Bachelorarbeit, 2012
35 Seiten, Note: 1,0
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. Einleitung
2. Arbeitsdefinition Motiv
3. Der ‚Sündenbock‘ in interdisziplinärer Perspektive
3.1 Religionsgeschichtlicher Hintergrund
3.2 Soziologische Perspektive
4. Reflexion zur Textauswahl
5. Textanalyse
5.1 Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre – „Ich wollte Böses tun. […] Ich wollte mein Schicksal verdienen.“
5.2 Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind – „Ich bleib der einsame Mensch, zu dem ihr mich gemacht habt.“
5.3 Max Frisch: Andorra – „Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders […]. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders.“
6. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sündenbock-Motiv als literarisches Phänomen, um zu klären, ob und auf welche Weise Protagonisten in ausgewählten Werken als Sündenböcke stigmatisiert werden und wie diese auf ihre Rolle reagieren. Die Forschungsfrage fokussiert sich dabei sowohl auf die soziologischen Hintergründe der Ausgrenzung als auch auf die psychologischen Entwicklungsschritte der betroffenen Individuen.
3.1 Religionsgeschichtlicher Hintergrund
Das Phänomen des Sündenbocks gibt es in verschiedenen Kulturkreisen. In der folgenden Darstellung des religionsgeschichtlichen Hintergrundes des Sündenbock-Begriffes konzentriere ich mich ausschließlich auf das Alte Testament, da es von Christen und Juden als „Offenbarungsurkunde“20 betrachtet wird und für den Ursprung des Sündenbockmotivs von besonderer Bedeutung ist.
Seinen Ursprung findet das Motiv in dem Buch Levitikus 16,1-34, einem der fünf Bücher des Mose, in dem es als Ritual für den Versöhnungstag beschrieben wird:
Aaron darf nur so in das Heiligtum kommen: mit einem Jungstier für ein Sündopfer und einem Widder für ein Brandopfer. […] Von der Gemeinde der Israeliten soll er zwei Sündopfer und einen Widder für ein Brandopfer erhalten. […] Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los „für den Herrn“ und ein Los „für Asasel“. Aaron soll den Bock, für den das Los „für den Herrn“ herauskommt, herbeiführen und ihn als Sündopfer darbringen. Der Bock, für den das Los „für Asasel“ herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. […] Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.21
Aaron soll durch das Handauflegen auf den Bock die Sünden der Israeliten auf das Tier übertragen. Durch das anschließende Schicken in die Wüste sollen die Sünden vom Volk abgeleitet und das israelische Volk entsühnt werden. Laut Raymund Schwager verdeutlicht dieser Ritus, was sich auch bei anderen, unter anderem menschlichen Opfern ereignet:
Die Vorstellung, dass irgendeine Gottheit das Opfer annimmt und die opfernde Gemeinschaft segnet, ist der mythologische Ausdruck für die Tatsache, daß die Aggressivität einmal mehr nach außen abgeleitet und der Friede innerhalb der Gemeinschaft gesichert wird.22
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Phänomen der Stigmatisierung und führt in das Forschungsziel ein, den Sündenbock als literarisches Motiv in drei ausgewählten Werken zu untersuchen.
2. Arbeitsdefinition Motiv: Dieses Kapitel erarbeitet eine literaturwissenschaftliche Definition des Motivbegriffs und grenzt Motive gegenüber anderen Textelementen ab.
3. Der ‚Sündenbock‘ in interdisziplinärer Perspektive: Das Kapitel erläutert den religionsgeschichtlichen Ursprung des Sündenbocks im Alten Testament sowie den soziologischen Sündenbockmechanismus nach René Girard.
4. Reflexion zur Textauswahl: Die Autorin begründet die Auswahl der drei Primärtexte anhand der Kriterien Gattungsvielfalt und Epochenvielfalt.
5. Textanalyse: Hier findet die detaillierte Untersuchung der drei Erzählwerke statt, wobei besonders auf die Stigmatisierung der Protagonisten und deren Identitätsentwicklung eingegangen wird.
6. Fazit: Das Fazit bestätigt, dass das Sündenbock-Motiv ein zentrales Element zur Gruppierung der Figuren und Darstellung kollektiver Gewalt in allen drei Werken ist.
Sündenbock, literarisches Motiv, Stigmatisierung, kollektive Gewalt, Sündenbockmechanismus, René Girard, Außenseiter, Identitätsentwicklung, Literaturanalyse, Religionsgeschichte, Soziologie, Vorurteil, Ausgrenzung, Textvergleich, Gruppendynamik.
Die Arbeit untersucht, wie das Motiv des Sündenbocks in verschiedenen literarischen Werken gestaltet ist und welche Auswirkungen die Stigmatisierung auf die Entwicklung der Protagonisten hat.
Die zentralen Themen sind die literarische Motivforschung, soziologische Theorien zur kollektiven Gewalt und psychologische Aspekte der Stigmatisierung und Identitätsbildung.
Das Ziel ist die Analyse, ob das Sündenbockmotiv als literarisches Konstrukt fungiert und wie dieses die Handlungsabläufe in den untersuchten Werken bestimmt.
Die Arbeit nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der religionsgeschichtliche und soziologische Theorien, insbesondere von René Girard, mit einer textzentrierten literaturwissenschaftlichen Analyse verknüpft.
Der Hauptteil analysiert die Werke "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" von Schiller, "Das Gemeindekind" von Ebner-Eschenbach und "Andorra" von Max Frisch hinsichtlich ihrer Motivik.
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern zählen Sündenbock, Stigmatisierung, kollektive Gewalt, Identitätsentwicklung und Außenseiter.
Während Christian Wolf und Andri die ihnen zugeschriebene Rolle als Sündenbock letztlich annehmen, gelingt es Pavel Holub, sich durch Eigeninitiative aus dieser Stigmatisierung zu befreien und als Mitglied der Gemeinschaft anerkannt zu werden.
Die Leugnung offenkundiger Tatsachen durch die Andorraner dient dazu, die eigene Schuld an der Stigmatisierung Andris zu verdrängen und den gesellschaftlichen "Frieden" durch die Ausgrenzung eines Sündenbocks zu wahren.
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