Masterarbeit, 2013
67 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Körperlichkeit im Kino
2.1 Rückbezug 1: Die leibgebundene Wahrnehmung (Merleau-Ponty)
2.2 Rückbezug 2: Der Körper des Films (Sobchack)
2.3 Der Illusionsbegriff und die Körperlichkeit der Immersion bei Voss
2.4 Der Kinozuschauer als Resonanzkörper
3. Die filmanalytische Methode: Audio-Vision und Zuschauergefühl
3.1 Added Value
3.2 Sound und Raum
3.3 Temporalisierung und Modi des Hörens
3.4 Das Zusammenspiel von Ton und Bild in der Zeit
4. STRANGE DAYS – Eine audiovisuelle Analyse
4.1 Eine Thriller-Dystopie mit verdoppelter Erlebnis-Struktur
4.2 Der Beginn des Films und die (brüchige) Verflechtung von Film- und Zuschauerkörper
4.3 Alternation und das Affektbild des maximal erfahrenden Gesichts
5. Schlussbetrachtung
Die Arbeit analysiert die audiovisuelle Inszenierung des Films STRANGE DAYS (Kathryn Bigelow, 1995) vor dem Hintergrund phänomenologischer Körpertheorien, um zu untersuchen, wie durch die Verknüpfung von Bild und Ton eine „verkörperte“ Filmwahrnehmung beim Zuschauer erzeugt und moduliert wird.
3.1 Added Value
Hören funktioniert anders als Sehen. Im komplexen Vorgang menschlicher Wahrnehmung besitzt die auditive Komponente verglichen mit der dominant insistierenden visuellen eine andere Qualität. Sie offenbart sich weniger bewusst, erscheint vielschichtiger und funktioniert vor allem auch körperlicher. Akustisches Wahrnehmen ist zwar primär an das Sinnesorgan Ohr gebunden, verwirklicht sich aber durchaus, in Verbindung mit dem Tastsinn, synästhetisch. Vor allem bei sehr hohen Lautstärken gerichteter Töne, wie sie bei einer Filmvorführung im Kinosaal vorkommen, werden die von Schallwellen erzeugten Vibrationen auch taktil aufgenommen. Und dies schon von einem kaum früher zu denkenden Zeitpunkt an: Hören ist im Vergleich zu etwa Schmecken oder Sehen der primärste (archaischste) unserer Sinnesvorgänge, schon vor unsere Geburt nehmen wir im Mutterleib Geräusche war (vgl. Chion 1994: VIIf. und ausführlicher das erste Kapitel in Chion 1984).
Walter Murch beschreibt diese spezifische Qualität des (Film-)Tons in seinem Vorwort zu Michel Chions Monographie Audio-Vision metaphorisch als „dancing shadow“ (Chion 1994: XVIII), welcher über eine „mysterious perceptual alchemy“ (ebd.: VIII) das Filmbild zwar entscheidend, aber gewissermaßen unsichtbar beeinflusst. Mit einer weiteren Metapher leitet Murch das Programm von Chions Ausführungen zum Film ein: Die unterdrückte Königin Sound soll endlich Gleichberechtigung erfahren gegenüber dem regierenden König Bild, das Ungleichgewicht in der theoretischen wie analytischen Auseinandersetzung der beiden Parameter getilgt werden. Dabei, und das macht bereits der Titel des Buches auf prägnante Art und Weise deutlich, geht es Chion weder um eine Polemik gegen eine nun mal äußerst visuell geprägte Kultur noch um einen Vorzeichenwechsel im Sinne einer das Bild dominierenden (Re-)Positionierung des Filmsounds. Mehrfach soll durch die genauere Betrachtung der auditiven Ebene des Films (gerade eben auch in ihrer spezifischen Singularität) ein Gleichgewicht hergestellt werden.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die filmtheoretische Problemstellung von STRANGE DAYS ein und beschreibt das Ziel, die Körperlichkeit beim Filmerleben analytisch zu konkretisieren.
2. Körperlichkeit im Kino: Dieses Kapitel erläutert die phänomenologischen Grundlagen der leibgebundenen Wahrnehmung durch Merleau-Ponty, Sobchack und Voss.
3. Die filmanalytische Methode: Audio-Vision und Zuschauergefühl: Hier wird Michel Chions Konzept der Audio-Vision als Werkzeug für die Analyse der Tonebene eingeführt.
4. STRANGE DAYS – Eine audiovisuelle Analyse: Dieser Hauptteil analysiert die Inszenierung der SQUID-Sequenzen und die Rolle des Sounds in Bezug auf die Zuschauerwahrnehmung.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert die Erkenntnisse zur somatischen Filmtheorie und deren Anwendung auf das dystopische Medienkonsum-Narrativ von STRANGE DAYS.
Audio-Vision, Filmtheorie, Phänomenologie, Körperlichkeit, Vivian Sobchack, Michel Chion, STRANGE DAYS, SQUID-Technologie, Zuschauergefühl, Immersion, Affekt, Point of View, Sound Design, Kinematographie, Körpererleben.
Die Masterarbeit befasst sich mit der filmtheoretischen Analyse von Körperlichkeit und Wahrnehmung in Kathryn Bigelows Film STRANGE DAYS, wobei ein Fokus auf dem Zusammenspiel von Bild und Ton liegt.
Die Untersuchung verknüpft die phänomenologische Filmtheorie (Embodiment) mit der Analyse der audiovisuellen Gestaltung, insbesondere des Sound Designs nach Michel Chion.
Das Ziel ist es, die theoretischen Ansätze zur verkörperten Filmwahrnehmung am Beispiel von STRANGE DAYS analytisch zu konkretisieren und die Affektmodulation durch audiovisuelle Inszenierung aufzuzeigen.
Es wird eine dichte filmanalytische Beschreibung angewandt, die durch die kritische Anwendung von Michel Chions Konzept der Audio-Vision und die phänomenologische Körpertheorie von Vivian Sobchack und Christiane Voss methodisch fundiert ist.
Der Hauptteil analysiert spezifische SQUID-Sequenzen im Film hinsichtlich ihrer Montage, der Sound-Ebenen und der Auswirkungen auf die affektive körperliche Reaktion des Zuschauers.
Zentrale Begriffe sind Audio-Vision, Körperlichkeit, SQUID, Zuschauergefühl, Point-of-View-Sequenzen und Affektpoetik.
SQUID dient im Film als zentrales „Plot Device“, das eine verdoppelte Rezeptionssituation (Film-im-Film) schafft, an der sich die somatische Filmtheorie besonders gut demonstrieren lässt.
Sound dient in der Analyse nicht nur als Hintergrundkulisse, sondern als aktives Gestaltungsmittel zur Rhythmisierung, zur Erzeugung von Atmosphäre und zur Verankerung des Zuschauers in der subjektiven Sichtweise der Figuren.
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