Magisterarbeit, 2014
108 Seiten, Note: 1,0
Geschichte Deutschlands - Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg
1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsstand
2. Theoretischer Rahmen und methodisches Vorgehen
2.1 Der Ideologiebegriff nach Althusser
2.2 Rassismus und Bio-Politik
3. Genesis der Herrschaft
3.1. Die „Neuordnung der ethnographischen Verhältnisse“
3.2 Etablierung des biopolitischen Regimes
3.2.1 Der „Gaukönig“
3.2.2 Der SS-Komplex
4. Felder der Bevölkerungspolitik im Regierungsbezirk Kattowitz
4.1 Räumliche Exklusion und Integration
4.1.1 Die Grenzziehung
4.1.2 Der „ethnische Wall“: die Polizeigrenze
4.1.3 Exklusion und Integration durch Deportationen
4.2. Die Erfassung der Bevölkerung: Was ist „deutsch“?
4.2.1 Die Frage der Staatsangehörigkeit
4.2.2 Die Einwohnererfassung von 1939/40
4.2.3 Die Frage nach dem Selektionsverfahren
4.2.4 Brachts Initiative: Die „Polenliste“
4.2.5 Die „Deutsche Volksliste“ und die Macht der „Gaukönige“
5. Resümee
Die Arbeit untersucht die Mechanismen nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik im Regierungsbezirk Kattowitz (Oberschlesien) zwischen 1939 und 1945. Ziel ist es, zu analysieren, wie durch Prozesse der räumlichen Exklusion, der Erfassung der Bevölkerung und der administrativen Selektion eine völkische Homogenisierung erzwungen werden sollte, und dabei das Verhältnis von ideologischen Prämissen zu pragmatischen Umsetzungen in einem ethnisch heterogenen Raum offenzulegen.
3.1. Die „Neuordnung der ethnographischen Verhältnisse“
Die Frage die zunächst gestellt werden muss, ist: warum Polen? Es erscheint sehr verwunderlich, dass sich das Deutsche Reich 1939 in einem Bündnis mit der Sowjetunion befand und mit dem Angriff auf Polen, das bis 1938 ein potentieller Verbündeter des „Dritten Reiches“ war, einen Krieg mit Großbritannien auslöste, „während [...] in Mein Kampf das genaue Gegenteil angestrebt worden war. Hitler sei Kershaw zufolge keineswegs ein überzeugter „Polenhasser“ gewesen. Vielmehr wurde seine Slawenfeindschaft, die er als Österreicher vor allem auf die Tschechen richtete, erst durch den Krieg auf Polen gelenkt, während er sich davor kaum für dieses Land interessierte.
Nach Tooze lässt sich die Entscheidung zum Überfall auf Polen zwar anhand der außenpolitischen Lage des Deutschen Reichs und den Zwängen des europäischen Rüstungswettlaufs teilweise, jedoch nicht vollständig erklären. Um verstehen zu können, was das „Dritte Reich“ dazu bewog, Polen anzugreifen, müsse man die Ideologie Hitlers verstehen.
Als Hitler am 1. Januar 1939 vor dem Reichstag verlautbarte, dass der "heutige deutsche Volksstaat [...] keine gesellschaftlichen Vorurteile" kenne, sondern nur "Lebensgesetze und Notwendigkeiten", so drückte er damit seine Vorstellung von „der Unvermeidlichkeit des 'Volkstumskampfes' aus. Die bereits eingangs erwähnte „neue Menschenschöpfung“, stand aus Sicht der Nationalsozialisten im zwingenden Verhältnis mit der Eroberung neuen „Lebensraums“, die sowohl die Revision des Versailler Vertrages bedeutete, als auch darüber hinaus weisen sollte. Staatsgrenzen definierte man dementsprechend nicht mehr nach staatsrechtlichen Grundsätzen, sondern nach „Lebensgesetzen“. Hitler machte schon in „Mein Kampf“ deutlich, dass es ihm um mehr als Revisionismus oder Revanchismus ging:
„Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist ein politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen erscheinen lassen. [...] Die Grenzen des Jahres 1914 bedeuten für die Zukunft der deutschen Nation gar nichts. In ihnen lag weder ein Schutz der Vergangenheit, noch läge in ihnen eine Stärke für die Zukunft. Das deutsche Volk wird durch sie weder seine innere Geschlossenheit erhalten, noch wird seine Ernährung durch sie sichergestellt, noch erscheinen diese Grenzen, vom militärischen Gesichtspunkt aus betrachtet, als zweckmäßig oder auch nur befriedigend.“
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Forschungsinteresse an der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik in Oberschlesien dar und fragt nach den Kriterien für Zugehörigkeit und Ausschluss unter den Bedingungen der Besatzung.
2. Theoretischer Rahmen und methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel verortet die Untersuchung im theoretischen Kontext des Ideologiebegriffs nach Althusser sowie in der biopolitischen Konzeptualisierung nach Foucault und Aly.
3. Genesis der Herrschaft: Hier wird die Etablierung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems in den annektierten Gebieten, einschließlich der Machtstrukturen von Gauleitern und SS, analysiert.
4. Felder der Bevölkerungspolitik im Regierungsbezirk Kattowitz: Das zentrale Kapitel untersucht die praktische Umsetzung von Exklusion durch Grenzziehung, Deportationen sowie die selektive Erfassung der Bevölkerung mittels der Deutschen Volksliste.
5. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass die Bevölkerungspolitik in Oberschlesien als dialektischer Prozess zwischen ideologischen Vorgaben und pragmatischen administrativen Entscheidungen zu verstehen ist.
Nationalsozialismus, Bevölkerungspolitik, Oberschlesien, Deutsche Volksliste, Bio-Politik, Rasse, Lebensraum, Regierungsbezirk Kattowitz, Zivilverwaltung, Deportation, Segregation, Germanisierung, Volkszugehörigkeit, Herrschaftsrationalität, völkische Ideologie
Die Arbeit analysiert die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik im Regierungsbezirk Kattowitz während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und deren Auswirkungen auf die ethnische Zusammensetzung der Region.
Im Zentrum stehen die Methoden der räumlichen Trennung, die bürokratische Erfassung der Bevölkerung sowie die ideologischen Grundlagen der "Blut-und-Boden"-Politik im besetzten Polen.
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, welche Bevölkerungsgruppen als "deutsch" eingestuft, welche ausgeschlossen wurden und wie diese Segregation in einem ethnisch hochgradig heterogenen Raum praktisch organisiert wurde.
Die Untersuchung basiert auf der Auswertung von Primärquellen, Archivmaterial sowie zeitgenössischer Literatur und nutzt theoretische Konzepte wie Foucaults Biopolitik und Althussers Ideologiebegriff zur Analyse.
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Genesis der Besatzungsherrschaft, die räumliche Exklusionspolitik durch Polizeigrenzen und Deportationen sowie die detaillierte Untersuchung der Einwohnererfassung und des Selektionsverfahrens für die "Deutsche Volksliste".
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Volkszugehörigkeit", "Rasse", "Lebensraum", "Germanisierung" und "Herrschaftsrationalität".
Im Gegensatz zum Wartheland zeigte sich in Oberschlesien eine "mildere" Germanisierungspolitik mit einer inklusiveren Tendenz, um die für die Kriegswirtschaft essenzielle industrielle Basis und Belegschaft zu stabilisieren.
Die Studie betont, dass die NS-Bevölkerungspolitik kein rein irrationale Umsetzung starrer ideologischer Dogmen war, sondern ein komplexer Prozess, bei dem rassische Ziele und ökonomische Notwendigkeiten in einem permanenten, dialektischen Spannungsverhältnis standen.
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