Magisterarbeit, 1995
48 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. EINLEITUNG
2. RELIGIÖSE VORAUSSETZUNGEN
2.1 Das Leib-Seele-Problem in der christlichen Tradition
2.2 Das religiöse ‚Klima’ bei Robert Musil und James Joyce
2.2.1 Dichterische Konzeptionen zwischen Glauben und Erkenntnis
2.2.2 Persönliche Prägung und literarische Umsetzung
3. WEIBLICHKEIT ALS METAPHER DES LEIBES
3.1 Otto Weininger: Fazit einer Tradition
3.2 Das Doppelgesicht der Weiblichkeit: Heilige oder Hure
3.2.1 Die geschlechtslose Mutter als männliches Idol weiblicher Vollkommenheit
3.2.2 Emma und Basini: die/der ‚Andere’ als Sündenbock
4. DIE EMERGENZ DES GEISTES: LEIB-SEELE-PROBLEM UND KÜNSTLERISCHE ICHFINDUNG
5. SCHLUSSBEMERKUNG
Diese Magisterarbeit untersucht die zentrale Rolle des Leib-Seele-Problems als kreativen Ansporn in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ und James Joyces „A Portrait of the Artist as a Young Man“. Die Arbeit erforscht, wie beide Autoren die durch christliche Traditionen geprägten dualistischen Weltbilder in ihren Entwicklungsromanen reflektieren, verarbeiten und stilistisch transformieren.
1. EINLEITUNG
„Ist es ein allgemeines Gesetz, das etwas in uns ist, das stärker, größer, schöner, leidenschaftlicher, dunkler ist als wir? Worüber wir so wenig Macht haben, dass wir nur ziellos tausend Samenkörner streuen können, bis aus einem plötzlich eine Saat wie eine dunkle Flamme schießt, die weit über uns hinauswächst?” (T 92)
Diese Überlegung, die der junge Törless mit einer Erinnerung an den Gesang einer italienischen Schauspielerin verbindet, folgt einem Augenblick größter Erregung, dem „Gefühl, dass etwas in ihm wie ein toller Kreisel aus der zusammengeschnürten Brust zum Kopfe hinaufwirble” (T 90). Zustände, die sich der sprachlichen Wiedergabe entziehen, überwältigen den Knaben, fordern ihn aber gerade durch ihre ‚Unsagbarkeit’ auf, sie sezierend zu bändigen und ihnen ein gedankliches Substrat abzugewinnen. Die „noch unbeschriebenen Beziehungen des Lebens” (T 24), die ihn als dunkle prima materia erschrecken und verunsichern, erfährt er gleichzeitig als erotische Verlockung, an der sein innerstes Ich zu wachsen sucht. Robert Musil (1880-1942), der Rationales und Irrationales nicht als unversöhnliche Gegensätze begriff, sondern beide Dimensionen aus wissenschaftlicher Sicht dichterisch miteinander verknüpfte, schildert in seinem ersten Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törless (1906) geistige und körperliche Grenzüberschreitungen, die den Protagonisten dazu führen, „Dinge, Vorgänge und Menschen als etwas Doppelsinniges zu empfinden” (T 64). Das so entstandene Spannungsfeld fördert in Törless eine kreative Betrachtungsweise, die sich von gesellschaftlicher Wohlanständigkeit distanziert, dafür aber eine Selbstfindung ermöglicht, die unbewusste Zonen integriert und ihnen deshalb nicht zu verfallen braucht.
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Thematik des Leib-Seele-Problems bei Robert Musil und James Joyce ein und umreißt die literarische Forschungsfrage im Kontext von Identitätsbildung und künstlerischer Selbstfindung.
2. RELIGIÖSE VORAUSSETZUNGEN: Dieses Kapitel erörtert die christlich-scholastischen Hintergründe des Leib-Seele-Dualismus und deren Einfluss auf die „dichterischen Konzeptionen“ von Musil und Joyce sowie die Rolle ihrer persönlichen Prägungen.
3. WEIBLICHKEIT ALS METAPHER DES LEIBES: Hier wird die Rolle der Frau als „Heilige oder Hure“ im Lichte der Zeitströmungen, insbesondere durch Otto Weiningers Theorien, analysiert und ihre Funktion als Sündenbock oder Projektionsfläche in beiden Romanen untersucht.
4. DIE EMERGENZ DES GEISTES: LEIB-SEELE-PROBLEM UND KÜNSTLERISCHE ICHFINDUNG: Das Kapitel vergleicht Musils und Joyces literarische Lösungsansätze für das Geist-Körper-Problem und die daraus resultierende ästhetische Gestaltung ihrer jeweiligen Protagonisten.
5. SCHLUSSBEMERKUNG: Die Schlussbemerkung resümiert die antithetischen Kampfansätze der Künstler gegen die als unzulänglich empfundene Natur und wirft einen abschließenden Blick auf das Erbe ihrer literarischen Revolution.
Leib-Seele-Problem, Robert Musil, James Joyce, Törless, A Portrait of the Artist as a Young Man, Identitätsbildung, Dualismus, Geist, Körper, Weiblichkeit, Sündenbock, Ästhetik, Sexualmoral, Moderne, Entwicklungsroman.
Die Arbeit untersucht vergleichend, wie das Leib-Seele-Problem als zentraler „kreativer Ansporn“ in den Frühwerken von Robert Musil und James Joyce fungiert.
Zentral sind der Einfluss katholischer Erziehung, der Körper-Geist-Dualismus, die Darstellung von Weiblichkeit als Metapher und die verschiedenen künstlerischen Ansätze der Autoren zur Bewältigung dieser Spannungsfelder.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Törless (Musil) und Stephen Dedalus (Joyce) ihre Identität innerhalb eines repressiven, durch christliche Traditionen geprägten Umfelds entwickeln und wie diese Prozesse die spätere künstlerische Arbeit beider Autoren prägen.
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit zeitgenössischen philosophischen Schriften (u.a. von Otto Weininger), biographischen Dokumenten und der einschlägigen Sekundärliteratur in Verbindung setzt.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung religiöser Voraussetzungen, die metaphorische Bedeutung der Weiblichkeit und die Entstehung des Geistes als künstlerische Ichfindung.
Schlüsselwörter sind unter anderem Leib-Seele-Problem, Identitätsbildung, christliche Sexualmoral, Dualismus, künstlerische Selbstfindung und die Spezifik der Autoren Musil und Joyce.
Weiningers Geschlechtermetaphysik dient als Beispiel für das zeitgenössische Klima der Jahrhundertwende, gegen das sich beide Autoren mit unterschiedlichen Mitteln absetzen.
Während Musil das Problem als Ausgangspunkt für einen „Essayismus“ nutzt und den Körper als ganzheitlich integriert betrachtet, bleibt Joyce stärker in dualistischen Gegensätzen (Heilige/Hure) verhaftet, die er durch seine ästhetische Form zu transzendieren versucht.
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