Diplomarbeit, 2004
74 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Methoden
3. Krise der Wissenschaften
4. Krise der Medizin
4.1 Verlust von individuellen Sinn
4.2 Ethische Dilemma
4.3 Vernachlässigung von Prävention
4.4 Grenzen durch Ökonomisierung
5. Krise der Pflegewissenschaft
6. Ganzheitlichkeit
Historischer Exkurs
Exkurs Soziologie und Politische Philosophie
6.1 Philosophisches Modell Holismus
6.2 Harmoniemodelle
6.3 New Age
6.4 Naturheilverfahren
6.5 Anthropologische Medizin
7. Ganzheitlichkeit als Ideologie? Eine kritische Analyse der Realität
8. Zusammenfassung
9. Fazit / Ausblick
10. Literatur
Die Diplomarbeit untersucht den Begriff der Ganzheitlichkeit im Kontext von Medizin und Pflege. Das Hauptziel ist es, die Popularität dieses Konzepts kritisch zu hinterfragen und die These zu belegen, dass es sich dabei weniger um konkrete Handlungsanweisungen als vielmehr um eine ideologische Denkweise handelt, die auf Krisen der modernen Wissenschaft reagiert.
1. Einleitung
Kaum ein Begriff wird in Medizin und Pflege häufiger benutzt als Ganzheitlichkeit. Es entspricht dem Zeitgeist, ganzheitlich zu denken und zu arbeiten. Darüber hinaus gibt es viele ganzheitlich klassifizierte Gesundheitsangebote. Das Thema Ganzheitlichkeit ist im wissenschaftlichen Kontext, wie auch im pseudo-wissenschaftlichen und esoterischen Kontext populär. Sei es wenn Mediziner wie Helmut Milz (vgl. ebd., 1985) den Beginn einer ganzheitlichen Medizin postulieren, wenn die Pflegewissenschaftlerinnen Patricia Benner und Judith Wrubel über den Sorgebegriff bei Heidegger die Natur der Pflegenden bestimmen (vgl. ebd., 1997) oder wenn in einem Standardwerk der Krankenpflegeausbildung die Ganzheit des Menschen als Tatsache dargestellt wird (vgl. Juchli, 1991, 26ff), in vielfältiger Form wird der Begriff Ganzheitlichkeit genutzt.
Woher kommt diese Popularität des Konzeptes Ganzheitlichkeit? Unsere Lebensumstände sind alles andere als ganzheitlich. Unser Leben ist geprägt durch Arbeitsteilung, die Aufspaltung des Lebens in Teilbereiche, durch die Einnahme unterschiedlicher und sich teilweise widersprechender Rollen und Funktionen und die Veränderung und der Verlust von Bindungen und Werten (vgl. Bischoff, 1994, 37). Die Naturwissenschaften fordern immer stärker eine Abkehr des kausalanalytischen Denkens und die Hinwendung zu vernetztem, ganzheitlichem Denken und Handeln. Dies hat Auswirkungen auf die Medizin und die mit ihr in einen starken Zusammenhang stehende Pflege.
Die Hauptthese dieser Diplomarbeit ist, dass es sich bei ganzheitlichen Ideen weniger um konkrete Handlungsanweisungen handelt, sondern mehr um Visionen, Ideale, einem „Bedürfnis nach einer neuen ‚Übersichtlichkeit’“ (Kühn, 1989, 112) bzw. um ideologischen Denkweisen. Sie somit einen Zweck erfüllt – als Ideologie.
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des Begriffs Ganzheitlichkeit und Aufstellung der Hauptthese, dass es sich hierbei um eine ideologische Strömung handelt.
2. Methoden: Beschreibung der theoretischen Arbeitsweise mittels einer Literaturrecherche und -auswertung zur Klärung der theoretischen Grundlagen.
3. Krise der Wissenschaften: Analyse der wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Darstellung der Krise der Naturwissenschaften sowie ihrer Begründungsdefizite.
4. Krise der Medizin: Untersuchung der Medizinkrise, die durch Verobjektivierung des Patienten und Verlust des Sinns im Handeln gekennzeichnet ist.
5. Krise der Pflegewissenschaft: Darstellung der Pflegewissenschaft als Versuch, ein Gegenmodell zur Medizin zu entwickeln, das jedoch ebenfalls unter hierarchischen Strukturen leidet.
6. Ganzheitlichkeit: Historische Herleitung und systematische Differenzierung verschiedener ganzheitlicher Ansätze und Denkmodelle.
7. Ganzheitlichkeit als Ideologie? Eine kritische Analyse der Realität: Überprüfung der Ideologie-These anhand soziologischer Begriffe und kritische Analyse der Wirksamkeit ganzheitlicher Konzepte.
8. Zusammenfassung: Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse über die Krise der Wissenschaften und der Rolle der Ganzheitlichkeit als Ideologie.
9. Fazit / Ausblick: Abschließende Bewertung des Ganzheitsbegriffs als unbrauchbares Handlungskonzept, jedoch mit Potenzial als humanistisches Menschenbild.
10. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur.
Ganzheitlichkeit, Medizin, Pflege, Pflegewissenschaft, Ideologie, Wissenschaftskrise, Holismus, Naturheilverfahren, Anthropologische Medizin, Sinnsuche, Wissenschaftstheorie, Systemtheorie, Patientenorientierung, Technikfolgen, Entfremdung
Die Arbeit untersucht den inflationären Gebrauch des Begriffs Ganzheitlichkeit in Medizin und Pflege und analysiert diesen als eine ideologische Reaktion auf die Krise der modernen Wissenschaften.
Die zentralen Themen umfassen die erkenntnistheoretische Krise der Naturwissenschaften, die Reduktion des Menschen zum Objekt in der kurativen Medizin sowie die ideologiekritische Bewertung ganzheitlicher Theorien.
Das Ziel ist der Nachweis, dass ganzheitliche Ansätze meist keine fundierten Handlungsanweisungen bieten, sondern primär als ideologische Visionen zur Sinnstiftung in einer als entfremdet wahrgenommenen Welt dienen.
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die methodisch auf einer umfassenden Literaturrecherche und anschließender ideologiekritischer Auswertung basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Wissenschafts- und Medizinkrise, eine systematische Einordnung ganzheitlicher Denkmodelle (wie Holismus oder Anthropologische Medizin) und eine kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie-These.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Ganzheitlichkeit, Ideologie, Wissenschaftskrise, Entfremdung und Sinnsuche charakterisiert.
Weil die Medizin in der naturwissenschaftlichen Tradition der "Reparatur" verhaftet bleibt und komplexe psychosoziale Zusammenhänge chronischer Erkrankungen mit ihrem linearkausalen Verständnis nicht erfassen kann.
Der Autor zeigt auf, dass einige frühe Vertreter ganzheitlicher Theorien und der anthropologischen Medizin ihre Konzepte nutzten, um die demokratische Weimarer Republik abzulehnen und faschistische, totalitäre Ideologien zu stützen.
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Ganzheitlichkeit als konkrete Handlungsanweisung oder Interaktionsvorgabe unbrauchbar bleibt, da sie inhaltsleer ist und die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Probleme nicht lösen kann.
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