Masterarbeit, 2013
67 Seiten, Note: 2,0
1. Einleitung
2. Definition der Ästhetik des Verschwindens
3. Verschwinden bei Christian Kracht
3.1 Jemand verschwindet
3.1.1 Faserland
3.1.1.1 Örtliches Verschwinden
3.1.1.2 Flucht vor Gesellschaft und Geschichte
3.1.1.3 Verschwinden aus dem Leben
3.1.2 1979
3.1.2.1 Herr-Knecht-Verhältnisse
3.1.2.2 Mavrocordato
3.1.2.3 Der Berg Kailas und das chinesische Arbeitslager
3.2 Alles verschwindet
3.2.1 Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
3.2.1.1 Genremix
3.2.1.2 Die SSR
3.2.1.3 Das Réduit
3.2.1.4 Regression der Technologie und der Gesellschaft
3.2.2 Metan
3.2.2.1 Pseudo-Sachbuch mit abstrusen Kausalketten
3.2.2.2 Der neue „Mensch“
4. Ästhetik des Verschwindens bei Christian Kracht
5. Schlussgedanken
Diese Arbeit untersucht das Motiv des „Verschwindens“ in den ersten drei Romanen von Christian Kracht sowie im literarischen Experiment Metan, um auf dieser Grundlage eine spezifische Ästhetik des Verschwindens bei Kracht zu formulieren und deren Bedeutung im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Entwicklungen zu beleuchten.
3.1.1.1 Örtliches Verschwinden
Die Enden der Kapitel beziehungsweise die Übergänge zwischen den Kapiteln fallen mit dem jeweiligen Verschwinden des Protagonisten an und von einem Handlungsort zusammen. So endet das erste Kapitel mit dem Satz „Ich glaube, ich werde nicht mehr nach Sylt fahren.“ und das zweite beginnt damit, dass der Protagonist im Zug nach Hamburg sitzt. Das zweite Kapitel schließt mit einer Taxifahrt weg von einer Party, bei welcher der Protagonist, wie so häufig, spontane Referenzen auf den Nationalsozialismus aufzeigt:
Das Taxi fährt los, und ich beobachte, wie der Rauch sich aus dem Fenster schlängelt, das ich einen Spalt weit geöffnet habe. Hamburg wacht auf, denke ich, und dann muß ich plötzlich an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg denken und an den Hamburger Feuersturm und wie das wohl war, als alles ausgelöscht wurde […].
Das Besondere bei diesem Verschwinden ist, dass der Protagonist bewusst zu Nigels Wohnung zurückkehrt, obwohl er sich sonst treiben lässt. Er verschwindet also einerseits – fluchtartig – von der Party, kehrt aber an einen bereits bekannten Handlungsort zurück. Aufgrund der Orgie in Nigels Bett verlässt er die Wohnung sofort wieder und fliegt mit dem Flugzeug nach Frankfurt. Dem Leser erklärt der Ich-Erzähler die Wahl des Reiseziels nicht. Es darf angenommen werden, dass er es selbst nicht weiß. Auf jeden Fall genießt er beim Fliegen den Gang zwischen Flughafen und Maschine:
Dieser Moment ist fast das Beste am Fliegen, wenn man aus dem Bus steigt und der Wind den Mantel hochweht und man den Koffer fester mit der Hand umschließt, […]. Das ist so eine Art Übergang von einem Leben ins andere oder eine Mutprobe. Irgend etwas ändert sich im Leben, alles wird für einen kurzen Moment erhabener.
1. Einleitung: Einführung in die Popliteratur von Christian Kracht, Vorstellung des Verschwindens als zentrales Motiv und Darlegung der dreigeteilten Struktur der Arbeit.
2. Definition der Ästhetik des Verschwindens: Philosophische Fundierung des Verschwindens durch die Theorien von Jean Baudrillard und Paul Virilio als Prozess der Entfremdung und Technisierung.
3. Verschwinden bei Christian Kracht: Hauptteil, der in zwei Unterkapiteln das Verschwinden des Einzelnen in den ersten Romanen sowie das Verschwinden ganzer Gesellschaften in den späteren Werken analysiert.
3.1 Jemand verschwindet: Analyse des Verschwindens von Protagonisten in den Romanen Faserland und 1979 als Ausdruck von Identitätskrise und Flucht.
3.1.1 Faserland: Untersuchung der Deutschlandreise des namenlosen Protagonisten und seiner Suche nach einer Fluchtmöglichkeit aus der Leere bis hin zum finalen Verschwinden.
3.1.1.1 Örtliches Verschwinden: Beschreibung der wechselnden Aufenthaltsorte als Stationen einer Verschwindens-Tour durch ein als unerträglich empfundenes Deutschland.
3.1.1.2 Flucht vor Gesellschaft und Geschichte: Analyse der Oberflächlichkeit und der Verdrängung historischer sowie emotionaler Zusammenhänge durch den Protagonisten.
3.1.1.3 Verschwinden aus dem Leben: Deutung der Suizidvorahnungen und des finalen Verschwindens auf dem Zürichsee als logische Konsequenz der Sinnsuche.
3.1.2 1979: Analyse des zweiten Romans, in dem der Protagonist in eine revolutionäre Umwelt gerät und von anderen Instanzen gelenkt wird.
3.1.2.1 Herr-Knecht-Verhältnisse: Untersuchung der Abhängigkeit des Protagonisten von wechselnden Autoritätsinstanzen bei gleichzeitiger innerer Leere.
3.1.2.2 Mavrocordato: Analyse der Funktion Mavrocordatos als mysteriöse Projektionsfläche für die Verschwindensthematik des Romans.
3.1.2.3 Der Berg Kailas und das chinesische Arbeitslager: Untersuchung der religiösen Sinnsuche und der anschließenden Läuterung durch physische Unterwerfung.
3.2 Alles verschwindet: Übergang von der Betrachtung des Individuums hin zur Analyse der Auflösung ganzer Gesellschaften im Werk Krachts.
3.2.1 Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten: Analyse der dystopischen alternate history, in der eine Gesellschaft im ewigen Kriegszustand stagniert und sich auflöst.
3.2.1.1 Genremix: Untersuchung der bewussten Verwendung verschiedener Genre-Elemente als Ausdruck einer inhaltlichen Leere.
3.2.1.2 Die SSR: Beschreibung des Stillstands einer Gesellschaft, deren Zukunftsvisionen sich als hohl erweisen.
3.2.1.3 Das Réduit: Analyse der unterirdischen Festungsanlage als hohler Raum und Symbol für den Verlust der gesellschaftlichen Ordnung.
3.2.1.4 Regression der Technologie und der Gesellschaft: Untersuchung der bewussten Rückkehr zu primitiveren Lebensformen als Ausweg aus der technisierten Sackgasse.
3.2.2 Metan: Analyse des pseudo-wissenschaftlichen Experiments, das die Erschaffung eines neuen, auf Methan basierenden Menschen thematisiert.
3.2.2.1 Pseudo-Sachbuch mit abstrusen Kausalketten: Untersuchung der absurden Argumentationsstruktur des Textes als Persiflage einer Verschwörungstheorie.
3.2.2.2 Der neue „Mensch“: Beschreibung der Transformation zu post-humanen Wesen durch die Ersetzung von Sauerstoff durch Methan.
4. Ästhetik des Verschwindens bei Christian Kracht: Zusammenfassende Synthese der Analyseergebnisse zu einer Ästhetik des Verschwindens im gesamten betrachteten Werk.
5. Schlussgedanken: Ausblick auf die weitere literarische Entwicklung Krachts mit Blick auf seinen Roman Imperium als Kontrastkonzept.
Christian Kracht, Faserland, 1979, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Metan, Verschwinden, Ästhetik des Verschwindens, Popliteratur, Jean Baudrillard, Paul Virilio, Identitätskrise, Regression, Dystopie, Technisierung, Globalisierung
Die Arbeit untersucht das wiederkehrende Motiv des Verschwindens in den ersten drei Romanen von Christian Kracht sowie in seinem Werk Metan und verknüpft dieses literarische Motiv mit philosophischen Theorien über das Verschwinden in einer technisierten Moderne.
Zu den zentralen Themen gehören Identitätsverlust, die Oberflächlichkeit der postmodernen Gesellschaft, die Rolle von Technologie, gesellschaftliche Regression sowie der Akt des Aussteigens bzw. Verschwindens als radikale Reaktion auf Sinnlosigkeit.
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Verschwinden in den behandelten Büchern thematisiert wird, welche Funktionen es erfüllt und daraus abschließend eine Ästhetik des Verschwindens bei Christian Kracht zu formulieren.
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse der vier ausgewählten Werke Krachts, die durch die Anwendung philosophischer Konzepte von Jean Baudrillard und Paul Virilio theoretisch gerahmt und durch Rückgriff auf einschlägige Fachliteratur ergänzt wird.
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Abschnitte: Zuerst das Verschwinden von Individuen in den Romanen Faserland und 1979, danach die Analyse der Auflösung ganzer Gesellschaften in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten sowie in Metan.
Zentrale Begriffe sind neben dem Verschwinden selbst auch Begriffe wie Identitätskrise, Popliteratur, Regression, Dystopie, Enttechnisierung und die philosophischen Entwürfe von Baudrillard und Virilio.
Mavrocordato fungiert als vielschichtige Projektionsfläche und Katalysator für das Verschwinden, indem er den Protagonisten zu der Reise zum Berg Kailas animiert und so den Prozess der physischen und mentalen Auflösung des Erzählers einleitet.
Das Réduit dient als Mikrokosmos und Symbol für die Stagnation und Dekadenz der gesamten SSR; als hohler Raum, der keine reale Funktion mehr erfüllt, spiegelt es die Sinnlosigkeit der dortigen Gesellschaft wider.
Der Text wird so bezeichnet, da er mittels langer, teils abstruser Kausalketten und einer Zirkellogik eine fiktive, wissenschaftlich wirkende Darstellung einer weltweiten Methanisierung und Terraformierung konstruiert, um eine Persiflage auf verschwörungstheoretisches Denken zu erzeugen.
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