Bachelorarbeit, 2013
58 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung: Multiperspektivität als zeitgemäße Form des Erzählens
1.1 Problemstellung: Die spezifische Komplexität von multiperspektivisch erzählten Filmen
1.2 Zielsetzung: Analyse der Erzählstrategien/ Mittel des Komplexitätsaufbaus
2 Konzepte/ Begriffe und Methoden
2.1 Räume, Grenzen und Ereignisse
2.2 Komplexität
3 Filmanalyse
3.1 Multiperspektivität in „Rashomon“
3.1.1 Räume, Grenzen und Ereignisse
3.1.2 Erzählstrategie und Komplexitätsaufbau
3.1.3 Wahrheit und Sinn
3.2 Multiperspektivität in „Syriana“
3.2.1 Räume, Grenzen und Ereignisse
3.2.2 Erzählstrategie und Komplexitätsaufbau
3.2.3 Wahrheit und Sinn
4 Resümee
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifischen Erzählstrategien und Komplexitätselemente in multiperspektivisch erzählten Filmen am Beispiel von „Rashomon“ (1950) und „Syriana“ (2005). Dabei wird analysiert, wie diese Werke durch die Aufsplitterung von Perspektiven und Raum-Zeit-Strukturen Komplexität erzeugen und wie sich diese Ansätze hinsichtlich ihrer Erkenntnis über Wahrheit und Wirklichkeit unterscheiden.
3.1.1 Räume, Grenzen und Ereignisse
Versucht man, mögliche Räume in Rashomon zu detektieren, so bietet sich eine große Vielfalt, obwohl die Schauplätze und Figuren in quantitativer Hinsicht überschaubar sind. Zunächst kann man von drei Zeit-Räumen sprechen. Der Raum der Rahmenhandlung fasst die drei Erzählerfiguren: Einen Holzfäller, einen Mönch sowie einen Landstreicher bzw. namenlosen Bürger. Letzterer befragt die beiden nach ihren Zeugenaussagen und den Aussagen des Samurai, der Frau und des Banditen vor Gericht, an welche sie sich in Rückblenden erinnern. Diese in der Vergangenheit liegende Gerichtssituation kann man als zweiten Zeit-Raum bezeichnen, wobei wiederum in Rückblenden das Geschehen im Wald erinnert wird, was den dritten Zeit-Raum darstellt. Insofern ergibt sich eine „doppelt gestaffelte Erzählsituation“. Diese Konstellation kann allerdings noch weiter ausdifferenziert werden: Jede einzelne Figur, die sich an das Geschehen aus ihrer Perspektive erinnert, schafft einen eigenen, subjektiven erinnerten Raum, der sich von denen der anderen erzählenden Figuren unterscheidet: Jeder schreibt den beteiligten Charakteren andere Eigenschaften hinzu, die Ereignisse unterscheiden sich in ihren Verläufen voneinander, lediglich topographische Aspekte bleiben gleich.
Beginnen wir mit dem Raum der übergreifenden Rahmenhandlung. Dieser erhält eine klare Verortung: Die ersten Bilder des Films zeigen das halb zerstörte Tempeltor „Rashomon“ in Kyoto. Insofern kann man von einem topographischen Raum mit kulturell referentialisierendem Aspekt sprechen: Rashomon war das größte Tor in Kyoto, erbaut als dieses noch die Hauptstadt Japans war. Mit dem Verfall der Stadt begann sich auch Rashomon mehr und mehr in eine Tempelruine zu verwandeln. „Später wurde es zu einem Versteck für Räuber und Diebe, es diente als Lagerstätte für Verstorbene.“ Diese Konnotationen lassen sich auch inhaltlich im Film wiederfinden: Der Holzfäller und der Landstreicher beispielsweise stellen sich letzten Endes als Diebe heraus, und auch Tajomaru wird als ein berüchtigter Bandit beschrieben.
1 Einleitung: Multiperspektivität als zeitgemäße Form des Erzählens: Das Kapitel führt in das Phänomen der Komplexität im 21. Jahrhundert ein und verortet das multiperspektivische Erzählen als adäquate Antwort auf eine zunehmend vernetzte Welt.
1.1 Problemstellung: Die spezifische Komplexität von multiperspektivisch erzählten Filmen: Hier wird die Forschungsfrage nach den Elementen formuliert, die in mehrsträngigen Filmen Komplexität aufbauen, und die Entwicklung dieser Erzählweise vom Nischentrend zum Mainstream skizziert.
1.2 Zielsetzung: Analyse der Erzählstrategien/ Mittel des Komplexitätsaufbaus: Dieses Kapitel erläutert die methodische Vorgehensweise, Räume und Grenzen mittels theoretischer Konzepte von Krah und Lotman zu analysieren und Komplexität anhand von Informationsdichte und Leerstellen zu definieren.
2 Konzepte/ Begriffe und Methoden: Dieser theoretische Teil definiert die zentralen Begriffe wie Raumvielfalt, topographische versus semantische Räume sowie das Wesen von Ereignissen und Komplexität in wissenschaftlicher Hinsicht.
2.1 Räume, Grenzen und Ereignisse: Es wird die Differenzierung zwischen topographischen Räumen und semantischen Topoi sowie die Definition von Ereignissen als Grenzüberschreitungen und Ereignistilgung erläutert.
2.2 Komplexität: Dieses Kapitel setzt sich mit der wissenschaftlichen Definition von Komplexität auseinander, insbesondere mit nichtlinearer Dynamik, Informationszunahme und der Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion.
3 Filmanalyse: Hier erfolgt die praktische Anwendung des Kriterienkatalogs auf die beiden ausgewählten Filme Rashomon und Syriana, wobei deren spezifische Erzählstrategien detailliert aufgeschlüsselt werden.
3.1 Multiperspektivität in „Rashomon“: Die Analyse konzentriert sich auf die dreifache Raumstruktur und die Unzuverlässigkeit der erzählenden Charaktere, die das Rashomon-Prinzip der subjektiven Wahrheit begründen.
3.1.1 Räume, Grenzen und Ereignisse: Fokus auf die drei Zeitebenen (Rahmenhandlung, Gericht, Wald) und deren Funktion für die Darstellung subjektiver Wahrheiten.
3.1.2 Erzählstrategie und Komplexitätsaufbau: Untersuchung der narrativen Struktur und der Charaktervielfalt, die den Zuschauer zwingt, aktiv an der Rekonstruktion der Ereignisse mitzuwirken.
3.1.3 Wahrheit und Sinn: Diskussion der philosophischen Implikationen, wonach der Film keinen objektiven Wahrheitsanspruch erhebt, sondern zur moralischen Verantwortung des Einzelnen aufruft.
3.2 Multiperspektivität in „Syriana“: Gegenüberstellung von Rashomon durch die Analyse der Zopfstruktur und der globalen Vernetzung im Kontext des zeitgenössischen Politthrillers.
3.2.1 Räume, Grenzen und Ereignisse: Analyse der enormen Raumfülle und der globalen Schauplätze, die durch ökonomische und politische Machtstrukturen miteinander verknüpft sind.
3.2.2 Erzählstrategie und Komplexitätsaufbau: Untersuchung der fragmentierten Zopfstruktur und der Allwissenheit der Kamera, die den Zuschauer trotz Komplexität in ein objektives Verständnis der Weltzusammenhänge führt.
3.2.3 Wahrheit und Sinn: Fazit zur Realitätskonzeption des Films, die im Gegensatz zu Rashomon eine objektive, erklärbare Welt voraussetzt und den Zuschauer in ein klassisches Hollywood-Narrativ einbindet.
4 Resümee: Synthese der Ergebnisse, die Rashomon und Syriana als Extrempole des multiperspektivischen Erzählens identifiziert – basierend auf deren konträren Wirklichkeits- und Wahrheitskonzepten.
Multiperspektivität, Komplexität, Filmanalyse, Rashomon, Syriana, Erzählstrategie, Subjektivität, Wahrheit, Globalisierung, Narratologie, Raumvielfalt, Charaktervielfalt, Informationslücken, Glokalität, Zeitlichkeit.
Die Arbeit untersucht, wie zwei verschiedene Filme mit multiperspektivischen Erzählformen Komplexität aufbauen und welche unterschiedlichen Weltbilder oder Wahrheitskonzepte dabei zugrunde liegen.
Die Schwerpunkte liegen auf narrativen Raum-Zeit-Strukturen, der Analyse von Erzählstrategien, dem Konzept der Globalisierung in modernen Medien sowie dem erkenntnistheoretischen Vergleich zwischen subjektiven und objektiven Wahrheitskonzeptionen im Film.
Ziel ist es, die spezifischen Mittel der Komplexitätssteigerung in mehrsträngigen Spielfilmen aufzuzeigen und zu demonstrieren, wie die Erzählstruktur die Interpretation des Zuschauers leitet und beeinflusst.
Die Autorin verwendet einen Kriterienkatalog, der auf filmtheoretischen und medienwissenschaftlichen Ansätzen (u.a. von Bordwell, Thompson, Luhmann, Krah und Iser) basiert, um Räume, Ereignisse und Informationsstrukturen systematisch zu analysieren.
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Filmanalyse von „Rashomon“ und „Syriana“, wobei jeweils die Raumsysteme, die spezifischen Erzählstrategien zur Komplexitätserzeugung und die abschließende Sinnstiftung durch den Film analysiert werden.
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Multiperspektivität, Komplexitätsaufbau, Narratologie und der Unterscheidung zwischen konstruktivistischen und realistischen Wirklichkeitskonzepten beschreiben.
In „Rashomon“ ist der Zuschauer als Interpret gefordert, der angesichts unzuverlässiger Erzählungen selbst entscheiden muss, was „wahr“ ist. In „Syriana“ hingegen fungiert der Zuschauer als Beobachter einer allwissenden Erzählinstanz, die komplexe politische Zusammenhänge objektiv offenlegt.
Die Filme dienen als Extrempunkte auf einer Skala des multiperspektivischen Erzählens: Während „Rashomon“ die Subjektivität der Wahrheit betont und der Moderne zuzuordnen ist, bleibt „Syriana“ der klassischen, kausalen Logik des Hollywood-Kinos treu und nutzt Komplexität zur Darstellung objektiver Globalisierungszusammenhänge.
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