Doktorarbeit / Dissertation, 2007
176 Seiten, Note: sehr gut
I. Vorüberlegungen
II. Diskursanalyse
1. Liebessemantik
2. Die Liebenden im Erzählwerk von Adolf Muschg
2.1 Die Figuren
2.2 Poetologische Prämissen des Autors Muschg
2.3 Vom Oedipus-Komplex zum Mythos des Orpheus
III. Die Liebesverweigerer
1. Zuschauer des Glücks
1.1 "Der ungetreue Prokurist" (1972)
1.2 "Der blaue Mann" (1972)
1.2.1 Stigma: Armut
1.2.2 Ein Schuldspruch
1.3. "Noch ein Wunsch" (1979)
1.3.1 Formale Kriterien
1.3.2 Unerfüllte Wünsche
2. Gefangene des Ichs: Hypochonder und Narzissten
2.1 "Rumpelstilz. Ein kleinbürgerliches Trauerspiel" (1968)
2.1.1 Forschungskritik
2.1.2 Verfehlte Kommunikation
2.1.3 Liebesspuren?
2.2 "Orka, der Geograf" (1987)
2.2.1 Mensch und Umwelt
2.2.2 Isolation
2.2.3 Liebe und Ehe
IV. Obsessive Liebesbeziehungen
1. Der Fetisch als Liebesersatz
1.1 "Keine Mädchen" (1968)
1.1.1 Vorgeschichte eines Suizids
1.1.2 Sexuelle Verdrängung
1.1.3 Kritik
1.2 "Der Wiedergutmacher" (1972)
1.2.1 Der Leichenfledderer - eine autoritäre Charakterstruktur?
1.2.2 Die Rolle des Erzählers
1.2.3 Rache auf Lebenszeit
2. Die Welt der Väter
2.1 "Der Zusenn oder das Heimat" (1972)
2.1.1 Das Motiv und seine Bearbeitung
2.1.2 Tabubruch und Schuld
2.2 "Duende" (2003)
2.2.1 'Ars longa, vita brevis'
2.2.2 Die weibliche Erzählfigur
2.2.3 Sexualität und Abhängigkeit oder: Annemarie - ein Frauenschicksal?
2.2.4 Liebesschulden
3. Der zerstörte Frauenkörper
3.1 "Ein Glockenspiel" (1982)
3.1.1 Dialektik von Vernunft und Sinnlichkeit
3.1.2 Innenwelten
3.1.3 Agape
3.2 "Der Turmhahn" (1987)
3.2.1 Stillstand
3.2.2 Die Wunde der Natur
3.2.3 Das Fremde und das Eigene
3.3 "Abschiedsbrief an einen Lebensretter" (2003)
3.3.1 Freiheit und Knechtschaft
3.3.2 Liebe bis über den Tod?
V. Ein Roman: "Eikan, du bist spät" (2005)
1. Zur Textstruktur
2. Rollenspiele
3. Choreografie einer Liebe
3.1 Das Versprechen
3.2 Liebe als Kunst
3.3 Verfehlungen
3.4 Katharsis und Neubeginn
4. Ein Resümee
VI. Befund
1. Chronologische Anamnese
1.1 Die siebziger Jahre
1.2 Die achtziger Jahre
1.3 Das Spätwerk
2. Invariante Motive und Figurenkonstellationen
3. Kryptogramme
Die Arbeit untersucht das Erzählwerk von Adolf Muschg zwischen 1968 und 2005 mit dem Ziel, den Liebesdiskurs sowie die wiederkehrenden Ursachen für das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen bei seinen Figuren aufzudecken. Dabei steht die These im Mittelpunkt, dass Liebes- und Beziehungsunfähigkeit eng mit der Unfähigkeit zum Leben verknüpft sind, was den Autor dazu veranlasst, traditionelle Mythen wie das Ödipus-Modell kritisch zu hinterfragen und neue ästhetische Ausdrucksformen für die Postmoderne zu finden.
1.1 "Der ungetreue Prokurist", 1972 (In: "Liebesgeschichten", 1974)
Bereits die unverbindliche Allgemeinheit im Titel der Erzählung deutet darauf hin: Hier geht es nicht um die Gestaltung eines individuellen Schicksals, sondern um einen Befund von gesellschaftlicher Relevanz. Dieser Meinung ist auch Baumgart, der in der Erzählung eine Fallstudie sieht, übertragbar auf „beliebig viele andere Bürgerpersonen", exakt beobachtet aus der Position eines kritischen Zuschauers. Die Protagonisten dieser Liebesgeschichte führen keine Namen, sondern werden mit ihren Berufen und den Personalpronomina bezeichnet. Auffällig vor der Folie institutionalisierter Literatur ist auch die Verwendung der Alltagssprache, zugeschnitten auf den engen Fokus eines Büroangestellten in einem mittelständischen Unternehmen. Er, Prokurist für Saftpressen, verrechnet sein Leben mit buchhalterischer Genauigkeit nach den Kriterien von Soll und Haben:
„Aber wenn man leben wollte, musste man auch bereit sein, hier vielleicht etwas zuzulegen, dort etwas abzubuchen“ (S. 9).
Er lebt in geregelten Verhältnissen, hat alles, was zu einem geordneten Leben dazu gehört: Familie, Haus und Garten, in seiner Firma stellt er etwas dar -
„Er brauchte kaum zu betonen, dass er in seinem Saftladen etwas Gehobenes sei“ (S. 10).
Dennoch „hatte [er] sich manchmal eine Geliebte gewünscht [...], weil er auch gern einmal ein Mensch gewesen wäre mit allem, was dazugehört“ (S. 9). Dieser Mangel wird von dem Prokuristen als Defizit auf der Sollseite seines inneren Kontenplans verbucht. Nicht Liebe sucht er, sondern eine Geliebte, deren Funktion es sein soll, seinem Leben eine Komponente hinzuzufügen, die nur ihm persönlich gilt.
I. Vorüberlegungen: Die Arbeit identifiziert die bisherige Forschungslücke hinsichtlich der Liebesthematik im Werk von Adolf Muschg und formuliert die zentralen Forschungsfragen zu Beziehungsformen und Scheiternsursachen.
II. Diskursanalyse: Dieses Kapitel verortet das Liebeskonzept bei Muschg im soziologischen Kontext und diskutiert den Wandel der Liebessemantik sowie die poetologischen Auffassungen des Autors.
III. Die Liebesverweigerer: Eine Analyse von Charakteren, die aus Angst vor dem Leben und dem Tod unfähig sind, sich auf zwischenmenschliche Bindungen einzulassen, und in ihr eigenes Ich flüchten.
IV. Obsessive Liebesbeziehungen: Untersuchung von pathologischen oder gesellschaftlich inkompatiblen Liebesformen, die häufig durch Traumata oder gesellschaftliche Zwänge geprägt sind.
V. Ein Roman: "Eikan, du bist spät" (2005): Eine umfassende Analyse des Romans als Entwicklungsgeschichte eines Künstlers, der über seine Versäumnisse zur Erkenntnis und einer neuen Form von Lebenskunst gelangt.
VI. Befund: Fazit über die Entwicklung der Liebesthematik in vierzig Jahren Werkgeschichte, von der resignativen frühen Prosa hin zur lebensbejahenden und humorvollen Haltung im Spätwerk.
Adolf Muschg, Liebesdiskurs, Sexualität, Prosa, Psychologie, Postmoderne, Ödipus-Mythos, Orpheus, Entfremdung, Identität, Geschlechterrollen, Körperlichkeit, Soziokritik, Narzissmus, Hypochondrie.
Die Arbeit analysiert das gesamte Erzählwerk von Adolf Muschg unter der Perspektive des Liebesdiskurses und der Beziehungsdynamik, wobei sie die Ursachen für das Scheitern seiner Protagonisten aufdeckt.
Zu den Schwerpunkten zählen die Semantik der Liebe, die Analyse pathologischer Liebesbeziehungen (wie Inzest oder Obsessionen), der Paradigmenwechsel von Ödipus zu Orpheus sowie die gesellschaftskritische Dimension des menschlichen Handelns.
Ziel ist es, die Forschungs lücken zur bisher fehlenden Kategorisierung des Werkes nach Motiven zu schließen und die These zu erhärten, dass das Scheitern der Muschg-Figuren in Liebe und Leben untrennbar miteinander verwoben ist.
Die Autorin nutzt vergleichende Textanalysen und bindet dabei sowohl essayistische Äußerungen des Autors als auch soziologische und psychoanalytische Konzepte (z.B. von Niklas Luhmann, Freud oder Adorno) zur Kontextualisierung ein.
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Kategorien von Liebesformen, wie die der "Liebesverweigerer" (Zuschauer des Glücks, Hypochonder), obsessive Beziehungen (der Fetisch als Liebesersatz) und die Entwicklung der männlichen Protagonisten über mehrere Jahrzehnte.
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie "Liebesdiskurs", "Identität", "Psychologie", "Körperlichkeit" sowie die kritische Reflexion von "Zivilisation" und "Gesellschaftsstrukturen" aus.
Krankheit dient bei Muschg als Metapher für den ungelebten, entfremdeten Zustand des Menschen. Sie fungiert als Signal des Körpers gegen eine Gesellschaft, die den Einzelnen auf Leistung und Funktionieren reduziert.
Die Arbeit zeigt auf, dass Muschg einen Paradigmenwechsel vom belasteten Ödipus-Modell zum "leibfreundlichen" Orpheus-Mythos vollzieht, der die Bedeutung von Kunst und schöpferischer Lebensgestaltung in der Postmoderne hervorhebt.
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