Examensarbeit, 2010
73 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Kafka – Rezeption und Forschung
2.1 Methodische Reflexion
2.2 Frühe Rezeption – Religion und Unbewusstes
2.3 Rezeption 1933–1945 – Die Emigranten
2.4 Rezeption nach 1945 – Auffächerung der Ansätze
2.5 Einzelne Strömungen nach 1970
3. Adorno, Benjamin und die Kritische Theorie
3.1 »Kritische Theorie« und »Frankfurter Schule« – terminologische Bestimmung
3.2 Eine kurze Geschichte der Kritischen Theorie
3.3 Walter Benjamin und die Kritische Theorie
4. Zwei Essays
4.1 Walter Benjamin: »Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages«
4.1.1 Kontextualisierung
4.1.2 Es wird erzählt… – Von Machthabern und Gehilfen
4.1.3 Es gibt…– Naturtheater, Gesten und Erlösung
4.1.4 So erfuhr man… – Von Schablonen und entstellten Dingen
4.1.5 So erzählt man…– Vom Studium und entstellter Zeit
4.1.6 Zusammenfassende Einordnung in die Kafkarezeption und das Denken Benjamins
4.2 Theodor W. Adorno: »Aufzeichnungen zu Kafka«
4.2.1 Kontextualisierung und methodische Reflexion
4.2.2 Uninterpretierbarkeit und das Prinzip der Wörtlichkeit
4.2.3 Zur Frage einer psychoanalytischen Deutung
4.2.4 Exkurs: Adornos Ästhetische Theorie
4.2.5 Adornos sozio-historische Perspektive auf Kafka
4.2.6 Kafka als Expressionist
5. Schlussreflexion
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kafkarezeption innerhalb des Umfelds der Kritischen Theorie, insbesondere anhand der Essays von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, um deren wissenschaftliche Einordnung und Bedeutung im literaturhistorischen Kontext kritisch zu reflektieren.
Es wird erzählt… – Von Machthabern und Gehilfen
Benjamins Essay setzt ein mit der Wiedergabe einer von Puschkin überlieferten Anekdote über Potemkin, der während einer seiner Depressionen keinerlei Akten unterschreiben will und damit den gesamten Verwaltungsapparat lähmt. Dem »kleinen Kanzlisten« Schuwalkin, der Potemkin mit unbeschwerter Dreistigkeit die nötigen Unterschriften ablisten will, wird von diesem die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens vor Augen geführt, indem Potemkin jede der Akten wortlos mit »Schuwalkin« unterschreibt.
Diese Geschichte sei wie ein Herold »dem Werke Kafkas zweihundert Jahre vorausgestürmt«; Schuwalkin stehe für Kafkas K. und Potemkin für die »Gewalthaber, die bei Kafka als Richter in den Dachböden, als Sekretäre im Schloß hausen.« Mit Blick auf den Schloß-Roman sind es diese Machthaber, die Beamten des »Schlosses«, denen sich Benjamin zunächst als Figurenkreis zuwendet. Er vergleicht den portraitierten Schlosskastellan und den Kanzleivorsteher Klamm mit den »Atlanten, die die Weltkugel in ihrem Nacken tragen«. Bernd Müller vertritt in seiner Monographie zu Benjamins Kafka-Deutung den Standpunkt, dass dieser Vergleich auf den »Übergang des titanischen Weltalters zu dem des Zeus in der antiken Mythologie« anspiele und kommt mit einem Verweis auf Hans Blumenberg, der in diesem Übergang Konsolidierung und Einschränkung von Macht zugleich sieht, zu dem Schluss, das titanische Element in den Machthabern gebe »einen Hinweis auf die Brüchigkeit solcher Konsolidierungsprozesse, wie sie historisch die Einführung des Rechts mit seiner dauerhaften und wechselseitigen Geltung darstellt, und wie sie die griechische Mythologie im Wechsel vom titanischen zum olympischen Weltalter festhält.« Diese Deutung steht allerdings auf wackeligen Beinen, wenn man bedenkt, dass Benjamins Vergleich auf die künstlerischen Darstellungen des Titanen Atlas referiert und nicht auf die mythologische Figur selbst, womit der Verweis auf etwas »titanisches« nur noch vermittelt vorliegt.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeiten und die Notwendigkeit einer neuen Kafka-Interpretation im Kontext der "Kritischen Theorie" und legt den Fokus auf die Essays von Benjamin und Adorno.
2. Kafka – Rezeption und Forschung: Dieses Kapitel skizziert die verschiedenen Phasen der Kafkarezeption, von der frühen religiösen Deutung bis hin zu modernen textimmanenten und literaturtheoretischen Ansätzen.
3. Adorno, Benjamin und die Kritische Theorie: Hier wird der theoretische Rahmen der Kritischen Theorie definiert und die institutionelle sowie philosophische Einbettung von Benjamin und Adorno in dieses Umfeld geprüft.
4. Zwei Essays: Im Hauptteil erfolgt eine tiefgehende Analyse der Kafka-Essays von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, wobei deren methodische Ansätze, Motive und ihr Verhältnis zum literarischen Werk Kafkas rekonstruiert werden.
5. Schlussreflexion: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bedeutung der untersuchten Essays für die nachfolgende Kafkaforschung sowie deren Stellung innerhalb der Kritischen Theorie.
Franz Kafka, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Kafkarezeption, Vorwelt, Erlösung, Gestus, Uninterpretierbarkeit, Ästhetische Theorie, Expressionismus, Materialismus, Literaturwissenschaft, Interpretation.
Die Arbeit analysiert die Kafkadeutungen von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno und hinterfragt, inwiefern diese als spezifische Beiträge der "Kritischen Theorie" oder deren Umfeld verstanden werden können.
Im Mittelpunkt stehen die literarhistorische Rezeption Kafkas, das Spannungsfeld zwischen philosophischer Gesellschaftstheorie und Literaturkritik sowie die Analyse spezifischer Interpretationskategorien wie "Vorwelt", "Gestus" und "Uninterpretierbarkeit".
Ziel ist eine kritische Rekonstruktion der Kafka-Essays beider Autoren, um deren theoretisches Fundament und ihre Bedeutung für die Forschung im Kontext der Kritischen Theorie herauszuarbeiten.
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen und diskursanalytischen Ansatz, der eine kritische Rekonstruktion der Texte vornimmt und diese in den Kontext geschichtsphilosophischer Diskurse einbettet.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Benjamins Essay "Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages" und Adornos "Aufzeichnungen zu Kafka", unter Berücksichtigung von deren Verhältnis zu anderen Schriften und der jeweiligen Denktradition.
Die zentralen Begriffe sind Kafka, Benjamin, Adorno, Kritische Theorie, Kafkarezeption, Vorwelt, Erlösung, Gestus, Uninterpretierbarkeit und Ästhetische Theorie.
Der Autor ordnet das Konzept der "Vorwelt" als ein geschichtsphilosophisches Konstrukt ein, das bei Benjamin zwar zentral für das Verständnis von Kafkas Texten ist, jedoch textimmanent eine gewisse Unbestimmtheit behält.
Während Benjamin stärker geschichtsphilosophisch und durch ein kollektives Gedächtnis argumentiert, legt Adorno einen stärkeren Fokus auf die "immanente Kritik" und die formale Dissonanz des Kunstwerks als Ausdruck gesellschaftlicher Entfremdung.
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