Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014
36 Seiten
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
Diese wissenschaftliche Untersuchung analysiert die kritische Auseinandersetzung des Dichters Paul Celan mit den nationalsozialistisch geprägten Denkmustern der frühen Bundesrepublik. Im Zentrum steht dabei die Untersuchung, wie Celan in seinen Gedichten – insbesondere in den sogenannten "Werwolf-Gedichten" – die Mythisierung von Begriffen wie "Waldgänger" durch Autoren wie Ernst Jünger und Rolf Schroers dekonstruiert und als verschleierte Kontinuität antisemitischer Ideologien entlarvt.
III
Celan und Jünger seien sich weniger fremd gewesen als angenommen werde, meint Tobias Wimbauer. Die Argumente, die er in seiner Entgegnung an Jean Bollack als Begründung anführt, überzeugen genauso wenig wie seine Auslegung des Briefes. Weitere Dokumente und Zeugnisse für Celans Verhältnis zu Jünger bietet der heutige Stand der Forschung wenig. Unter den Nachlassgedichten Celans findet sich aber eines, dessen Bezugnahme auf Ernst Jünger, genauer: auf zwei seiner Essays, unverkennbar ist:
Mit der Friedenstaube, so kommt
der Werwolf daher, ein Wald-
ein Widergänger inmitten
gradgespiegelter Lügen.
Geht nur, folgt ihm, er ist nicht
allein. Mit ihm geht das um-
gestülpte Henkerwort, groß-
mäulig, umstarrt
von Goldzahn, Gold-
hauer, Gold-
kralle.
(PC/GN, 65 u. HKA 11, 388)
Das undatierte Gedicht, entstanden vermutlich Ende August 1962, gehörte zum Entwurf der Niemandsrose, wo es am 30. März 1963 noch als Nr. 8 des letzten Zyklus zwischen Huhediblu und Affenzeit eingetragen wurde. Es zählt somit zu einer größeren Gruppe von Gedichten, deren Aufnahme in Die Niemandsrose vorübergehend erwogen und schließlich aus wohl unterschiedlichen Struktur- und Gestaltungsgründen verworfen wurde.
I: Einleitung in die heftige Debatte um einen Brief Celans an Ernst Jünger aus dem Jahr 1951, der in der Literaturkritik als potenzieller "Persilschein" für Jünger interpretiert wurde.
II: Analyse von Jüngers Essay "Über Nationalismus und Judenfrage" (1930) und Celans kritische Auseinandersetzung mit der dort konstruierten "Gestalt" des "Zivilisationsjuden".
III: Untersuchung der Bezugnahme Celans auf Jüngers Essays "Der Friede" und "Der Waldgang" im Gedicht "Mit der Friedenstaube".
IV: Historische Kontextualisierung des Gedichts "Mit der Friedenstaube" zehn Jahre nach Celans Brief an Jünger.
V: Betrachtung von "Der Waldgang" als vermeintliche Magna Charta des zivilen Ungehorsams und dessen Anziehungskraft auf deutsche Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg.
VI: Analyse des Zerwürfnisses zwischen Paul Celan und seinem Freund Rolf Schroers, das durch antisemitische Denkmuster in der Gruppe 47 und die Goll-Affäre verschärft wurde.
VII: Untersuchung der Lektüre von Schroers' Buch "Der Partisan" durch Celan und die darin enthaltenen kritischen Randnotizen Celans zum "Nazitum heute".
VIII: Synthese der Verweisungszusammenhänge, die Celans Gedicht "Mit der Friedenstaube" als komplexe Antwort auf zeitgenössische Ideologien identifizieren.
IX: Analyse der zweiten Fassung des Gedichts unter dem Titel "Mit der Kunkeltaube" und dessen Bedeutung für die "Goll-Affäre".
X: Deutung der Gedichte "Dies ist der Augenblick" und "Die Wende" als poetologische Antwort auf Celans psychische Krise und die fortwährende Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft.
Paul Celan, Ernst Jünger, Der Waldgang, Antisemitismus, Nachkriegsliteratur, Goll-Affäre, Rolf Schroers, Carl Schmitt, Niemandsrose, Ideologiekritik, Lyrik, Zivilisationsjude, Holocaust, Dichtung, Sprachkritik
Die Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung des Dichters Paul Celan mit den geistigen Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der frühen Bundesrepublik, insbesondere anhand von Texten von Ernst Jünger, Rolf Schroers und Carl Schmitt.
Zentrale Themen sind die Rolle der Sprache in der Dichtung Celans, die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit durch Intellektuelle und die kritische Analyse von Mythen wie dem des "Waldgängers".
Die Untersuchung geht der Frage nach, wie Paul Celan in seiner Lyrik auf die virulente antisemitische Ideologie und die verdrängte Vergangenheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft reagierte.
Der Autor nutzt eine akribische philologische Analyse von Gedichtentwürfen, Briefwechseln und zeitgeschichtlichen Dokumenten, um Celans dichterische Kommentare zu aktuellen politischen Ereignissen freizulegen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse spezifischer "Werwolf-Gedichte", ihrer Entstehungsgeschichte sowie der theoretischen Verweise auf Jüngers "Waldgang" und die politische Anthropologie von Schroers und Schmitt.
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Zivilisationsjude", "Werwolf-Gedichte", "Goll-Affäre", "Strahlen-Grammatik" und die kritische Dekonstruktion von Ideologemen wie "Art und Heimat".
Celan nutzte das Bild des Werwolfs in diesem Gedicht, um die Friedensbotschaften von Autoren, die zuvor nationalsozialistisches Gedankengut vertraten, als "umgestülptes Henkerwort" zu entlarven.
Die Affäre löste bei Celan einen zunehmenden Druck durch Intrigen aus und führte dazu, dass er die "Infamie" und die braune Vergangenheit seiner Gegner in seinem Werk explizit thematisierte.
Der Bruch erfolgte, da Schroers durch seine "Partisanen"-Studien und seine Versuche, das "Jüdische" als Schicksalskategorie zu definieren, Celans Verständnis von individueller Existenz und die Solidarität mit den Opfern fundamental verletzte.
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