Magisterarbeit, 2003
102 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Rundfunk in Deutschland nach 1945
3. Hörspiel in Deutschland zwischen 1945 und 1960
3.1 Hörspielhörer-Zahlen
3.2 Wiederaufnahme der Hörspielproduktion nach 1945
3.3 Anwerbung von Autoren
3.4 Folgen des föderalistischen Rundfunks für die Hörspielproduktion
3.5 Formale Reduktion der Gattung in den 1950er Jahren
3.6 Zur Terminologie des literarischen Originalhörspiels
3.7 Themen und Gestaltung des literarischen Originalhörspiels der 1950er Jahre
4. Günter Eich und der Rundfunk
4.1 Günter Eichs Rundfunkarbeit vor 1945
4.2 Günter Eichs Rundfunkarbeit nach 1945
4.2.1 Günter Eichs Lebenssituation unmittelbar nach 1945
4.2.2 Günter Eichs Kontakt zu den Sendern
5. ‚Die Andere und ich’ als Hörspieltext
5.1 Entstehungsgeschichte des Hörspieltextes
5.2 Textanalyse
5.3 Interpretation von ‚Die Andere und ich’
5.3.1 Verfahrensweise
5.3.2 Sukzessive Interpretation des Hörspieltextes
5.3.3 Günter Eichs Poetik als Schlüssel zum Textverständnis
6. Exkurs: Hörspieltheorie und -poetik heute
6.1 Hörspielanalyse: Die Problematik der Literaturwissenschaft
6.2 Sinn und Zweck einer Analyse von Hörspielrealisationen
6.3 Konzepte der Hörspielanalyse
7. ‚Die Andere und ich’ als Hörspielrealisation
7.1 Quellenlage
7.2 Zur eigenen Verfahrensweise
7.3 Bedeutung technischer Entwicklungen für die einzelnen Realisationen
7.4 Hörspielanalyse
7.4.1 ‚Die Andere und ich’: SDR 1952
7.4.2 ‚Die Andere und ich’: NWDR 1952
7.4.3 ‚Die Andere und ich’: HR 1962
7.4.4 ‚Die Andere und ich’: MDR 1992
8. Schlussbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht Günter Eichs Hörspiel „Die Andere und ich“ (1951) hinsichtlich seiner dramaturgischen Gestaltung, Entstehungsgeschichte sowie seiner vier wesentlichen westdeutschen Realisationen. Ziel ist es, die spezifische Ästhetik des „Hörspiels der Innerlichkeit“ der 1950er Jahre im Kontext der mediengeschichtlichen Rahmenbedingungen nach 1945 aufzuzeigen und die Relevanz der Hörspielrealisation gegenüber dem reinen Text zu begründen.
3.2 Wiederaufnahme der Hörspielproduktion nach 1945
Die Situation des deutschen Hörspiels nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entsprach in weiten Teilen tatsächlich der einer ‚Stunde null’: Ein direktes Anknüpfen an das Hörspiel-Repertoire vor allem der Weimarer Republik war unmöglich, da Großteile der deutschen Rundfunkarchive durch die Alliierten oder die Nazis selbst zerstört worden waren. Hörspielproduktionen aus der NS-Zeit kamen – sofern vorhanden – ebenfalls nicht zur Sendung. Viele dieser Stücke handelten von Kriegshelden, Entbehrungen, Kameradschaft und Treue und repräsentierten somit das nationalsozialistische Deutschland unter Hitler – nicht die Lebenssituation der Deutschen nach dem Zusammenbruch des Reiches und dem Ende des Krieges. Es galt für die Verantwortlichen daher, die “fast zehnjährige Pause zu überwinden, während der Hörspiele, literarische zumal, eigentlich nicht entstanden waren”23, indem schnellstmöglich neue Hörspiele verfasst und produziert wurden.
In den ersten Nachkriegsjahren handelte es sich bei den gesendeten Hörspielen zunächst hauptsächlich um Adaptionen von literarischen Vorlagen, da sich die einzelnen Hörspiel-Redaktionen erst im Aufbau befanden und gute und vor allem ausreichend viele Hörspielautoren noch fehlten. Insofern ähnelte die Situation der in den 1920er Jahren, zu Beginn des Hörspiels in Deutschland.
Der Wiederbeginn des Hörspiels in Deutschland datiert auf den 13.09.1945, also nur vier Monate nach Ende des Krieges. An diesem Tag sendete der gerade entstandene Sender Radio Hamburg das erste Nachkriegshörspiel, Carl Zuckmayers ‚Hauptmann von Köpenick’. Wenige Monate danach, am 20.01.1946, kam, ebenfalls durch Radio Hamburg, das erste Originalhörspiel der Nachkriegszeit, Volker Starkes ‚Der Held’, zur Sendung.
Brachten die einzelnen Funkhäuser zunächst noch sehr unregelmäßig Hörspiele, wurde nach und nach ein fester Hörspieltermin pro Woche und Sender (zumeist abends) etabliert, beim SDR sogar zwei. Nach der Einführung der Ultrakurzwellenfrequenz (UKW) und dem Beginn eines zweiten Programms pro Sender (um 1950) erhöhte sich der Hörspielbedarf entsprechend. 1950 lag er in der BRD bei ungefähr 1000 Sendungen pro Jahr, nach Abzug der Wiederholungen und Übernahmen bedeutete das immer noch zwischen 120 und 300 Neuproduktionen jährlich24, eine ungeheure Zahl an Sendungen, für deren Realisierung dringend neue Autoren gefunden werden mussten.
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung von Günter Eich als Hörspielautor ein und erläutert die methodische Notwendigkeit, neben dem Text auch die Realisationen des Werks zu untersuchen.
2. Rundfunk in Deutschland nach 1945: Dieses Kapitel skizziert den Aufbau eines dezentralen, föderalistischen Rundfunksystems nach der Zerstörung durch den Krieg und dessen Bedeutung als einziges Informationsmedium.
3. Hörspiel in Deutschland zwischen 1945 und 1960: Es wird die Blütezeit des Hörspiels analysiert, wobei besonders die Autorensuche, die mediale Prägung durch das Radio und die formale Gattungsreduktion im Vordergrund stehen.
4. Günter Eich und der Rundfunk: Hier wird Eichs beruflicher Werdegang vom Vorkriegsautor zum erfolgreichen Hörspielautor der 1950er Jahre unter Berücksichtigung finanzieller Not und künstlerischer Abhängigkeit dargestellt.
5. ‚Die Andere und ich’ als Hörspieltext: Der Fokus liegt auf der Entstehungsgeschichte, der Textanalyse und der sukzessiven Interpretation des Hörspiels, inklusive der Auseinandersetzung mit Eichs Poetik.
6. Exkurs: Hörspieltheorie und -poetik heute: Es wird die methodische Problematik beleuchtet, dass die Literaturwissenschaft Hörspielrealisationen oft als Marginalien und nicht als eigenständiges Kunstwerk betrachtet.
7. ‚Die Andere und ich’ als Hörspielrealisation: Dieser Hauptteil vergleicht die vier vorliegenden Realisationen des Werks und beleuchtet den Einfluss technischer Innovationen auf die dramaturgische Umsetzung.
8. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Eichs Werk die Ambivalenz der menschlichen Existenz thematisiert und das Hörspiel durch die Realisation erst seine volle Wirkung entfaltet.
Günter Eich, Die Andere und ich, Hörspiel, Nachkriegsliteratur, Rundfunkgeschichte, Hörspielrealisation, Identitätswechsel, Hörspiel der Innerlichkeit, Föderalismus, Literaturwissenschaft, Dramaturgie, 1950er Jahre, Radio, Medientheorie, Einverstanden-Sein.
Die Arbeit untersucht das Hörspiel „Die Andere und ich“ von Günter Eich und analysiert, wie sich das Werk in der Hörspielpraxis der 1950er Jahre verortet und wie es in verschiedenen Produktionen realisiert wurde.
Die Themen umfassen die Geschichte des Rundfunks in Deutschland nach 1945, die Entwicklung von Günter Eich zum Hörspielautor sowie die Analyse von Hörspielästhetik und Produktionstechniken.
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass die Realisation eines Hörspiels das eigentliche Kunstwerk darstellt und eine rein textbasierte Analyse für ein umfassendes Verständnis nicht ausreicht.
Der Autor nutzt eine Kombination aus mediengeschichtlicher Analyse, werkimmanenter Textinterpretation und einem vergleichenden medienwissenschaftlichen Ansatz, der vier verschiedene Rundfunk-Realisationen des Stücks gegenüberstellt.
Im Hauptteil stehen die verschiedenen Fassungen des Hörspiels (SDR 1952, NWDR 1952, HR 1962, MDR 1992) im Fokus, wobei dramaturgische Entscheidungen der Regisseure und der Einfluss technischer Mittel bewertet werden.
Wichtige Begriffe sind „Hörspiel der Innerlichkeit“, „Identitätswechsel“, „Realisation“, „Föderalismus“ und „Einverstanden-Sein“.
Der Identitätswechsel ist ein zentrales Motiv, das als „Gleichnis für das Mitleiden“ fungiert und dazu dient, die Grenzen zwischen Individuen und Realitäten zu verwischen, um den Hörer existenziell zu fordern.
Die MDR-Produktion von 1992 nutzt moderne Technik und Collage-Elemente, um den Fiktionscharakter des Hörspiels selbst zu reflektieren, was einen deutlichen Bruch mit der traditionellen Herangehensweise der 1950er Jahre darstellt.
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