Magisterarbeit, 1998
101 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Definition und Entwicklung des Antisemitismus’ bis in die 1890er Jahre
2.1 Ursprung und Definition des Wortes Antisemitismus
2.2 Judenfeindschaft als christliches Motiv
2.3 Die Judenemanzipation als Basis für die Entstehung des Antisemitismus’
2.4 Das fortschrittsfeindliche Motiv des Antisemitismus’
2.4.1 Juden als Zerstörer christlichen Wohlstandes
2.4.2 Juden als Zerstörer christlicher Werte
2.5 Das nationalistische Motiv des Antisemitismus’
2.6 Das völkische Motiv des Antisemitismus’
2.7 Antisemitismus im deutschkonservativen Milieu vor 1890
2.8 Antisemitismus zu Beginn der 1890er Jahre
3 Die Krisenzeit der Deutschkonservativen Partei
3.1 Der drohende politische Macht- und Einflußverlust
3.1.1 Die Bedrohung durch Caprivis Versöhnungspolitik
3.1.2 Die Bedrohung des junkerlichen Einflusses in Preußen
3.1.3 Enttäuschte Hoffnungen auf Wilhelm II.
3.2 Der drohende wirtschaftliche Einflußverlust
3.3 Die begründete Furcht vor Wahlverlusten
3.3.1 Die Furcht vor der Böckel - Bewegung
3.3.2 Die Furcht vor Ahlwardts Erfolgen
3.4 Die Führungskrise innerhalb der DKP
3.4.1 Helldorff und sein traditioneller Führungsstil
3.4.2 Die Chance der Kreuzzeitungsgruppe
3.5 Das Ausmaß der Krise vor dem Tivoli - Parteitag
4 Propagierung des Antisemitismus’ als Weg aus der Krise
4.1 Der Tivoli - Parteitag und die Diskussion über die Aufnahme des Antisemitismus’ in das Parteiprogramm
4.2 Antisemitismus in der deutschkonservativen Programmatik
4.2.1 Der Antisemitismus im Tivoli - Programm
4.2.2 Antisemitismus im Gründungsprogramm der DKP von 1876
4.3 Die DKP nach Tivoli: Antisemitismus in Annäherung an die Antisemitenparteien?
4.4 Gründung, Wesen und Funktion des Bundes der Landwirte (BdL)
4.5 Antisemitismus: ein Weg aus der Krise?
5 Das Ende der Krise für die Deutschkonservative Partei
5.1 Die Stagnation des politischen Antisemitismus’
5.2 Der Erhalt des politischen Einflusses der Deutschkonservativen
5.3 Das Ende der innerparteilichen Opposition
6 Schlußbetrachtung
7 Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.1.1 Biographisches und Autobiographisches
7.1.2 Antisemitismus
7.1.3 Quellen zur und über die Deutschkonservativen Partei
7.1.4 Sonstige Quellen
7.2 Literatur
7.2.1 Judentum und Antisemitismus
7.2.2 Deutschkonservative Partei und Konservatismus
7.2.3 Sonstige Literatur
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption und Integration des Antisemitismus in das Parteiprogramm der Deutschkonservativen Partei während der Regierungszeit des Reichskanzlers Leo von Caprivi (1890–1894). Das primäre Ziel besteht darin zu analysieren, aus welchen Gründen die DKP den Antisemitismus offiziell in ihr Programm aufnahm, welches Ziel sie damit verfolgte und ob dieser Vorgang als politische Kehrtwende oder als evolutorischer Prozess innerhalb der Partei zu werten ist.
Die Judenemanzipation als Basis für die Entstehung des Antisemitismus’
Unter Judenemanzipation wird allgemein der Vorgang der rechtlichen und politischen Gleichstellung der Juden mit der nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit eines Landes verstanden. Anders als in den Vereinigten Staaten von Amerika oder Frankreich, wo die Religionsfreiheit in den Verfassungen von 1776 bzw. 1791 verankert und somit von einem Tag auf den anderen vollständig gewährt worden war, begann um 1770 in den Deutschen Staaten ein Entwicklungsprozeß hin zur Gleichstellung der Juden, der bis 1871, also über hundert Jahre andauern sollte. Als Gründe für das aufkommende Interesse an den Juden können zum einen der Geist der Aufklärung und zum anderen Auflösungserscheinungen des Ancien Régime angeführt werden.
Die Philosophie der Aufklärung, in der das Prinzip der Gleichheit aller Menschen eine zentrale Rolle einnimmt, hat die Juden nur als Randproblem betrachtet. Dennoch hatte das Judentum zwei herausragende Fürsprecher: den Dichter Gotthold Ephraim Lessing und den preußischen Staatsbeamten Christian Wilhelm Dohm. Lessings dramatisches Gedicht Nathan der Weise, das 1779 uraufgeführt wurde, behandelte das Thema der Judenemanzipation zunächst nur unter dem Gesichtspunkt religiöser Toleranz. Dohms Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ von 1781 bezog auch die bestehende rechtliche Situation ein, indem er darauf verwies, daß der Jude nicht von Natur aus ein Außenseiter sei, sondern die gesetzlich auferlegten Beschränkungen ihn zum Außenseiterdasein zwängen. Deshalb forderte Dohm für die Juden die gleichen Rechte wie für alle übrigen, damit auch Juden die Möglichkeit hätten, ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden.
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie antisemitisches Gedankengut sich in Deutschland während der Ära Caprivi etablieren konnte und welche Rolle die Deutschkonservative Partei dabei spielte.
2 Definition und Entwicklung des Antisemitismus’ bis in die 1890er Jahre: In diesem Kapitel werden die verschiedenen Motive des Antisemitismus (christlich, fortschrittsfeindlich, nationalistisch, völkisch) sowie deren Entstehungsgeschichten systematisch aufgearbeitet.
3 Die Krisenzeit der Deutschkonservativen Partei: Hier wird der politische und wirtschaftliche Bedeutungsverlust der Konservativen unter Caprivi analysiert, der zu einer existenziellen Krise und Führungsproblemen innerhalb der DKP führte.
4 Propagierung des Antisemitismus’ als Weg aus der Krise: Dieses Kapitel behandelt den Tivoli-Parteitag von 1892, auf dem der Antisemitismus offiziell in das Parteiprogramm aufgenommen wurde, um die Partei zu einen und Wähler zurückzugewinnen.
5 Das Ende der Krise für die Deutschkonservative Partei: Hier wird dargelegt, wie die Krise der Partei durch die Entlassung Caprivis und die Gründung des Bundes der Landwirte (BdL) überwunden wurde und wie sich der Antisemitismus weiter verfestigte.
6 Schlußbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach der Antisemitismus ein wesentlicher Bestandteil der geistigen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert war und die DKP instrumental nutzte, um ihre politisch-ideologische Position zu stabilisieren.
Antisemitismus, Deutschkonservative Partei, DKP, Leo von Caprivi, Judenemanzipation, Tivoli-Parteitag, Bund der Landwirte, Junker, konservatives Milieu, Sozialismus, Nationalismus, Rassenideologie, Radau-Antisemitismus, Wahlverluste.
Die Arbeit untersucht, warum die Deutschkonservative Partei im Jahr 1892 den Antisemitismus offiziell in ihr Parteiprogramm aufnahm und welche politischen sowie strategischen Überlegungen der Junker und Parteistrategen dabei eine Rolle spielten.
Zu den zentralen Themen gehören die Entstehung moderner antisemitischer Motive, die wirtschaftliche Krise der Landwirtschaft, der Strukturwandel des Konservatismus und die strategische Nutzung von Feindbildern zur Massenmobilisierung.
Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob die Aufnahme des Antisemitismus in das Parteiprogramm eine inhaltliche Kehrtwende der Deutschkonservativen darstellte oder ob es sich lediglich um eine taktische Anpassung handelte, um den politischen Einfluss zu wahren.
Es handelt sich um eine strukturgeschichtliche Analyse, die auf der Auswertung von Parteiprogrammen, zeitgenössischen Presseorganen (wie der Kreuzzeitung), politischen Korrespondenzen und Memoiren sowie moderner sozialhistorischer Forschung basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der antisemitischen Ideengeschichte, die Untersuchung der parteiinternen Führungskrisen sowie die spezifische Bedeutung des Tivoli-Parteitags und die spätere Gründung des Bundes der Landwirte als Alternative zur Radikalisierung.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Antisemitismus, Deutschkonservative Partei, Junker, Agrarkrise und politische Mobilisierung charakterisiert.
Der Tivoli-Parteitag markierte einen Wendepunkt, da die DKP dort offiziell den Antisemitismus adaptierte, um als moderne Massenpartei gegenüber aufkommenden populistischen Strömungen bestehen zu können.
Die DKP distanzierte sich zunächst von den radikalen, völkisch orientierten Antisemitengruppen (wie jenen um Böckel oder Ahlwardt), da sie deren revolutionäres Potential und die Gefährdung der bestehenden Ordnung fürchtete, näherte sich diesen aber unter dem Druck der Wählerbasis zunehmend an.
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