Masterarbeit, 2014
94 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Musik und Medien in Effi Briest
2.1 Fotografie und physiognomische Betrachtungen
2.1.1 Unterhaltende und dokumentierende Funktion
2.1.2 Fotografische Widerspiegelung der Realität
2.2 Bildmediale Kommunikation und Manipulation
2.2.1 Flitterwochen als Bilder- und Bildungsreise
2.2.2 Bilder zur Kommunikation des Unaussprechlichen
2.3 Bifunktionalität des Chinesenbildes
2.3.1 Unwahrscheinlichkeitsverstärkung des Spukes
2.3.2 Überwachender Absenzüberbrücker
2.4 Musik und Gemälde als Imageträger
2.4.1 Von Kunstwerten, Kunstwerken und elitärem Wertesystem
2.4.2 Bildmedien und die Diskrepanz von Sein und Schein
2.4.3 Musik und Musikalität als Persönlichkeitsindikatoren
2.5 Risiken und Chancen medialer und musikalischer Zerstreuung
2.5.1 Entspannung der Sinne und Stimulierung von Sinnlichkeit
2.5.2 Musikalische Inspiration von Interaktionen
2.5.3 Dekadente Kraft der Musik
2.5.4 Bildmediale Wahrnehmungsüberforderung und Exkommunikation
2.6 Öffentliche Printmedien
2.6.1 Zeitungslesen als Männerdomäne
2.6.2 Macht des mediatisierten Klatsches
2.7 Lyrik und die schöne Literatur
2.7.1 Männlich bestimmter Medienkonsum
2.7.2 Poesie als verführerisches Kommunikationsmedium
2.8 Private schriftliche Kommunikationsmedien
2.8.1 Briefe im Kontext privater Kollektivkommunikation
2.8.2 Briefmediale Funktionen, Vor- und Nachteile
2.8.3 Effis Kategorisierung des Briefmediums als Botschaft
2.9 Telegrafie und Briefe
2.9.1 Telegrafische Gehorsamspflicht
2.9.2 Effis Medienkompetenz und mediale Intrige
2.9.3 Handlungsmacht der Briefe
3 Musik und Medien in L’Adultera
3.1 Bildmedien zur Interaktionskoordination
3.1.1 Didaktische und kommunikative Funktion der L’Adultera
3.1.2 Fremd- und selbstbestimmter Medienumgang
3.1.3 Scheitern der latent-didaktischen Funktion der Mohrenwäsche
3.2 Sinnliche Absenzüberbrücker
3.2.1 Illustrationen von Weiblichkeit
3.2.2 Visueller Kunstgenuss als Ersatzbefriedigung
3.3 Bildmediales Image und kontextualer Wertetransfer
3.3.1 Prestigeobjekte zur bildmedialen Adelung
3.3.2 Melanies natürliches Selbst- und Gegenbild
3.3.3 Intellektuelle Körperextension und Bildungskritik
3.3.4 Medial vermittelte Persönlichkeitsimaginationen
3.4 Von Sinnstiftung und Sinnlichkeit des musikalischen Sinnenreizes
3.4.1 Vorwurf der pseudo-religiösen Sinnstiftung
3.4.2 Sinnlichkeit und Sinnenraub der Wagnermusik
3.4.3 Volks- und Kunstlieder als Interaktionskoordinatoren
3.4.4 Relativierung der Wagnerschen Verführung
3.5 Melanie im komparativen Bann von Musik und Medien
3.5.1 Flucht im Zeichen Wagners
3.5.2 Musik und Literatur als Aktionskoordinatoren
4 Musik und Medien im Zauberberg
4.1 Lob und Tadel des Grammofons
4.1.1 Anwesenheitsverstärkender Absenzüberbrücker
4.1.2 Pathologische Immersion und Simulation von Wirklichkeit
4.1.3 Kritik am Grammofon
4.2 Musikemphase und Skepsis
4.2.1 Strukturierender Sinn der Satztechnik
4.2.2 Musik als Sinne vernebelndes Opiat
4.2.3 Musikalischer Eskapismus
4.3 Bildmediale Visionen und Visualisierungen von Realität
4.3.1 Sinnliche Stimulation durch visuelle Simulation
4.3.2 Von medialer Transparenz und Transzendenz
4.3.3 Medial-technischer Spiritismus als Ende der Vorstellung
4.4 Traditionelle und neumediale Zerstreuungen
4.4.1 Visualisierungen des toten Lebens
4.4.2 Surreale Abbilder der Realität
4.4.3 Sinnes-, Sinnen- und Kommunikationstod im Bioskop-Theater
4.5 Sinn- und Sinnlichkeitsstiftung der Bücher
4.5.1 Heilsversprechen und Leselust
4.5.2 Bibliophobie und sinnloser Missbrauch des Buches
4.6 Traditionelle versus neumediale Kommunikations- und Informationsmedien
4.6.1 Interaktionen koordinierende Telemedien
4.6.2 Postalische Interaktion und befreiende Exkommunikation
4.6.3 Gebrauch und Missbrauch von Zeitungen
4.6.4 Castorps Erlösung von der Exkommunikation
5 Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht die Funktionen sowie die Kritik von Musik und verschiedenen Medien (Bildmedien, Printmedien, Telegrafie) in den Romanen Effi Briest, L’Adultera und Der Zauberberg. Ziel ist es aufzuzeigen, wie diese Medien in den Werken sowohl zur Interaktionskoordination und Absenzüberbrückung genutzt als auch kritisch als Instrumente der Manipulation oder gesellschaftlichen Normierung reflektiert werden.
Bildmediale Kommunikation und Manipulation
Briests Befürchtung, dass Innstetten Effi auf der Hochzeitsreise „mit seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird“ (E38), bewahrheitet sich: Sogleich am ersten Tag führt Innstetten sie in die Pinakothek in München. Mit beinahe anklagendem Unterton schreibt Effi an ihre Eltern, dass er beabsichtigte, zusätzlich die Skulpturensammlung, die sogenannte Glyptothek, zu besichtigen: „Geert wollte auch noch nach dem andern hinüber, das ich hier nicht nenne, weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin.“ (E41) Effi fährt fort, dass „überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend“ (E41) sei. Ihre Hoffnung, dass es „in Italien […] wohl nachlassen und besser werden“ (E41) würde, erweist sich als nichtig. Auch in Verona, Vicenza und Padua sind Galeriebesuche Pflichtprogramm. Für das „Naturkind“ (E38) ist das „Nachschlagen und das lange Stehen vor den Bildern“ psychisch und physisch erschöpfend. Sogar die Tauben auf dem Markusplatz nimmt er zum Anlass, Effi kunsthistorisch zu belehren und imaginiert Bilder, die solche Szenen darstellen: „Es soll Bilder geben, die das darstellen, schöne blonde Mädchen, ein Typus wie Hulda“ (E42). Trotz der Anstrengung ist der „ganz berauschten, aber auch etwas müden Effi (E42) bewusst: „Aber es muß ja sein.“ (E42)
Die hier angedeutete Verpflichtung ist, dass sie als Ehefrau des karrierebewussten Landrates einen gewissen Bildungsanspruch erfüllen muss. Jedoch nutzt Innstetten die Besuche diverser Ausstellungen und Museen nicht nur dazu, seine Frau kunstgeschichtlich auf den angemessenen Stand zu bringen, sondern auch zur subtilen Indoktrination seiner Werte. Schuster zufolge ist es eine elementare Funktion der bildenden Kunst, eine Orientierungshilfe für Wertvorstellungen zu sein: Das Leben orientiert sich nach dem Vorbild „der Kunst, in ihren ikonographischen Mustern und Typen hervorragend herauspräparierten und wohlkonservierten gesellschaftlichen Normen.“ Demzufolge ist es kein Zufall, dass der prinzipienstrenge Innstetten laut Briest ein „Kunstfex“ (E38) ist. Auch Jahre später noch verbindet Effi ihre Hochzeitsreise vielmehr mit einer Bildungsreise.
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Musik- und Mediendarstellung in drei zentralen Romanen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts unter Einbeziehung medientheoretischer Ansätze.
2 Musik und Medien in Effi Briest: Untersuchung der medialen Instrumentalisierung (Fotografie, Briefe, Musik) durch Innstetten und die Rezeption durch Effi im Kontext gesellschaftlicher Konventionen.
3 Musik und Medien in L’Adultera: Analyse der Rolle von Malerei und Wagnerscher Musik als Mittel der Interaktionskoordination und Sinnstiftung im Kontext der Ehe von Melanie und van der Straaten.
4 Musik und Medien im Zauberberg: Erörterung der Wirkung neuer technischer Medien wie dem Grammofon, Röntgenbildern und dem Kino auf die Bewohner des Sanatoriums Berghof.
5 Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der medialen Funktionen und Kritik, wobei die manipulative Komponente der Mediennutzung als durchgehendes Motiv in allen drei Werken hervorgehoben wird.
Effi Briest, L'Adultera, Der Zauberberg, Musikdarstellung, Medientheorie, Fotografie, Wagner-Rezeption, Briefkultur, Bildende Kunst, Absenzüberbrückung, Interaktionskoordination, Marshall McLuhan, Dekadenz, Mediale Manipulation, Jahrhundertwende.
Die Arbeit analysiert, wie Musik und verschiedene Medien – von traditionellen Gemälden bis hin zu technischen Erfindungen wie dem Grammofon – in den Romanen von Fontane und Thomas Mann dargestellt werden und welche Funktionen sie im sozialen Gefüge der Romane erfüllen.
Die Arbeit beleuchtet die Spannungsfelder zwischen Medienkonsum und gesellschaftlicher Normierung, die instrumentelle Nutzung von Kunst zur Persönlichkeitssteuerung und die Rolle von Musik als ästhetische sowie oft auch dekadente Ausdrucksform.
Die Arbeit untersucht, welche Funktionen Musik und Medien bei der Interaktionskoordination zwischen den Figuren einnehmen und inwiefern diese zur Manipulation oder zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Werte genutzt werden.
Die Untersuchung greift auf medien- und kulturwissenschaftliche Theorien, insbesondere die Ansätze von Marshall McLuhan (Medium als Körperextension), Niklas Luhmann und Jochen Hörisch (Absenzüberbrückung), zurück, um die literarischen Befunde zu interpretieren.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der einzelnen Romane. Dabei werden spezifische Medientypen wie die Fotografie, Printmedien, Telegrafie, Briefe, Musik und das Grammofon jeweils auf ihre Funktion für die Protagonisten hin untersucht.
Musik fungiert in den Romanen oft als Indikator für den Charakter und die geistige Verfassung der Figuren. Besonders die Wagner-Rezeption dient als Fallbeispiel für die ambivalente Wirkung von Musik zwischen erotischer Verführung und eskapistischer Heilsfindung.
Gemälde wie das titelgebende L’Adultera oder die Mohrenwäsche werden von van der Straaten als erzieherische Kontrollinstanzen gegenüber seiner Frau Melanie eingesetzt, wobei diese Versuche durch Melanies eigensinnige Interpretation ironisch konterkariert werden.
Das Grammofon fungiert im Berghof als Anwesenheitsverstärker, der die Patienten aus ihrer Isolation befreit, gleichzeitig jedoch auch als Mittel zur passiven, fast schon süchtig machenden Sinnesbetäubung, die den Tatendrang der Kranken hemmt.
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