Examensarbeit, 2014
87 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1 Die Protagonisten der Unterweltfahrt
1.1 Aeneas
1.1.1 Das Begehren um Zutritt in die Unterwelt: Die Ansprache des Aeneas
1.1.2 Angst, Tränen, Freude und Scham: Die Emotionen des Aeneas
1.1.3 Ein Exkurs: Verantwortung, Selbstreflexion und die Autorität der Götter in den mittelalterlichen Romanen
1.2 Sibylle
1.2.1 Die Beschreibung der Sibylle
1.2.2 Die Funktionen und Fähigkeiten der Sibylle
1.2.3 Die Heimat der Sibylle
2 Die Begegnungen des Aeneas mit Dido und Anchises
2.1 Dido
2.2 Anchises
2.2.1 Ein Exkurs: Die Erscheinung des Anchises vor der Unterweltfahrt
2.2.2 Die Begegnung des Aeneas mit Anchises in der Unterwelt: Die Heldenschau
2.2.3 Ein Exkurs: Der Blick in die Zukunft im Epilog der mittelalterlichen Romane in Anknüpfung an die Heldenschau des Anchises
3 Die Kreaturen der Unterwelt
3.1 Charon
3.2 Cerberus
4 Der antike Götterapparat und die Opfergabe
5 Die Topographie der Unterwelt
5.1 Der Tartarus
5.2 Das Elysium
5.3 Die Gewässer der Unterwelt
5.3.1 Die Namensgebung und die Beschaffenheit der Flüsse
5.3.2 Ein Exkurs: Die Wirkung des Vergessenstranks und die Seelenwanderungslehre
5.4 Der Eingang der Unterwelt
5.5 Der Ausgang der Unterwelt
Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht systematisch und analytisch die Unterweltfahrt des Protagonisten Aeneas in Vergils Epos „Aeneis“ sowie in den beiden mittelalterlichen Adaptationen, dem französischen „Roman d’Eneas“ und dem mittelhochdeutschen „Eneasroman“ von Heinrich von Veldeke. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung zentraler Aspekte der Katabasis herauszuarbeiten, in den aktuellen Forschungsstand einzuordnen sowie die erzähltechnischen Anpassungen der mittelalterlichen Dichter kritisch zu interpretieren.
1.1.1 Das Begehren um Zutritt in die Unterwelt: Die Ansprache des Aeneas
Vergils „Aeneis“ zufolge führt Achates Sibylle zu Aeneas und den anderen Trojanern (Aen. VI, 33-35). Das Gespräch zwischen Aeneas und Sibylle bei ihrem ersten Zusammentreffen beginnt die Seherin. In einer ersten Rede (Aen. VI, 56-76) bittet Aeneas Sibylle darum, ihn mithilfe ihrer Weissagung (sors, Aen. VI, 72) in das Geheimnis (arcanum, Aen. VI, 72) seines Schicksals (fatum, Aen. VI, 72) einzuweihen. Gewährt wird ihm sein Anliegen durch einen prophetischen Spruch der Sibylle (Aen. VI, 83-97), von der unmittelbar zuvor der Gott Apollo Besitz ergriffen hat (Aen. VI, 77-80). Danach folgt in direkter Rede die ausführliche Ansprache des Aeneas, in der er sein Begehren vorstellt, begründet und zu legitimieren versucht (Aen. VI, 106-123). Er beginnt seine Rede demütig (supplex, Aen. VI, 115) und betont flehend (precari, Aen. VI, 117), nennt Anchises als Ziel seiner Reise (Aen. VI, 108f.), hebt hervor, dass er von seinem Vater zur Sibylle (Aen. VI, 115f.) geschickt worden sei, und führt mit vielen Einzelheiten aus, wie Anchises aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes während der Irrfahrten auf den Meeren sein Leben ließ (Aen. VI, 112f.). Zur Legitimation seines Vorhabens hebt er fünf Helden und deren Geschichte hervor, die bereits vor ihm in die Unterwelt hinabgestiegen sind: Orpheus (Aen. VI, 119f.), die Brüder Pollux und Castor (Aen. VI, 121f.), Theseus (Aen. VI, 122) und Herkules (Aen. VI, 122f.). Aeneas schließt seine Rede mit einem Verweis auf seine göttliche Herkunft, womit er sich auf eine Stufe mit den genannten Helden stellt (Aen. VI, 123) und seinem Anliegen, die Unterwelt zu betreten, – nun mit deutlich weniger Demut – Nachdruck verleiht.
Die Protagonisten der Unterweltfahrt: Dieses Kapitel analysiert die Rolle von Aeneas und Sibylle, wobei insbesondere das Motiv des Zutrittsbegehrens, die Emotionen des Helden sowie Sibylles Funktion als Seherin und Reiseführerin beleuchtet werden.
Die Begegnungen des Aeneas mit Dido und Anchises: Der Fokus liegt auf der inhaltlichen und emotionalen Gestaltung der Treffen mit den Verstorbenen Dido und Anchises sowie auf der Bedeutung der Heldenschau.
Die Kreaturen der Unterwelt: Die Darstellung von Charon und Cerberus wird hinsichtlich ihrer Beschreibung und Bedeutung für Aeneas und seine Reise untersucht.
Der antike Götterapparat und die Opfergabe: Dieses Kapitel analysiert die Veränderung des göttlichen Einflusses und der Opferrituale im Vergleich zur lateinischen Vorlage.
Die Topographie der Unterwelt: Die verschiedenen Orte der Unterwelt, wie Tartarus, Elysium und die Flüsse, sowie die Darstellung von Eingang und Ausgang stehen hier im Zentrum der Untersuchung.
Aeneis, Roman d’Eneas, Eneasroman, Unterweltfahrt, Katabasis, Aeneas, Sibylle, Anchises, Dido, Charon, Cerberus, Adaptationsgeschichte, Mittelalter, Mythologie, Jenseitsdarstellung.
Die Arbeit untersucht die literarische Bearbeitung und Transformation der antiken Unterweltfahrt des Aeneas aus Vergils „Aeneis“ in zwei mittelalterlichen Adaptationen, dem „Roman d’Eneas“ und Heinrich von Veldekes „Eneasroman“.
Die zentralen Themen umfassen die Charakterisierung der Protagonisten, die Begegnungen mit Verstorbenen, die Darstellung übernatürlicher Kreaturen, die Rolle des antiken Götterapparates und die spezifische topographische Gestaltung der Unterwelten.
Das Ziel ist ein systematischer, vergleichender Analyseansatz, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Werke aufzuzeigen und die Gründe für die erzählerischen Eingriffe der mittelalterlichen Dichter wissenschaftlich zu begründen.
Es wird eine systematische Vergleichsmethode angewandt, die den antiken Ausgangstext mit den Adaptationen konfrontiert, den aktuellen Forschungsstand integriert und die Veränderungen auf Basis literaturwissenschaftlicher Kriterien interpretiert.
Der Hauptteil gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die von den Protagonisten über die Begegnungen mit Dido und Anchises, die Kreaturen der Unterwelt und den Götterapparat bis hin zur Topographie des Jenseits reichen.
Schlüsselbegriffe sind unter anderem die drei Primärtexte (Aeneis, Roman d’Eneas, Eneasroman), Katabasis, Adaptationsgeschichte, Jenseitsmotive und literarische Rhetorik.
Die Forschung diskutiert hierzu kontrovers: Während einige Forscher darin eine selbstkritische Reflexion und einen Verrat an der Heimat sehen, deuten andere die Scham als Ausdruck eines christlich-mittelalterlichen Ehrverständnisses gegenüber den Gefallenen.
Die Gründe bleiben in der Forschung teils spekulativ; einige Ansätze vermuten den Einfluss der Heidelberger Handschrift oder eine allgemeine Geographiewahrnehmung des 12. Jahrhunderts, bei der antike Orte für das zeitgenössische Publikum an Bedeutung verloren.
Im Gegensatz zur antiken Lethe ist der Fluss bei Veldeke ein rein christlich motiviertes Element, das durch seine Klarheit eine Spiegelfunktion erhält, die dem Helden Anchises erst ermöglicht, die Zukunftsvision der Nachkommenschaft zu vermitteln.
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