Magisterarbeit, 2002
95 Seiten, Note: 1.0
1. Einleitung
1.1. Theater als Membran gesellschaftlicher Phänomene
1.2. Zur Vorgehensweise der Arbeit
2. Begriffserklärungen: Moderne/Postmoderne
3. Merkmale heutiger Gesellschaft
3.1. Individualisierung
3.1.1. Die Ehe. Ein veraltetes System?
3.1.2. Paralyse durch Wahlüberangebot
3.1.3. Die Kehrseite des erfolgreichen Lebens: das Problem von Sucht und Abhängigkeit
3.2. Vom Identitätswechsel zur Identitätskrise
3.3. Orientierungsproblematik
3.3.1. Religionssubstitution
3.3.1.1. Konsum
3.3.1.2. Der gefühlesammelnde Konsument
3.3.1.3. Liebe
3.3.2. Wertewandel: Von der Stabilität zur Mobilität
3.4. Aspekte der Singlegesellschaft
4. Von der Gesellschaft zur Dramatik
4.1. Typologisierung des Individuums. Problematik von Typen
4.2. Baumans Typen
4.2.1. Mobilität und Involviertsein als Kategorien der Typisierung
4.2.2. Eine Entwicklung: vom Pilger zum postmodernen Typ
4.2.3. Drei postmoderne Typen
4.2.3.1. Tourist
4.2.3.2. Vagabund
4.2.3.3. Flaneur
4.3. Entwicklung weiterer Typen
4.3.1 Die glücklichen Single: Pioniere der Spätmoderne?
4.3.2. Die gelangweilten Spaßtypen
4.3.3. Der konsumgesteuerte Typ
4.3.4. Die reflektierten Orientierungslosen
4.3.5. Die Einsamen: Verlierer der Spätmoderne?
4.4. Fosses Typen, die Paralysierten
5. Schlussteil
5.1. Anything goes?
5.2. Zwei Diskurse, eine Ansicht
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen gesellschaftlicher Deregulierung und Beschleunigung auf die Identitätsbildung des spätmodernen Individuums. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie heutige Theaterautoren verschiedene Variationen des Individuellen in ihren Werken darstellen und ob sich diese mit soziologischen Typenentwürfen in Einklang bringen lassen.
3.1.2. Paralyse durch Wahlüberangebot
Ist die Kenntnis vieler Handlungsmöglichkeiten entscheidungsfördernd oder hemmt es die Handlung eher?
Die bereits beschriebenen Expansionen der Wahlmöglichkeiten und Freiheiten beschreibt Heiko Ernst deutlich negativ als „Tyrannei der Möglichkeiten“. Komplexe Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns gibt, als vom Menschen aktualisiert werden kann. Dabei ist es für die Individuen entscheidend, die Fähigkeit zu entwickeln, „aus einer Vielzahl möglicher Handlungen (Gesten usw.) die für sie ‚richtigen’ zu wählen.“ Nur so kann eine Orientierung in einer komplexen Welt möglich werden.
Bei einem fast unendlich erscheinenden Angebot an Wahlmöglichkeiten wird aus der Wahl schnell ein wählen müssen. Dies kann den Einzelnen leicht überfordern. Die Angst, die falsche Wahl zu treffen, kann dazu führen, sich dem Zyklus ganz entziehen zu wollen: die totale Verweigerung.
Das andere Extrem ist der rasende Stillstand. Alles wird gewählt, aber nichts richtig.
„Für diese permanenten Wahlzwänge im Entscheidungsdschungel steht paradigmatisch der Fernsehkonsument, der sich zwischen den immer zahlreicheren Kanälen nicht zu entscheiden weiß, deshalb permanent, in immer schnelleren Intervallen zwischen den Programmen hin und her zappt, ohne die Geduld aufzubringen, irgendwo für eine gewisse Zeit verbleiben zu können.“
1. Einleitung: Das Theater wird als Reflexionsfläche gesellschaftlicher Umbrüche eingeführt, wobei die methodische Vorgehensweise, soziologische Diskurse mit dramatischer Figurenzeichnung zu verbinden, erläutert wird.
2. Begriffserklärungen: Moderne/Postmoderne: Eine theoretische Skizzierung der Begriffe, um die zeitliche Einordnung und die wissenschaftliche Verwendung von "Spätmoderne" zu klären.
3. Merkmale heutiger Gesellschaft: Dieser Hauptteil analysiert zentrale Phänomene wie Individualisierung, Identitätskrisen, Wertewandel und die Zunahme von Single-Lebensstilen.
4. Von der Gesellschaft zur Dramatik: Hier erfolgt die Anwendung soziologischer Typologien auf konkrete dramatische Figuren von Autoren wie Botho Strauß, Jon Fosse, Dea Loher und Mark Ravenhill.
5. Schlussteil: Zusammenführung der Ergebnisse, die das "Scheitern" als gemeinsames Motiv der untersuchten literarischen Figuren in einer deregulierten Gesellschaft identifiziert.
Individualisierung, Spätmoderne, Identität, Singlegesellschaft, Soziologie, Theaterwissenschaft, Typologie, Konsumgesellschaft, Wahlfreiheit, Orientierungslosigkeit, Fremdsteuerung, Mobilität, Entfremdung, Existenzangst, Zygmunt Bauman.
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Veränderungen wie Deregulierung und Individualisierung das Selbstverständnis des Menschen in der Spätmoderne beeinflussen und wie dies in zeitgenössischen Dramen dargestellt wird.
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Individualisierung auf Lebensentwürfe, die Krise der Identität, der Wertewandel hin zur Mobilität sowie das Phänomen der Singlegesellschaft.
Ziel ist es, die Verbindung zwischen soziologischen Theorien über die moderne Gesellschaft und den spezifischen Figurenkonzeptionen zeitgenössischer Dramatiker herzustellen.
Die Autorin nutzt eine vergleichende Analyse, indem sie Thesen gegenwärtiger Soziologie (insb. Zygmunt Bauman) nutzt, um die psychologische Befindlichkeit der Figuren in den Stücken ausgewählter Dramatiker zu typologisieren.
Der Hauptteil gliedert sich in eine soziologische Bestandsaufnahme moderner Gesellschaftsmerkmale und einen dramaturgischen Teil, in dem Figuren als "Touristen", "Vagabunden" oder "Flaneure" analysiert werden.
Die Arbeit ist durch den Fokus auf das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Unsicherheit geprägt und zeigt auf, wie Individuen in einer marktwirtschaftlich dominierten Welt versuchen, ihr Leben als "Projekt" zu gestalten.
Im Gegensatz zu anderen Autoren, deren Figuren aktiv auf die Umwelt reagieren, zeigt Fosse in seinen Stücken "paralysierte" Figuren, die in einer Sprachlosigkeit innerhalb familiärer Strukturen gefangen sind.
Die Autorin stellt fest, dass es trotz der modernen Beliebigkeit unüberwindbare Grenzen gibt; die Dramatik der Gegenwart fungiert daher eher als eine "Dramatik des Scheiterns" statt als ein Spiegel eines sorglosen "Anything goes".
Sie wird nicht nur als Befreiung, sondern als eine Entwicklung analysiert, die aufgrund der fehlenden sozialen Einbindung oft zu Isolation, Frustration und existenziellem "Frösteln" führt.
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