1 Die interne Gliederung des semantischen Raumes – Der „Extremraum“
2.2.2 Die „Linie im Raum“ – Die Grenze als ordnungsstrukturierendes Element
2.3 Der sujethafte Text – Von der Grenzüberschreitung zum Ereignis
2.3.1 Der Held als ordnungsdestruierendes Element
2.3.2 Die Ereignismodelle der Grenzüberschreitungstheorie
2.3.3 Das Modell der „normalen Ereignisse“
2.3.4 Das Metaereignis und die konflikthafte „innere Handlung“
2.4. Das Konsistenzprinzip – Die obligatorische Tilgung des ereignishaften Zustands
2.4.1 Tilgungsmodelle der Grenzüberschreitungstheorie
2.4.2 Die Fortsetzung der Ereignisstruktur – „Extrempunktregel“ und „Beuteholerschema“
2.5. Das Zeitkontinuum - Ereignisstruktur und Handlungsverlauf
2.6. Die Ereignishierarchie im sujethaften Text
2.6.1 Die Funktion des Ereignisses im sujethaften Text
2.7. Störung der raumimmanenten Ordnung durch Gewalteinwirkung
2.8. Die Sujetstruktur des höfischen Epos
3. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach - Eine Textanalyse: Der Isolationsraum
3.1 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Vom Tod Gahmurets bis zur selbstgewählten Isolation Herzeloydes
3.1.1 Die irreversible Grenzüberschreitung Gahmurets – Ein handlungsgenerierender Impuls
3.1.2 Herzeloydes Abhängigkeitsverhältnis – Surrogatbefriedigung in der Mutter-Kind-Dyade
3.1.3 Motivationen für die topographische Grenzüberschreitung Herzeloydes – Die Isolation als Selbsterhaltungszweck
3.2 Die Einöde von Soltane – Die Konzeptionellen Aspekte eines Isolationsraumes
3.2.1 Ein semantischer Raum ohne den Aspekt des Rittertums
3.2.2 Ein semantischer Raum ohne Sozialisations- und Entfaltungsmöglichkeiten
3.2.3 Ein semantischer Raum mit defizitärer religiöser Erziehung
3.3 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Die Jagdepisode
3.3.1 Parzivals ritterliche art – Das genetisch- geistige Erbe Gahmurets
3.3.2 ‘waz wîzet man den vogelîn?’ – Herzeloydes Grenzüberschreitung wider die Ordnung der Natur
3.4 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Parzivals Begegnung mit Karnahkarnanz
3.4.1 Die Begegnung mit Karnahkarnanz als Initiationsmoment für die Generierung eines Metaereignisses
3.4.2 Parzival der tumbe Narr – Herzeloydes letzte Grenzüberschreitung
3.5 Parzivals Wegzug aus dem Isolationsraum – Die topographische Grenzüberschreitung als Ereignistilgung
4. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach - Eine Textanalyse: Der höfische Raum
4.1 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Die Jeschûte –Episode
4.1.1 Die topographische Grenzüberschreitung Parzivals vom Isolationsraum in die höfische Welt
4.1.2 Parzivals Eindringen in den Intimraum Jeschûtes – Eine gewalthaltige Grenzüberschreitung
4.1.3 Parzivals Verhalten als Auslöser massiver Grenzüberschreitungen - Die unrechtmäßige Sanktionierung Jeschûtes
4.2 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Die Sigune-Episode
4.2.1 Das sukzessive Aufgehen im Gegenraum – Parzivals fortschreitende Raumintegration in der Sigune-Episode
4.3 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Parzival am Artushof und der Kampf gegen Ither von Gaheviez
4.3.1 Parzival als Fremdkörper und Teil des höfischen Raumes
4.3.2 Parzival am Artushof – Das Eindringen des Helden in den Extremraum der höfischen Welt
4.3.3 Parzivals Kampf gegen den Roten Ritter – Grenzüberschreitung durch Verwandtentötung
4.3.4 Das Äußere Parzivals – Symbol für den inneren Zustand des Helden zwischen den Räumen
4.4 Parzivals ritterliche Ausbildung bei Gurnemanz – Die Integration des Helden in den höfischen Raum
4.4.1 Die Lehren Gurnemanz’ als Prädisposition für die Grenzüberschreitung Parzivals im Gralsraum
5. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach – Eine Textanalyse: Der Gralsraum
5.1 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Parzivals Heirat mit Condwiramurs und das Versagen auf Munsalvaesche
5.1.1 Ereignistilgung und Ordnungsrestitution im Königreich von Brôbarz
5.2 Parzivals Grenzüberschreitung vom höfischen Raum in die Gralswelt - Grenzüberschreitung durch Versagen
5.2.1 Der Auslöser für die irreversible Grenzüberschreitung – Die Sündhaftigkeit Parzivals
5.2.2 Grenzüberschreitung durch Gotteshass – Die dreimalige Verfluchung Parzivals
5.3 Kontextuierung der zu untersuchenden Textstellen: Parzivals Weg zu Trevrizent
5.3.1 Habt ir geprüevet noch sîn art? Vergebung und Selbstfindung als Wegbereiter für die Gralsherrschaft
5.3.2 Die Unterweisungen Trevrizents
5.3.3 Die ritterliche Bewährung als Vorstufe zur Gralsherrschaft – Die Verwandtenkämpfe gegen Gawan und Feirefiz
5.3.4 Parzival, du krône menschen heiles - Die Transformation des Extrempunkts im Gralsraum als Manifestation der Grenzüberschreitung Gottes
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Protagonisten in Wolframs von Eschenbach "Parzival" unter Anwendung der Theorie der semantischen Räume von Jurij M. Lotman. Dabei steht die These im Vordergrund, dass die Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung des Helden untrennbar mit Grenzüberschreitungen zwischen den verschiedenen im Text generierten semantischen Räumen verbunden sind.
3.1.2 Herzeloydes Abhängigkeitsverhältnis – Surrogatbefriedigung in der Mutter-Kind-Dyade
Von hoher Wichtigkeit ist das Abhängigkeitsverhältnis Herzeloydes zu Gahmuret. Ohne seine Anwesenheit scheint das Leben der Königin jeglichen Sinnes zu entbehren. Dieses Abhängigkeitsverhältnis zum Ehemann gewinnt insbesondere in der im Weiteren zu analysierenden Mutter-Kind-Beziehung eine hohe Relevanz. Der verstorbene Gahmuret sowie der ungeborene Parzival scheinen in der seelischen Ausnahmesituation der Trauernden zu verschmelzen: ich was vil junger dann er /, und bin sîn muoter und sîn wîp. / ich trage alhie doch sînen lîp / und sînes verhes sâmen (109,24-27).
In der Geburt ihres Sohnes wird nach dieser Interpretation der tote Geliebte wiedergeboren. Die Folgeereignisse verifizieren diese These: Indem Herzeloyde, von maßloser Trauer übermannt, ihre Brüste in Anwesenheit des Hofstaates entblößt, diese mit dem Mund liebkost und sich selbst mit der darin befindlichen Milch begiezen will (vgl. 110,23-111,13), erhält die Darstellung eine latent sexuelle Konnotation, welche in Bezug auf die Liebe zwischen Mutter und Kind schlichtweg unangebracht erscheint. Es handelt sich somit auch hier um eine grenzüberschreitende Verhaltungsweise. Neben dem grenzüberschreitenden Klageverhalten der Königin zeichnet sich daher eine weitere Brechung der von der Gesellschaft vorgegebenen rauminternen Norm- und Ordnungsmuster ab.
Die bis hierhin festgehaltenen Beurteilungen der Ereignisse folgen im weiteren Textverlauf dem ebengleichen gestörten Ordnungsmuster. Nach der Geburt Parzivals steht für Herzeloyde sowie für die Hofdamen die Männlichkeit des Neugeborenen im Zentrum der Betrachtung: dô diu küngîn sich versan / und ir kendel wider zier gewan, / sie und ander frouwen / begunde betalle schouwen / zwischen ginn sîn visellîn. / er muose vil getiutet sîn, / do er hete manlîchiu lit. / er wart mit swerten sît ein smit, / vil fiwers er von helmen sluoc: / sîn herze manlîch ellen truoc. (112,21-30).
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Theorie der semantischen Räume nach Lotman als methodisches Werkzeug, um die psychisch-mentale und religiöse Entwicklung von Parzival im höfischen Erzähltext zu untersuchen.
2. Jurij M. Lotmans Theorie der semantischen Räume und ihre Weiterführungen: In diesem theoretischen Kapitel werden die Kernpunkte der Raumtheorie sowie deren Weiterentwicklungen erläutert, um ein Verständnis für die Funktionsweise literarischer Weltmodelle zu schaffen.
3. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach - Eine Textanalyse: Der Isolationsraum: Das Kapitel analysiert, wie die Flucht Herzeloydes in die Einöde von Soltane durch den Verlust Gahmurets motiviert ist und welche negativen Auswirkungen diese Isolation auf die Erziehung Parzivals hat.
4. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach - Eine Textanalyse: Der höfische Raum: Hier steht die Integration Parzivals in die höfische Welt und dessen oft konfliktreiches Aufeinandertreffen mit den dort herrschenden Normen und Personen im Zentrum.
5. Grenzüberschreitungen im Parzival Wolframs von Eschenbach – Eine Textanalyse: Der Gralsraum: Der letzte Analyseteil widmet sich dem Scheitern und der späteren Läuterung Parzivals im Gralsraum, wobei die Sündhaftigkeit und die Gnade Gottes zentrale Rollen spielen.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bestätigt, dass die Entwicklung des Helden zwangsläufig über Grenzüberschreitungen und die Überwindung seiner Sündhaftigkeit hin zur Teilhabe an der Gnade Gottes führt.
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Jurij M. Lotman, semantische Räume, Grenzüberschreitung, Ereignistilgung, höfischer Roman, Identitätsfindung, Sündhaftigkeit, Gnade Gottes, Herzeloyde, Soltane, Munsalvaesche, Raumtheorie, Literaturwissenschaft.
Die Arbeit untersucht die Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung des Helden Parzival in Wolframs von Eschenbach Epos, indem sie die Handlungsabläufe als systematisches Netz von Grenzüberschreitungen innerhalb semantischer Räume interpretiert.
Die zentralen Themen sind die Raumtheorie nach Lotman, die Analyse der verschiedenen Schauplätze (Isolationsraum Soltane, höfischer Raum, Gralsraum) sowie die moralische und religiöse Entwicklung des Protagonisten durch Buße und Gnade.
Die Forschungsfrage lautet, wie die psychisch-mentale sowie religiöse Entwicklung des Helden abläuft und in welchen größeren Kontext der Reifungsprozess innerhalb der vorgegebenen Raumordnungen eingeordnet werden kann.
Als methodisches Werkzeug dient die Theorie der semantischen Räume des baltischen Semiotikers Jurij M. Lotman, weitergeführt durch Rainer Warning und Hans Krah.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung und drei große Textanalysen zu den drei zentralen Räumen des Epos: dem Isolationsraum von Soltane, dem höfischen Raum der Artuswelt und dem Gralsraum.
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe sind Grenzüberschreitung, semantische Räume, Ereignistilgung, Sündhaftigkeit, Gnade Gottes und Identitätsfindung.
Die Beziehung zu Herzeloyde ist in der Arbeit als "Iokastekomplex" oder "Dyade Mutter-Sohn" charakterisiert, in der die Mutter Parzival als Ersatzobjekt für den verstorbenen Gatten nutzt und so seine Entwicklung durch eine defizitäre Erziehung und Isolation behindert.
Der Mord an Ither wird als irreversible Grenzüberschreitung und als "Kainsmal" gedeutet, das die tiefgreifende Sündhaftigkeit Parzivals offenbart und ihn für eine gewisse Zeit von der Gnade Gottes und der Gralsgemeinschaft exkludiert.
Obwohl Gurnemanz Parzival in höfische Tugenden einführt, sind seine Lehren – etwa das Gebot, nicht zu fragen – für den transzendentalen Gralsraum inadäquat und tragen somit unbeabsichtigt zum anfänglichen Versagen Parzivals bei.
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