Examensarbeit, 2014
57 Seiten, Note: 1,5
I. Einleitung
II. Le Discours antillais
II.1. Die Krise der Antillen
II.1.1. Retour und Détour
II.1.2. Das délire verbal
II.1.3. Dépossession
II.1.4. Unproduktivität
II.1.5. Ambivalenz
II.1.6. „Recherche d’identité“
II.2. Die kreative Erforschung der Geschichte
II.2.1. Literatur und Geschichte: Mythos und Märchen
II.2.2. Das Wir
II.2.3. Literarische Techniken
II.2.4. Die Landschaft im amerikanischen Roman
II.2.5. Oralität und Schrift
II.2.6. Die Kreolsprache
III. La case du commandeur
III.1. Aufbau
III.2. Die Geschichte der Familie Celat
III.2.1. Reflexionen über das Wir
III.2.2. Die Geburt Mycéas
III.2.3. Die Nachforschungen Pythagores
III.2.4. Ozonzos Märchen
III.2.5. Auguste Celat und der Aufseher Euloge
III.2.6. Anatolie Celat, der Geschichtenerzähler
III.3. Mycéa auf der Trace du Temps d’Avant
III.3.1. Die Generation der Nachkriegszeit
III.3.2. Patrice Celat
III.3.3. Odono Celat
III.3.4. Marie Celats délire
III.3.5. Die Hütte des Aufsehers
IV. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht, wie Édouard Glissant in seinem Roman "La case du commandeur" die im "Discours antillais" theoretisch entfalteten Probleme der antillanischen Gesellschaft literarisch verarbeitet, um eine neue Form des kollektiven Bewusstseins zu schaffen.
II.1.1. Retour und Détour
Besonders im ersten Teil des Discours antillais stellt Glissant die besondere Situation der antillanischen Bevölkerung heraus. Er unterscheidet zwischen Völkern, die durch Exil oder Vertreibung gezwungen waren, sich an einem anderen Ort niederzulassen und Völkern, die verschleppt wurden (durch den Sklavenhandel) und sich an einem anderen Ort in etwas anderes verwandeln. Hier kreuzen sich verschiedene Geschichten, die zueinander in Beziehung geraten, und erzeugen etwas Neues. Während manche Völker ihr Sein an einem anderen Ort bewahren können und dort weiterbestehen, können solche Völker, die verschleppt wurden, ihre eigenständige technique d'existence nicht mitnehmen und führen sie nicht weiter. Sie besteht vielmehr nur noch in Spuren oder in Form eines Impulses oder Antriebs fort:
[...] c’est que cette population n’a pas emporté avec elle ni continué collectivement les techniques d’existence ou de survie matérielles et spirituelles qu’elle avait pratiquées avant son transbord. Ces techniques ne subsistent qu’en traces, ou sous forme de pulsions ou d'élans.
I. Einleitung: Hinführung zu Glissants Gesellschaftskritik und Erläuterung des Forschungsziels, die Verbindung zwischen Theorie und Romanpraxis zu analysieren.
II. Le Discours antillais: Detaillierte Auseinandersetzung mit den sozio-kulturellen Problemen der Antillen wie Entfremdung, Sprachverlust und fehlendem historischen Bewusstsein.
III. La case du commandeur: Exemplarische Analyse der Umsetzung von Glissants Poetik in die erzählerische Struktur und Charakterentwicklung des Romans.
IV. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass der Roman eine erfolgreiche ästhetische Umsetzung der theoretischen Forderungen nach einer nicht-linearen, rhizomatischen Geschichtserforschung darstellt.
Édouard Glissant, La case du commandeur, Discours antillais, Martinique, Kolonialismus, Dépossession, Rhizom, Poétique de la relation, Identitätssuche, Non-histoire, Délires verbaux, Kreolisierung, Oralität, Sklaverei, Erzählperspektive.
Die Arbeit analysiert die inhaltliche und methodische Korrespondenz zwischen Glissants theoretischem Hauptwerk "Discours antillais" und seinem Roman "La case du commandeur".
Im Zentrum stehen die Konzepte der Entfremdung (dépossession), der Kampf um ein historisches Bewusstsein sowie die Suche nach einer angemessenen literarischen Ausdrucksform für die komplexe, traumatisierte Geschichte der Antillen.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Glissant seine theoretischen Forderungen – etwa die Abkehr von linearer Geschichte (Histoire) hin zu einer kreativen Erforschung (exploration créatrice) – konkret in die literarische Praxis seines Romans überträgt.
Es handelt sich um eine Romananalyse, die soziologische und kulturwissenschaftliche Begriffe aus Glissants Theorie nutzt, um die erzählerischen Mittel und die Symbolik im Roman zu deuten.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Vorabklärung der wichtigsten Begriffe aus dem "Discours antillais" und eine darauffolgende exemplarische Analyse von "La case du commandeur", wobei der Aufbau, die Darstellung der Familie Celat und die Bedeutung von Sprache und Landschaft fokussiert werden.
Zu den prägenden Begriffen gehören das Rhizom, die Opazität, die "Wir"-Perspektive, die Ablehnung okzidentaler Geschichtsbilder sowie die Rolle der kreolischen Sprache und des Märchens.
Die Suche ist bei Glissant nie linear, sondern ein "Umherirren" (errance) auf der Suche nach Spuren einer verschütteten Vergangenheit, die sich nicht einfach durch Fakten, sondern nur durch das narrative Eintauchen in das Unbewusste erschließt.
Marie Celat wird als vorbildhafte Figur interpretiert, die durch das Abwerfen der falschen "Schale" der gesellschaftlichen Konformität und die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte einen persönlichen Durchbruch zu einem neuen, authentischen Bewusstsein erzielt.
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