Bachelorarbeit, 2014
49 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Problemstellung und Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise und Methodik
2 Das Wirtschaftswunder
2.1 Politische und ökonomische Ausgangslage
2.1.1 Kriegsende und Teilung Deutschlands
2.1.2 Westdeutschland (Bizone; Trizone)
2.1.3 Ostdeutschland (Sowjetische Besatzungszone)
2.2 Wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands
2.2.1 Die pränatale Phase
2.2.2 Währungsreform und neue Wirtschaftsordnung
2.2.3 Souveränität und Aufschwung
2.3 Zu den Gründen des Wirtschaftswunders
2.3.1 Rekonstruktionsthese
2.3.2 Aufholthese (Catch-up-hypothesis)
2.3.3 Innovationsschub und Zweiphasenmodell
3 Mythos und Narration
3.1 Mythen und ihre Bedeutung für Staaten
3.1.1 Politischer Mythos
3.1.2 Staatlicher Gründungsmythos
3.1.3 Nationales Gedächtnis
3.2 Mythemen des Wirtschaftswunders
3.2.1 Stunde Null
3.2.2 Marshallplan und Währungsreform
3.2.3 Soziale Marktwirtschaft
3.3 Gründungsmythos Wirtschaftswunder
3.3.1 Wirtschaftsmythos ersetzt Staatsmythos
3.3.2 Mythos Wirtschaftswunder im kollektiven Gedächtnis
3.3.3 Mythos Wirtschaftswunder in der Bundespolitik
4 Schlussbetrachtung
4.1 Zusammenfassung
4.2 Fazit
4.3 Ausblick
Die vorliegende Arbeit untersucht das historische Phänomen des deutschen "Wirtschaftswunders" zwischen 1945 und den frühen 1960er Jahren, um zu ergründen, ob es sich dabei um ein wundersames Ereignis oder ein im kollektiven Gedächtnis verankertes, politisches Narrativ (einen Gründungsmythos) handelt.
3.2.1 Stunde Null
Das Schlagwort Stunde Null bezeichnet in Deutschland das Kriegsende 1945 und den Abschnitt der unmittelbaren Nachkriegszeit als radikalen und vollständigen Umbruch. Es kündet vom absoluten Zusammenbruch des NS-Staates und der damit einhergehenden totalen Zerstörung. Hier wird ein umfassender Nullpunkt gesetzt, der einerseits alles Gesewene – die Gesellschaftsordnung, die Staatlichkeit und damit auch die Wirtschaft – abrupt enden lässt und andererseits die Chance für einen bedingungslosen Neuanfang in völliger Abgrenzung zu den Vorgängersystemen bietet.
Dieser These von der Stunde Null wurde häufig widersprochen, beispielsweise durch den Bundespräsidenten Richard von Weizäcker. In seiner äußerst große Beachtung findenden Rede vom 08. Mai 1985 zum vierzigsten Jahrestag der deutschen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkrieges, während derer er den 08. Mai 1945 erstmals als einen Tag der Befreiung bezeichnete, verneinte er die Existenz einer Stunde Null:
„Es gab keine ‚Stunde Null‘, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt, so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt.“
Werner Abelshauser geht dahingehend noch weiter, als dass er zahlreiche Kontinuitäten, welche der These einer Stunde Null und einem absoluten Neuanfang im Nachkriegsdeutschland entgegenstehen, aufzeigt. Dabei macht er deutlich, dass hauptsächlich im industriellen Sektor die Kriegsschäden nicht wesentlich waren und somit die Kriegswirtschaft und die damit verbundene Investitionstätigkeit in die Industrie in mancherlei Hinsicht sogar eine der Grundlagen des Wirtschaftswunders sein sollten.
1 Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Relevanz des Wirtschaftswunders als identitätsstiftendes Element der Bundesrepublik und definiert die Forschungsfrage sowie die methodische Vorgehensweise.
2 Das Wirtschaftswunder: Hier werden die historischen, ökonomischen und politischen Bedingungen von 1945 bis zum Beginn der 1960er Jahre analysiert, inklusive der verschiedenen wissenschaftlichen Thesen zur Erklärung des Wachstums.
3 Mythos und Narration: Dieses zentrale Kapitel befasst sich mit der Theorie des politischen Mythos und analysiert, wie das Wirtschaftswunder als Gründungsmythos der Bundesrepublik fungiert und in der Politik sowie im Gedächtnis instrumentalisiert wurde.
4 Schlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, zieht ein Fazit über den Mythencharakter des Wirtschaftswunders und gibt einen Ausblick auf die Bedeutung von Mythen für die zukünftige gesellschaftliche Orientierung.
Wirtschaftswunder, Stunde Null, kollektives Gedächtnis, Gründungsmythos, Soziale Marktwirtschaft, Währungsreform, Marshallplan, Werner Abelshauser, Identitätsstiftung, Nachkriegszeit, politische Narration, Bundesrepublik Deutschland, Aufholthese, Rekonstruktionsthese, Wirtschaftsgeschichte.
Die Bachelor-Thesis untersucht das Phänomen des "Wirtschaftswunders" als einen zentralen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Deutschen und analysiert, inwieweit es sich dabei um einen politischen Gründungsmythos der Bundesrepublik handelt.
Die Themen umfassen die wirtschaftliche Nachkriegsentwicklung, die theoretische Definition von Mythen im staatlichen Kontext, die Bedeutung von Schlüsselereignissen wie der Währungsreform sowie die Verwendung des Wirtschaftswunder-Mythos in Regierungserklärungen.
Das Ziel ist die Untersuchung, ob es sich bei dem im kollektiven Gedächtnis verankerten Bild des Wirtschaftswunders um ein wundersames Ereignis handelt oder um ein politisches Narrativ, das zur Legitimation und Identitätsstiftung des jungen Staates genutzt wurde.
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Analyse wirtschaftshistorischer Daten und Theorien (wie die Rekonstruktions- und Aufholthesen) sowie auf eine Untersuchung politischer Mythen und Diskurse durch die Auswertung von Regierungserklärungen deutscher Kanzler.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Aufarbeitung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, eine theoretische Einordnung von Mythen und eine Untersuchung der konkreten Mythemen wie der "Stunde Null", der Sozialen Marktwirtschaft und deren Rolle in der bundesdeutschen Politik.
Die wichtigsten Schlagworte sind Wirtschaftswunder, Gründungsmythos, kollektives Gedächtnis, Stunde Null, Soziale Marktwirtschaft, Marshallplan und Identitätsstiftung.
Die kritische Distanz ist notwendig, da das populäre Bild oft wirtschaftshistorische Fakten (wie das bereits vorhandene Industriepotenzial) verklärt und ökonomische Mechanismen zu einem "Wunder" stilisiert, was die Sicht auf reale politische und wirtschaftliche Zusammenhänge verzerren kann.
Die Analyse der Regierungserklärungen zeigt, dass deutsche Bundeskanzler seit Gründung der BRD regelmäßig auf die Gründerjahre und das Wirtschaftswunder Bezug nehmen, um das Selbstverständnis des Staates zu festigen und für gegenwärtige politische Herausforderungen zu legitimieren.
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