Examensarbeit, 2011
85 Seiten, Note: sehr gut
1 EINLEITUNG
2 HAUPTTEIL
2.1 Einführung
2.1.1 Allgemeine Definition und Realisierung der Satzsegmentierung
2.1.2 Die Satzsegmentierung unter dem Gesichtspunkt der Wortfolge
2.1.3 Die Satzsegmentierung aus Sicht der funktionalen Grammatik
2.2 Forschungsüberblick
2.2.1 Die Satzsegmentierung in der germanistischen Forschung
2.2.1.1 Hans Altmann
2.2.1.2 Margret Selting
2.2.2 Die Satzsegmentierung in der romanistischen Forschung
2.2.2.1 Lucien Tesnière
2.2.2.2 Elisabeth Gülich
2.2.2.3 Eva Honnigfort
2.2.2.4 Eva Larsson
2.2.2.5 Dieter Seelbach
2.3 Kritik an den traditionellen Beschreibungsweisen der Satzsegmentierung
2.3.1 Entzeitlichung und Produktorientiertheit
2.3.2 Written Language Bias / Skriptizismus
2.3.3 Langue- / Kompetenzzentriertheit
2.4 Der Syntaxbegriff der modernen Gesprochene-Sprache-Forschung
2.4.1 Das Sprachverständnis der modernen Gesprochene-Sprache-Forschung
2.4.1.1 Situations- und Kontextgebundenheit
2.4.1.2 Zeitlichkeit
2.4.2 Syntax als Prozess: Grundoperationen einer On-line-Syntax
2.4.2.1 Projektion
2.4.2.1 Expansion
2.4.2.3 Retraktion
2.5 Das Phänomen der Satzsegmentierung aus on-line-syntaktischer Sicht
2.5.1 Konstruktionen am rechten Satzrand
2.5.2 Konstruktionen am linken Satzrand
3 SCHLUSS
Die Arbeit untersucht die Satzsegmentierung aus der Perspektive der modernen Gesprochene-Sprache-Forschung. Ziel ist es, die Schwächen traditioneller, schriftsprachlich geprägter Beschreibungsmodelle aufzuzeigen und eine prozessorientierte, "on-line-syntaktische" Analyse zu etablieren, die der Zeitlichkeit und Echtzeit-Emergenz gesprochener Sprache gerecht wird.
2.4.2.1 Projektion
Bereits in Kapitel 2.3.1 wurde vor Augen geführt, dass eine traditionelle, strukturalistische Analyse eines Textes stets aus der Perspektive des fertigen Produkts erfolgt. Wie sich gezeigt hat, ist es aufgrund der On-line-Emergenz gesprochener Sprache jedoch nicht realistisch, Transkriptionen von Gesprächen aus der „Vogelperspektive“ des Textbearbeiters zu betrachten. Aufgrund dieser Einsicht sind die Vertreter der germanistischen Gesprochene-Sprache-Forschung bemüht, eine syntaktische Theorie zu entwickeln, die der „spezifische[n] Differenz der mündlichen Realisierungsform von Sprache“ Rechnung trägt und eine „modalitätsangemessene Syntaxbeschreibung der mündlichen Sprache“ erlaubt. Eine modalitätsangemessene Syntaxbeschreibung von Gesprächen kann dann erfolgen, wenn die zentralen Charakteristika gesprochener Sprache (z. B. Zeitlichkeit und Dialogizität), auf die in den letzten beiden Kapiteln eingegangen wurde, berücksichtigt werden.
In der zeitgenössischen Gesprochene-Sprache-Forschung herrscht Einigkeit, dass eine realitätsnahe syntaktische Beschreibung gesprochener Sprache vor allen Dingen „inkrementell“ sein muss (vgl. Auer 2007: 97). Das bedeutet, dass die echtzeitliche Entstehung einer syntaktischen Struktur nachvollzogen werden muss. Wie Auer betont, kann eine solche inkrementelle syntaktische Analyse nicht gelingen, wenn die der Analyse zugrunde liegende Syntaxtheorie vorwiegend auf einer „vertikalen“ Denkweise basiert, wie es beispielsweise in der generativen Grammatik der Fall ist: „The dominant theories of (generative) syntax imply a hierarchial [sic!] (vertical) production mode, by expanding higher nodes in some kind of tree into lower ones, and they fail to take into account the temporal unfolding of a linguistic construction“. Ein On-line-Modell der Syntaxverarbeitung, das dem linearen Charakter gesprochener Sprache gerecht werden soll, muss also auch auf „horizontalem“ Denken fußen.
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die kritische Einstellung zur gesprochenen Sprache und verdeutlicht das Primat der Schriftsprache in der linguistischen Forschung sowie die Notwendigkeit einer Neubewertung gesprochensprachlicher Phänomene.
2 HAUPTTEIL: Der Hauptteil bietet einen detaillierten Forschungsüberblick, kritisiert traditionelle Ansätze und entwickelt eine prozessorientierte "On-line-Syntax", um Satzsegmentierungen als dynamische, echtzeitliche Phänomene zu analysieren.
3 SCHLUSS: Das Fazit resümiert, dass eine produktorientierte Sichtweise der Satzsegmentierung unangemessen ist und fordert eine konsequente Berücksichtigung des prozessualen Charakters gesprochener Sprache für zukünftige syntaktische Analysen.
Satzsegmentierung, Gesprochene-Sprache-Forschung, On-line-Syntax, Projektion, Expansion, Retraktion, Herausstellungsstrukturen, Linksversetzung, Rechtsversetzung, Nähesprache, Prozessualität, Zeitlichkeit, Inkrementelle Syntax, Sprachproduktion, Sprachperzeption.
Die Arbeit analysiert die sogenannte Satzsegmentierung (z.B. Links- oder Rechtsversetzung) unter dem Aspekt, dass sie kein fehlerhaftes Abweichen von einer schriftsprachlichen Norm darstellt, sondern eine typische, funktionale Erscheinungsform gesprochener Sprache ist.
Zentrale Themen sind die Kritik an schriftsprachlich orientierten Grammatikmodellen, die Darstellung der Forschungsgeschichte in Germanistik und Romanistik sowie die Entwicklung einer prozessorientierten "On-line-Syntax".
Das Ziel ist es, zu zeigen, dass gesprochene Sprache "in Echtzeit" entsteht und deshalb eine Syntaxtheorie benötigt, die den linearen, zeitlichen Entfaltungsprozess von Äußerungen als zentrales Merkmal begreift.
Die Arbeit basiert auf einer kritischen Analyse der Fachliteratur sowie der exemplarischen Untersuchung authentischer Gesprächstranskriptionen unter Anwendung der "On-line-Syntax" nach Ansätzen von Peter Auer und anderen Vertretern der modernen Gesprochene-Sprache-Forschung.
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Einführung, einen umfangreichen Forschungsüberblick, eine Kritik an traditionellen Modellen (z.B. der "Bewegungsanalyse") und die detaillierte Ausarbeitung der prozessorientierten Grundoperationen Projektion, Expansion und Retraktion.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Satzsegmentierung, On-line-Syntax, Projektion, Zeitlichkeit, Nähesprache und Herausstellungsstrukturen charakterisiert.
Traditionelle Modelle betrachten Sätze oft als statische, fertige Produkte, die aus einer abstrakten Tiefenstruktur abgeleitet werden. Die On-line-Syntax hingegen modelliert die horizontale, inkrementelle Entstehung von Sprache "in Echtzeit", bei der der Sprecher permanent Erwartungen (Projektionen) beim Hörer aufbaut.
Projektionen sind Hinweise des Sprechers auf mögliche Fortsetzungen, die den Hörer bei der Verarbeitung unterstützen. Expansionen sind Bausteine, die weder projizierend noch projektionseinlösend wirken, sondern Äußerungen innerhalb oder außerhalb von Projektionsspannen erweitern.
Die Arbeit kritisiert solche Begriffe, da sie suggerieren, ein Element würde aus einem fertigen Satz räumlich nach links "versetzt". Tatsächlich aber entstehen diese Elemente zeitlich nacheinander, weshalb eine prozessorientierte Terminologie (wie z.B. Thematisierung-Aussage-Struktur) präziser wäre.
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