Bachelorarbeit, 2014
44 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Die Maßzahlen in der Epidemiologie
2.1. Prävalenz, Inzidenz und Mortalität
2.2. Spezifische Suizidraten und Altersstandardisierungen
3. Problemstellung: Suizidraten in Europa
4. Soziologische Theorie: Von Durkheims „Le Suicide“ bis heute
4.1. Emile Durkheim: Soziale Integration und die soziale Ordnung
4.2. Kritik an Durkheim
4.3. Integration, Anomie und sozialer Wandel
4.4. Soziale Integration und geschlechtsspezifische Suizidraten
4.5. Alter und soziale Integration
5. Analyse
5.1. Geschlechtsspezifische Suizidraten
5.2. Altersspezifische Suizidraten
5.3. Zusammenfassung und Interpretation der Zusammenhänge
6. Suizidraten und Soziologie im 20. und 21. Jahrhundert: Fazit
Die Arbeit untersucht die These, dass Suizidraten nicht primär individuell, sondern als Phänomen im sozialen Kontext zu begreifen sind. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen soziologischen Indikatoren und Suizidraten in den Staaten der Europäischen Union unter Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen und altersspezifischen Faktoren zu analysieren.
4.1. Emile Durkheim: Soziale Integration und die soziale Ordnung
Im 19. Jahrhundert erfährt der Suizid nach einer langen Episode der Tabuisierung ein gesteigertes Interesse, sowohl in der natur-, als auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Während einige Erklärungsansätze dieser Zeit insbesondere auf organische Hirnstörungen oder eine psychische Bedingtheit von Suiziden fokussieren, stellt Durkheim eine Alternativhypothese entgegen (vgl. Bieri 2005: 22). Beim Vergleich der Suizidraten verschiedener Gesellschaften kommt er zu dem Schluss, dass die Gesamtzahl der Suizide einer einzelnen Gesellschaft nicht einfach „die Summe voneinander unabhängiger Einzelfälle“ darstelle, sondern eine Tatsache sui generis schaffe (vgl. Durkheim 1983: 30).
Auf diese Weise betrachtet ist Suizid lediglich scheinbar eine individuelle Handlung, die Suizidrate jedoch vielmehr Indikator der gesellschaftlichen Verfassung und des sozialen Wandels (vgl. Feldmann 2013: 3; Bieri 2005: 28f.). Das bedeutet keinesfalls, dass die Individuen durch die Gesellschaft gesteuert werden. Vielmehr wird hier eine soziale Realität außerhalb der Individuen beschrieben, die sich auf die subjektiven Erfahrungen der Einzelnen auswirkt (vgl. Taylor 1982: 18f.). Um die Suizidrate als soziales Phänomen zu erklären rückt Durkheim daher das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Theorie. Von einem späteren Autor zusammengefasst, wird Suizid in einer Gesellschaft dann häufig, „wenn das Leben des Einzelnen in der Gemeinschaft [...] wenig Bedeutung hat“ (vgl. Watzka 2008: 49). Das anthropologische Konzept dahinter begreift den Menschen als ein Wesen, dessen Bedürfnisse gesellschaftlich geregelt werden müssen (vgl. Feldmann 2013: 5). Gemäß diesen Einschätzungen orientiert Durkheim seine Suizidtypologie an zwei Konzepten, die im Wesentlichen das eben genannte Verhältnis von Individuum und Gesellschaft beschreiben.
1. Einleitung: Vorstellung des Suizids als soziales Phänomen und Darlegung der zentralen Forschungsfrage.
2. Die Maßzahlen in der Epidemiologie: Erläuterung grundlegender statistischer Begriffe wie Prävalenz, Inzidenz und Mortalität zur Vorbereitung der Analyse.
3. Problemstellung: Suizidraten in Europa: Übersicht über die heterogene Verteilung der Suizidraten in den EU-Staaten und Diskussion von Auffälligkeiten.
4. Soziologische Theorie: Von Durkheims „Le Suicide“ bis heute: Theoretische Auseinandersetzung mit Durkheims Konzepten der sozialen Integration und Anomie sowie deren moderner Kritik.
5. Analyse: Empirische Untersuchung der Zusammenhänge zwischen sozialen Indikatoren, Geschlecht, Alter und Suizidraten.
6. Suizidraten und Soziologie im 20. und 21. Jahrhundert: Fazit: Zusammenfassende Bewertung der theoretischen Ansätze und Ausblick auf die Notwendigkeit weiterer Forschung.
Suizid, Suizidrate, soziale Integration, Anomie, Epidemiologie, Mortalität, Durkheim, Europäische Union, soziale Tatsachen, Lebensalter, Geschlechtsunterschiede, Arbeitsmarkt, soziale Ordnung, Wertewandel, European Values Study.
Die Arbeit untersucht Suizid nicht als rein individuelles oder psychologisches Problem, sondern analysiert ihn als ein soziales Phänomen, das durch gesellschaftliche Strukturen beeinflusst wird.
Die zentralen Felder sind die soziologische Suizidtheorie, die Bedeutung von sozialer Integration sowie der Einfluss von Lebensbereichen wie Arbeit und Familie auf die Suizidalität.
Das Ziel ist es, statistische Zusammenhänge zwischen sozialen, ökonomischen und demographischen Indikatoren und den Suizidraten in den EU-Staaten aufzuzeigen.
Es werden theoretische Ansätze (insb. Durkheim) mit einer quantitativen Datenanalyse kombiniert, wobei Daten der WHO-Todesursachenstatistik und der European Values Study genutzt werden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse geschlechtsspezifischer Differenzen sowie eine differenzierte Untersuchung altersspezifischer Suizidmuster.
Wichtige Begriffe sind unter anderem soziale Integration, Anomie, Suizidrate, Mortalität und der Einfluss des gesellschaftlichen Wertesystems.
Da sich in allen westlichen Gesellschaften deutlich unterschiedliche Suizidraten zwischen den Geschlechtern zeigen, analysiert die Arbeit die dahinterstehenden sozialen Rollen und Integrationsmechanismen.
Die Analyse zeigt, dass die Suizidrate in vielen Staaten mit dem Alter ansteigt, stellt jedoch die Pauschalität dieser Annahme infrage und verweist auf variierende Herausforderungen in verschiedenen Lebensphasen.
Nein, die Arbeit zeigt, dass Erwerbslosigkeit zwar einen negativen Einfluss hat, dieser jedoch durch andere soziale Auffangstrukturen wie Familie, Religion oder staatliche Sozialleistungen kompensiert werden kann.
Der Autor erkennt Durkheims Pionierleistung und die Komplexität seiner Theorie an, kritisiert jedoch die empirische Schwammigkeit und die zu starke Reduktion auf soziale Umweltfaktoren.
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