Magisterarbeit, 2013
92 Seiten, Note: 2,3
1 Das Thema
1.1 Etymologische Erschließung des begrifflichen Umfeldes
1.2 Leitgedanken, Thesen und Meinungen zur probabilistischen Revolution und seinen Auswirkungen auf die Literatur
2 Untersuchungen zur Schicksalssemantik
2.1 Die Schicksalssemantik der Antike im Rahmen einer metaphysischen Ordnung
2.1.1 Das Orakel von Delphi
2.1.2 Wesensbestimmung und Eingrenzung der Begriffe Zufall Wahrscheinlichkeit und Zukunft bei Aristoteles, Platon und Cicero
2.1.2.1 Die Rolle des Zufalls in der aristotelischen Philosophie
2.1.2.2 Die Rolle der Wahrscheinlichkeit in der Rhetorik von Aristoteles und von Cicero
2.1.2.3 Die Rolle der Wahrscheinlichkeit in der Poetik von Aristoteles und Platon.
2.1.2.4 Der Begriff der Zukunft in der Philosophie von Aristoteles
2.2 Die Schicksalssemantik des Mittelalters im Rahmen einer providentiellen Ordnung
2.2.1 Die Doktrin des Augustinus
2.2.2 Die Doktrin von Thomas von Aquin
2.2.3 Die neue Doktrin der providentiellen Ordnung bei Calvin
2.2.4 Aleatorische Praktiken als sakrale Entscheidungsinstanz
2.2.5 Die Verbannung des Glückspiels und der astrologischen Schicksalsbefragung
2.3 Die Sprengung der Schicksalssemantik und der Ordnung durch die mathematische Analyse des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit
2.3.1 Pascal und Fermat: Dialog zum unvollendeten Spiel
2.3.2 Der Brückenschlag von der Wahrscheinlichkeit der antiken Rhetorik zur neuen Wahrscheinlichkeit der Mathematiker
2.3.2.1 Die Logik von Port Royal
2.3.2.2 Leibniz und die neue Rhetorik der Wahrscheinlichkeit
2.4 Das Erdbeben von Lissabon
2.4.1 Das Erdbeben von Lissabon und seine Auswirkungen auf die Schicksalssemantik und die Doktrin der providentiellen Ordnung
2.4.2 Der Theodizeebegriff bei Leibniz
2.4.3 Poème sur le Dèsastre de Lisbonne
2.4.4 Die Antwort Rousseaus auf das Gedicht von Voltaire
3 Die neue Leitsemantik der Aufklärung im Spiegel der Literatur Voltaire - Defoe - Kleist
3.1 Voltaires satirische Antwort auf eine neue vernunftorientierte Schicksalssemantik
3.1.1 Candide, ou l`Optimisme
3.1.2 Charakteristika des Romanerzählens bei Voltaire
3.2 Daniel Defoes: Unkalkulierbares Abenteuer oder abschätzbares Risiko
3.2.1 Of Listening to the Voice of Providence
3.2.2 Defoes Auseinandersetzung mit Glücksspiel, Wette und Empirismus aus der Perspektive eines Ökonomen
3.2.3 Robinson Crusoes Güterabwägung von Chancen und Risiken
3.2.4 Charakteristika des Romanerzählens bei Daniel Defoe
3.3 Heinrich von Kleist: Eruptive Gewalt als unkalkulierbare Variable des Lebens
3.3.1 Heinrich von Kleists Auseinandersetzung mit dem sich etablierenden Paradigma des Empirismus
3.3.2 Zufall und Ordnung in der Ästhetik Heinrich von Kleists
3.3.3 Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten
3.3.4 Das Erdbeben von Chili
3.3.5 Charakteristika des Romanerzählens bei Heinrich von Kleist
4 Schlussbetrachtungen
4.1 Reflektion der wichtigsten Thesen
4.2 Resümee und Ausblick
Die Arbeit untersucht den tiefgreifenden Wandel in der Schicksalssemantik während der Aufklärung (1650–1850) und analysiert, wie diese Entwicklung die literarische Produktion und die Entstehung des modernen Romans beeinflusst hat. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwieweit der Roman als Medium zur Reflexion von Kontingenz fungiert und wie die neu aufkommende mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie mit traditionellen, providentiellen Vorstellungen kollidierte.
2.1.2.1 Die Rolle des Zufalls in der aristotelischen Philosophie
Für Aristoteles war es unbezweifelbar, „dass Schicksalsfügung und Zufall wirklich etwas sind.“35
Diese Aussage ist nicht selbstverständlich. Denn betrachtet man die Dramen und Epen der Antike, so wird deutlich, dass der Zufall als ein mythisches, übernatürliches Phänomen galt, welcher in der Welt der Götter oder Halbgötter angesiedelt war und kein kalkulierbarer Bestandteil menschlichen Handelns sein konnte. Das Homer zugeschriebene Epos `Odyssee` verkörpert geradezu diese mystische Welt von Geschehnissen, die durch übermächtige Figuren und Halbgötter ausgelöst und bestimmt wurden.
Zu Beginn seiner Reflexionen zur „Schicksalsfügung“ (tyche als Zufall im Bereich des menschlichen Handlungen) und zum Zufall (automaton als Zufall im Bereich der Natur)36 kritisiert der griechische Philosoph diejenigen theoretischen Positionen, die seiner Meinung nach unzureichend sind, um ein Phänomen wie den Zufall zu verstehen:
„Nicht die Leugnung des Zufalls oder die unterlassene Behandlung des Phänomens trotz Anerkennung seiner Existenz , auch nicht die Überhöhung als kosmologisches Urprinzip oder als etwas göttliches und Übernatürliches lässt Aristoteles als wirkliche Erkenntnisleistung der Vernunft gelten.“37
Stattdessen ordnet er das Problem dem Bereich der Ursachen zu und verortet Zufälle in Ordnungen, in denen diese ontisch und der Erfahrung nach stattfinden, nämlich „dort, wo etwas auch anders sein kann.“38 Trotzdem gibt es nach Aristoteles keine Wissenschaft vom Zufall, da dieser sich durch seine Unbeständigkeit, Unbestimmtheit und Nebensächlichkeit auszeichnet.
Mit diesen wenigen Sätzen hat der griechische Philosoph zwei wichtige Erkenntnisleistungen erbracht. Zum einen hat er mit der Unterscheidung von „tyche“ und „automaton“ das Universum möglicher Zufälle sinnvoll in die Bereiche aufgeteilt, die dem menschlichen Handeln zugeordnet werden können und solchen, die er als Zufälle im Bereich der Natur definiert. Andererseits hat er mit der schlichten Aussage, dass `Schicksalsfügung und Zufall wirklich etwas sind`, den Zufall entmythologisiert.
1 Das Thema: Einführung in die probabilistische Revolution zwischen 1650 und 1850 und die zentrale These der Arbeit über den Zusammenhang von Roman und Kontingenzreflexion.
2 Untersuchungen zur Schicksalssemantik: Analyse der historischen Entwicklung von Schicksals- und Wahrscheinlichkeitsvorstellungen von der Antike über das Mittelalter bis zur mathematischen Revolution und dem Erdbeben von Lissabon.
3 Die neue Leitsemantik der Aufklärung im Spiegel der Literatur Voltaire - Defoe - Kleist: Detaillierte Untersuchung, wie die drei Autoren das neue Verständnis von Kontingenz und Wahrscheinlichkeit in ihren Werken literarisch verarbeiten und den traditionellen providentiellen Rahmen hinterfragen.
4 Schlussbetrachtungen: Zusammenfassende Reflektion der Thesen und Ausblick auf die Bedeutung des Wandels der Schicksalssemantik für die Entwicklung des Erzählens.
Probabilistische Revolution, Aufklärung, Schicksalssemantik, Wahrscheinlichkeit, Kontingenz, Providenz, Zufall, Roman, Voltaire, Daniel Defoe, Heinrich von Kleist, Theodizee, Erdbeben von Lissabon, Mimesis, Realismus
Die Magisterarbeit untersucht den Wandel des Verständnisses von Schicksal, Zufall und Wahrscheinlichkeit während der Aufklärung und dessen Auswirkungen auf die literarische Gattung des Romans.
Die Arbeit verknüpft Kulturgeschichte, Philosophie, Mathematik und Literaturwissenschaft. Im Fokus stehen der Übergang von religiös begründeter Vorsehung zu einem rationalen, mathematisch fundierten Wahrscheinlichkeitsdenken und wie dies das Erzählen verändert hat.
Die Autorin untersucht die These, dass der Roman zum zentralen Medium der Kontingenzreflexion wurde und wie sich die „probabilistische Revolution“ in den Werken ausgewählter Autoren widerspiegelt.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die etymologische Herleitungen, philosophische Diskursanalysen und vergleichende Textinterpretationen (Voltaire, Defoe, Kleist) nutzt.
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Herleitung der Begriffe (Antike, Mittelalter), die mathematische Revolution durch Pascal, Fermat und Leibniz sowie die exemplarische Anwendung dieses Wandels auf die Erzählweisen von Voltaire, Defoe und Kleist.
Wichtige Schlagworte sind die probabilistische Revolution, Kontingenz, Providenz, Schicksalssemantik, das „Problem der Punkte“ und die Entwicklung des realistischen Erzählens.
Das Ereignis von 1755 gilt als paradigmatisch, da es die optimistische Leibnizsche Theodizee-Lehre („beste aller möglichen Welten“) massiv erschütterte und eine intellektuelle Debatte auslöste, die den Glauben an eine göttliche Weltordnung in Frage stellte.
Das Glücksspiel diente als mathematisches Modell für den kalkulierbaren Zufall. Die Mathematiker begannen, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, was später auf lebensweltliche Situationen übertragen wurde, obwohl die Anwendung auf das reale Leben anfangs hochumstritten war.
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