Diplomarbeit, 2000
101 Seiten, Note: 1,7
Vorwort
1. Einleitung
2. Zur Definition des Begriffes „Sekte“
3. Mögliche Kriterien totalitärer Sekten
4. Die besondere Problematik bei Kindern und Jugendlichen in totalitären Sekten
5. Entwicklungspsychologische Aspekte
5.1 Erik H. Eriksons Theorie der Persönlichkeitsentwicklung
5.2 Das Konzept der Entwicklungsaufgaben
5.3 Die Identitätsbildung
6. Die Geschichte der Neuapostolischen Kirche (NAK)
6.1 Lehre und Ziele der NAK
6.2 Die Persönlichkeitsbildung der NAK bei Kleinkindern (0-3 Jahre)
6.3 Die Sonntagsvorschule der NAK (3. bis 6. Lebensjahr)
6.4 Die Sonntagsschule der NAK (ab dem 6. Lebensjahr)
6.5 Religionsunterricht und Konfirmation (10. bis 14. Lebensjahr)
6.6 Die Jugendpflege in der NAK (10. bis 18. Lebensjahr)
6.7 Psychische Auswirkungen
6.8 Resümee zur NAK
7. Die Geschichte der Zeugen Jehovas
7.1 Weltanschauung der Zeugen Jehovas
7.2 Kindererziehung und die „nötige“ Zucht bei den Zeugen Jehovas
7.3 Die Schaffung von Phobien
7.4 Soziale Ausgrenzung
7.5 Sexualerziehung bei den Zeugen Jehovas
7.6 Exkurs: Bluttransfusion und ideologische Überzeugung
7.7 Psychische Auswirkungen
7.8 Beurteilung der Zeugen Jehovas
8. Resümee: Mögliche Nichtbewältigung von Entwicklungsaufgaben bei Kindern und Jugendlichen der NAK und der Zeugen Jehovas
9. Exkurs: Die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in anderen totalitären Sekten
9.1 Die Scientology-Organisation
9.2 Die Sant Thakar Singh-Bewegung
9.3 Das „Universelle Leben“
10. Grenzen der Religionsfreiheit und rechtsstaatliches Handeln
11. Professionalisierungsmöglichkeiten im Umgang mit totalitären Sekten als Aspekt der sozialen Arbeit
11.1 Die Professionalisierung von Sektenberatungsstellen
11.2 Bildung und Weiterbildung
11.3 Therapiemodell für Sektenaussteiger: Das Odenwälder Wohnhof-Projekt
11.4 Vernetzung verschiedener Einrichtungen
11.5 Förderung von Forschungsprojekten
Ausblick
Die Arbeit untersucht die entwicklungspsychologischen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, die in totalitären Sekten (am Beispiel der Neuapostolischen Kirche und der Zeugen Jehovas) aufwachsen. Ziel ist es zu analysieren, ob und inwiefern diese jungen Menschen in ihrer autonomen Persönlichkeitsentwicklung gehemmt sind und welche Anforderungen sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben.
6.2 Die Persönlichkeitsbildung der NAK bei Kleinkindern (0-3 Jahre)
Schon in den ersten Lebenswochen, werden Kleinkinder mit in die Gottesdienste genommen. In vielen Gemeinden existiert ein ‚Müttersaal‘, welcher als Disziplinierungsraum genutzt wird. Um den Sanktionen der Gemeindemitglieder zu entgehen, können die Mütter sich hierhin zurückziehen um ihre Kinder auf unterschiedlichste Weise zu maßregeln und zu züchtigen. Oft entlädt sich die Wut über die Sanktionen der Gemeinde (z.B. böse Blicke oder Ermahnung zur Ruhe) auf die Kinder.
Stoffel bezieht sich im weiteren auf eine Richtlinie für Amtsträger in der NAK, welche schon vor Beginn des Gottesdienstes eine heilige Stille und ehrfürchtiges Erwarten verlangt. Hierzu führt er an, daß solch eine Regelung nur dann durchführbar ist, wenn Mütter Züchtigungsmittel einsetzten, um ihre Kinder ruhigzustellen. Der natürliche Bewegungsdrang des Kindes, welcher die motorischen Fähigkeiten fördern soll, wird hierbei völlig außer acht gelassen. So läßt sich vermuten, daß Kinder u.U. Ängste entwickeln, sich in ihrer natürlichen Weise zu bewegen.
Nach Erikson baut sich Urvertrauen bei Kindern durch die Verläßlichkeit und Zuneigung der Pflegeperson auf. Doch durch züchtigende Maßnahmen, welche die Kinder in der NAK erleben, weil sie ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben, erscheint es eher unwahrscheinlich, daß sie dieses Urvertrauen aufbauen, zumal den Kindern in diesem Alter die verbalen Fähigkeiten fehlen „Anweisungen“ zu befolgen, die nicht ihrer natürlichen Entwicklung entsprechen.
1. Einleitung: Beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und die Entstehung von Sekten als Antwort auf Orientierungslosigkeit.
2. Zur Definition des Begriffes „Sekte“: Erörtert die gesellschaftliche und umgangssprachliche Problematik bei der Definition des Sektenbegriffs.
3. Mögliche Kriterien totalitärer Sekten: Stellt Merkmale totalitärer Gruppierungen wie Ideologie, Führungskult und Bewusstseinskontrolle vor.
4. Die besondere Problematik bei Kindern und Jugendlichen in totalitären Sekten: Beleuchtet das weitgehend unerforschte Konfliktpotenzial bei der Erziehung in geschlossenen, sektiererischen Systemen.
5. Entwicklungspsychologische Aspekte: Legt theoretische Grundlagen wie Eriksons Stufenmodell und Havighursts Entwicklungsaufgaben dar.
6. Die Geschichte der Neuapostolischen Kirche (NAK): Analysiert detailliert Lehre, Erziehungspraktiken und psychische Folgen bei NAK-Kindern.
7. Die Geschichte der Zeugen Jehovas: Untersucht Weltanschauung, Erziehung, Phobienbildung und die Rolle der Bluttransfusionsthematik.
8. Resümee: Mögliche Nichtbewältigung von Entwicklungsaufgaben bei Kindern und Jugendlichen der NAK und der Zeugen Jehovas: Fasst die entwicklungshemmenden Folgen der Sozialisation in diesen Sekten zusammen.
9. Exkurs: Die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in anderen totalitären Sekten: Kurze Skizze zur Situation bei Scientology, Sant Thakar Singh und dem „Universellen Leben“.
10. Grenzen der Religionsfreiheit und rechtsstaatliches Handeln: Diskutiert die rechtlichen Spielräume und die staatliche Verantwortung bei Grundrechtsverletzungen.
11. Professionalisierungsmöglichkeiten im Umgang mit totalitären Sekten als Aspekt der sozialen Arbeit: Plädiert für besser vernetzte Beratung, professionelle Ausstiegshilfen und Forschung.
Totalitäre Sekten, Kindeswohl, Sozialisation, Entwicklungspsychologie, Neuapostolische Kirche, Zeugen Jehovas, Indoktrination, Sektenausstieg, Identitätsbildung, Soziale Arbeit, Bewusstseinskontrolle, Religionsfreiheit, Beratungsstellen, Trauma, Erziehung.
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Kindern und Jugendlichen, die in totalitären Sekten hineingeboren oder sozialisiert wurden, und untersucht deren entwicklungspsychologische Entwicklung im Kontext dieser spezifischen Lebensumwelt.
Die Schwerpunkte liegen auf den Erziehungspraktiken der Neuapostolischen Kirche (NAK) und der Zeugen Jehovas, der Rolle von psychischem Druck und Angst, der Verhinderung autonomer Identitätsbildung sowie den Herausforderungen für die Soziale Arbeit.
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, ob Kinder in totalitären Sekten in ihrer Fähigkeit gehemmt werden, eine autonome Identität und Persönlichkeit zu entwickeln, und welche Konsequenzen dies für ihre Lebensgestaltung nach sich zieht.
Der Autor nutzt Literaturanalysen, die Auswertung von Berichten ehemaliger Sektenmitglieder sowie den Bezug zu entwicklungspsychologischen Modellen (z.B. Erikson, Havighurst) und psychologischen Manualen (DSM-IV), um die beobachteten Strukturen einzuordnen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der NAK und der Zeugen Jehovas, eine vergleichende Betrachtung weiterer Sekten, eine rechtliche Einordnung der Grenzen der Religionsfreiheit sowie Vorschläge zur Professionalisierung der Sektenberatung.
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Auswirkungen von Indoktrination, das Konzept der Entwicklungsaufgaben bei Sektenkindern, die Rolle der Sozialen Arbeit bei Ausstiegshilfen sowie die psychischen Folgen der Sektensozialisation.
Beide Sekten nutzen Angst und Zwang, jedoch legen die Zeugen Jehovas durch ihr apokalyptisches Endzeitdenken und das strenge Bluttransfusionsverbot einen anderen Fokus auf die totale soziale Isolation und die Ablehnung „weltlicher“ Bildung.
Es handelt sich um ein therapeutisches Modellprojekt für Sektenaussteiger. Der Autor thematisiert es, um auf die mangelnde institutionelle Unterstützung und die Notwendigkeit spezieller therapeutischer Nachbetreuung hinzuweisen.
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