Masterarbeit, 2015
79 Seiten, Note: 2,7
Einleitung
1. Andersartigkeit theoretisch
1.1 Vom Zigeunersein
1.2 Vom Wahnsinnigwerden
2. Andersartigkeit literarisch
2.1 Andersartigkeit des Wahnsinns
2.1.1 „William Ratcliff“. Feminisierung – Normwidrigkeit – Grenzenlosigkeit
2.1.2 „Die heilige Cäcilie“. Geist – Ökonomie – Ordnungsinstanz
2.1.3 „Der Sandmann“. Aufklärungskritik – Kulturraumproblem – Vernunftmangel
2.2 Andersartigkeit der Zigeuner
2.2.1 „Isabella von Ägypten“. Geschichtsphilosophie – Kunstfiguren – Europäisierung
2.2.2 „Die drei Zigeuner“. Natur – Kultur – Wahnsinn
2.2.3 „Die mehreren Wehmüller“. Kapitalismus – Kunstidylle – Musikliebe
Schluss
Die vorliegende Arbeit analysiert die literarische Darstellung von zwei als "andersartig" konstruierten Figurengruppen in der Romantik: Zigeuner und Wahnsinnige. Ziel ist es, deren semantische Charakterisierung zu untersuchen, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihrer Darstellung aufzudecken und zu erörtern, wie diese Figuren als Spiegel der europäischen Kultur und Identitätsfindung fungieren.
2.1.1 „William Ratcliff“. Feminisierung – Normwidrigkeit – Grenzenlosigkeit
Heinrich Heines Theaterstück „William Ratcliff“ soll zuerst behandelt werden, weil es eine Antwortmöglichkeit darauf gibt, warum in der Literatur, die Wahnsinn thematisiert, fast ausschließlich der Mann betroffen ist. Dazu soll zuerst das Ende des Dramas Beachtung finden. Hier kommt es zum Tod des Protagonisten und der weiblichen Hauptperson. Sicherlich sind die beiden im Sinne einer „Schicksalstragödie“87 durch das Fatum zum Tode verdammt. Aber diese Todesbegründung ist nicht die einzige. William, die als wahnsinnig klassifizierte männliche Hauptfigur, steht nämlich in Differenz zu Maria, der Frau, die er liebt und die seine Liebe nicht zu erwidern scheint. Die unerfüllte Liebe löst offensichtlich neben dem Fatum, welches durch die Vorgeschichte, die nicht Teil von Heines Stück ist, erzeugt wird, seinen Wahnsinn mit aus.
Die Differenz der beiden gendertechnisch getrennten Figuren beruht auf einer Aussage, die Maria kurz vor ihrer Ermordung macht. „Dein Wahnsinn steckt mich an – verlaß mich! laß mich!“88 Maria darf aber nicht wahnsinnig werden, weil sie eine Frau ist. Wahnsinn ist eine Geisteskrankheit. Der Mann ist aber der Mensch des Geistes.89 Würde also eine Frau dem Irrsinn verfallen, würde das bedeuten, dass diese zu denselben geistigen Leistungen fähig wäre wie der Mann. Dieser Vorfall ist im Genderdenken dieser Zeit nicht möglich. Um geisteskrank zu werden, muss man Geist haben. Aus diesem Denken heraus lässt sich auch die Nähe von Genie und Wahnsinn nachvollziehen. Marias Tod ereilt sie also auch aus der Begebenheit heraus, dass in ihr kein Wahnsinn entstehen darf. In Medizinersprache würde man formulieren, dass sie sterben muss, bevor die Inkubationszeit abgelaufen ist, um der Frau keinen Geist zuzugestehen.
Einleitung: Einführung in die Thematik der Zigeuner- und Wahnsinnsdarstellungen in der Romantik und Vorstellung der zentralen Forschungsfragen.
1. Andersartigkeit theoretisch: Erörterung der theoretischen Grundlagen und Definitionen zum Zigeunerbild und zu den Formen des Wahnsinns auf Basis soziologischer und philosophischer Fachliteratur.
2. Andersartigkeit literarisch: Anwendung der theoretischen Konzepte auf konkrete literarische Werke der Epoche, unterteilt in die Analyse der Wahnsinnsdarstellungen und der Zigeunerdarstellungen.
Schluss: Synthese der Analyseergebnisse und Fazit zur Bedeutung von Unklarheit und Entselbstverständlichung in der Literatur um 1800.
Romantik, Andersartigkeit, Zigeuner, Wahnsinn, Othering, Gender, Vernunft, Aufklärung, Ökonomie, Literaturanalyse, Kultur, Identität, Genie, Musik, Repräsentation.
Die Arbeit untersucht, wie literarische Texte der Romantik das Konzept der "Andersartigkeit" nutzen, um gesellschaftliche Normen der Aufklärung zu spiegeln, zu kritisieren oder zu unterlaufen.
Die zentralen Themen sind das Zigeunerbild in der Zigeunerromantik, die Darstellung des Wahnsinns, Genderkonzepte im 19. Jahrhundert sowie das Verhältnis zwischen ökonomischer Nützlichkeit und künstlerischer Freiheit.
Ziel ist es, die semantischen Strategien zu identifizieren, mit denen diese Figuren als "Gegenmodelle" zur bürgerlichen Gesellschaft konstruiert werden, und zu klären, warum diese Konstruktionen oft mehrdeutig bleiben.
Die Arbeit stützt sich auf geschichtsphilosophische Modelle (triadisches Schema), kulturwissenschaftliche Theorien zur Konstruktion des Fremden (Othering) und psychiatriegeschichtliche Ansätze (u.a. Foucault, Dörner).
Der Hauptteil analysiert spezifische literarische Werke wie Heines "William Ratcliff", Kleists "Die heilige Cäcilie", Hoffmanns "Der Sandmann" sowie Texte von Arnim, Lenau und Brentano hinsichtlich ihrer Darstellung von Wahnsinn und dem Zigeunertum.
Romantik, Othering, Zigeuner, Wahnsinn, Geschlechterrollen, Rationalität, Kulturkritik.
Die Musik wird als "weiblich konnotierte" Kunstform der Romantik analysiert, die als Bindeglied zwischen den Figuren (Zigeuner/Wahnsinnige) und der gesellschaftlichen Sphäre fungiert und häufig eine ordnungsstörende oder gar wahnverursachende Wirkung entfaltet.
Die Analyse zeigt, dass im romantischen Genderverständnis Wahnsinn oft als männliches Privileg oder männliche Schwäche (wegen des Geistes) gilt, während Frauenrollen in diesem Kontext speziellen Beschränkungen unterliegen, die durch die Literatur bewusst verschoben werden.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Zigeunerbild in der Romantik zwar oft positiv besetzt ist, aber dennoch instrumentell bleibt: Die Autoren nutzen es als Projektionsfläche für ihre Kulturkritik, ohne die reale Situation der Zigeuner im Blick zu haben.
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