Masterarbeit, 2012
162 Seiten, Note: 15.5/20
1. Kapitel 1: Theoretischer Bezugsrahmen
1-1: Zum Stand der Diskussion um den Begriff „Entwicklung“
1-1-1: Die Modernisierungstheorie
1-1-1-1: Die wachstumstheoretische Denkrichtung
1-1-1-2: Die Denkrichtung des sozialen Wandels
1-1-2: Zur Dependenztheorie
1-1-3: Zu den postmodernen Entwicklungsansätzen
1-2: Zum Begriff „Kolonisation“
1-3: Zu den Begriffen „Entwicklungsdiskurs“ und „Kolonialdiskurs“
1-4: Zur diskursanalytischen Literaturwissenschaft
1-4-1: Zum Stand der diskursanalytischen Richtungen in der Literaturwissenschaft
1-4-1-1: Zur psychologischen Orientierung
1-4-1-2: Zur semiotischen Richtung
1-4-1-3: Zur philologischen Variante
1-4-2: Zum theoretischen Modell der Arbeit
2. Kapitel 2: Zur diskursiven Konstruktion des bürgerlichen Entwicklungsmodells
2-1: Zur Romanumwelt
2-1-1: Zur soziokulturellen Umwelt der Romanhandlung
2-1-2: Zur Erzählstruktur des Romans „Soll und Haben“
2-2: Das bürgerliche Entwicklungsmodell als kultureller Modernisierungsprozess
2-2-1: Globalisierung als kultureller Prozess
2-2-1-1: Zur poetischen Triade Bürgertum-Ware-Fremde
2-2-1-2: Wohlfart als globalisierungs- und entwicklungsfähiges Subjekt
2-2-2: Zur Konstruktion einer bürgerlichen Modernisierungskultur
2-2-2-1: Zum Stellenwert der sozialen Mobilität im bürgerlichen Gesellschaftsmodell
2-2-3: Der bürgerliche Arbeitsdiskurs als Konstruktion eines kulturellen und nationalistischen Bewusstseins
2-2-3-1: Die gesellschaftliche Modernisierung durch neuere Arbeitsprozesse
2-2-3-2: Die Arbeit als soziokulturelle Institution
2-2-3-3: Die Tüchtigkeit in der bürgerlichen Identitätskonstruktion
2-2-4: Bildung und kulturelle Modernisierung
2-2-5: Zur Funktion von Ethik und Humanismus im bürgerlichen Kapitalismusdiskurs
2-2-5-1: Moralisierung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und Humanismus
3. Kapitel 3: Zur Analyse des adligen Gesellschaftsmodells und des Diskurses der bürgerlichen Entwicklungsmission
3-1: Zur Analyse des adligen Gesellschaftsmodells
3-1-1: Zur hedonistischen Denkweise im Adelsdiskurs
3-1-2: Die idealistische Weltsicht im Diskurs des Adels
3-1-3: Die ökonomische Irrationalität im Denksystem des Adels
3-2: Zur Analyse der bürgerlichen Entwicklungsmission
3-2-1: Die Kulturenbegegnung zwischen dem Bürgertum und der Adelsklasse im Spannungsverhältnis Realismus – Idealismus
3-2-2: Zum diskursiven Konstrukt des Bürgerstandes über die Rückwärtsorientierung der adligen Kultur
3-2-3: Das Streben nach kultureller Hegemonie im bürgerlichen Entwicklungsdiskurs
4. Kapitel 4: Zur Analyse des jüdischen Entwicklungsmodells
4-1: Die ökonomische Pragmatik und Rationalität im Judendiskurs
4-1-1: Zur Bedeutsamkeit des merkantilen Scharfsinnes und ökonomischen Wachstums im Diskurs Itzigs
4-2: Zur kapitalistischen Weltsicht im Judendiskurs
4-3: Zur Analyse des jüdischen Arbeitsdiskurses
5. Kapitel 5: Zur diskursanalytischen Untersuchung der bürgerlichen Kolonialmission bei den Slawen
5-1: Zur Konstruktion des wilden und inferioren polnischen Fremden
5-1-1: Zur Konstruktion einer wilden und chaotischen Topographie des Fremden
5-1-2: Zu den Repräsentationssystemen des kolonisierenden Eigenen und des kolonisierten Fremden
5-1-3: Der West und der Ost und der kulturelle „Diffusionismus“
5-1-3-1: Das Mimikry-Phänomen
5-2: Zum Stellenwert von „Soll und Haben“ in der Kolonialdiskussion der Wilhelminischen Ära
5-2-1: Die Kolonialdiskussion in der Wilhelminischen Ära
5-2-2: Der Kolonialroman „Soll und Haben“ als Beitrag zur indirekten Kolonisation im vorkolonialen Deutschland
Die vorliegende Arbeit untersucht die ideologischen Denksysteme und kulturellen Ideologeme, die den inszenierten Diskursen der dargestellten Sozialgruppen in Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ (1855) zugrunde liegen. Ziel ist es, die diskursiven Konstruktionen über die Problematiken „Entwicklung“ und „Kolonisation“ zu analysieren und dabei die Diskursstrategien, Positionierungen und Modalitäten der Konstitution der jeweiligen Gruppen aufzudecken.
2-2-1-1: Zur poetischen Triade Bürgertum-Ware-Fremde
Die Handlung des Romans beginnt mit der Beschreibung der Familienatmosphäre des Romanhelden Wohlfart. Der Vater Wohlfart, der ausgezeichnete freundschaftliche und dienstliche Verbindungen zu dem in der Großstadt liegenden kaufmännischen Haus seines Freundes Schröter pflegt, empfindet gewöhnlich einen poetisch- mystischen Genuss beim Trinken des ihm von seinem Freund geschickten importierten Kaffees. Solche Gefühle poetischen Entzückens und exotischer Wonne des Vaters Wohlfart beim Genießen des aus Afrika stammenden Kaffees hebt der Erzähler mit seinem gottähnlichen Erzählverhalten nachdrücklich hervor, wenn er einen von solchen Momenten folgendermaßen beschreibt:
diesen Zuckerhut zerbrach er selbst mit vielem Kraftaufwand in einer feierlichen Handlung und freute sich über die viereckigen Würfel, welche seine Kunst hervorzubringen vermochte. Der Kaffee dagegen wurde von der Frau Kalkulatorin eigenhändig gebrannt und sehr angenehm war das Selbstgefühl, mit welcher der würdige Hausherr die erste Tasse dieses Kaffees trank. Das waren Stunden, wo ein poetischer Duft, der so oft durch die Seelen der Kinder zieht das ganze Haus erfüllte.
Dieses poetische Entzücken und diese „Exotik des Warenhandels, wobei Erzeugnisse aus aller Welt in die bescheidene Atmosphäre der bürgerlichen Familie“ reicht, legt sowohl eine fortgeschrittene Anpassung des Bürgertums an den laufenden Globalisierungsprozess als auch eine Überwindung der rein merkantilen Dimension der Größe Ware an den Tag. Der Ware wird in diesem Zusammenhang zugleich ein kultureller Sinn gestiftet.
Kapitel 1: Theoretischer Bezugsrahmen: Dieses Kapitel erörtert die Definitionen von „Entwicklung“ und „Kolonisation“ und skizziert das diskursanalytische Modell der Arbeit.
Kapitel 2: Zur diskursiven Konstruktion des bürgerlichen Entwicklungsmodells: Hier wird analysiert, wie das Bürgertum Entwicklung durch Arbeitsethos, Bildung und Ethik kulturalisiert und als Modernisierungsprozess legitimiert.
Kapitel 3: Zur Analyse des adligen Gesellschaftsmodells und des Diskurses der bürgerlichen Entwicklungsmission: Das Kapitel kontrastiert die hedonistische und ökonomisch irrationale Weltsicht des Adels mit der bürgerlichen Entwicklungsmission.
Kapitel 4: Zur Analyse des jüdischen Entwicklungsmodells: Diese Analyse arbeitet das auf rein ökonomischen Akkumulationsgrundsätzen basierende Modell des Judentums im Roman heraus.
Kapitel 5: Zur diskursanalytischen Untersuchung der bürgerlichen Kolonialmission bei den Slawen: Der letzte Teil untersucht die kolonisatorische Mission des Bürgertums gegenüber den Slawen und deckt darin enthaltene eurozentrische Strategien auf.
Entwicklungsdiskurs, Kolonialdiskurs, Soll und Haben, Gustav Freytag, Bürgertum, Adelsstand, Judentum, Moderne, Diskursanalyse, Postkolonialismus, Arbeitsethos, soziale Mobilität, kulturelle Hegemonie, Identitätskonstruktion, Kapitalismus
Die Arbeit analysiert die diskursiven Konstruktionen von „Entwicklung“ und „Kolonisation“ in Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ unter Anwendung literaturwissenschaftlicher Diskursanalyse.
Die Untersuchung beleuchtet die Rolle und die Denkschemata des Bürgertums, des Adels und des Judentums in der Romanhandlung.
Ziel ist es, die ideologischen Fundamente und Diskursstrategien freizulegen, mit denen die verschiedenen Sozialgruppen im Roman ihr jeweiliges Entwicklungsmodell konstruieren und rechtfertigen.
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die Diskursanalyse und postkoloniale Theorien, um literarische Texte als Ausschnittmengen historischer Diskurse zu untersuchen.
Der Hauptteil analysiert detailliert, wie ökonomische und kulturelle Werte bei Bürgertum, Adel und Judentum instrumentalisiert werden und wie diese zur Legitimation kolonialer Ambitionen beitragen.
Die Begriffe spiegeln das Spannungsfeld zwischen ökonomischem Fortschrittsglauben (Modernisierung), kultureller Überlegenheit und der diskursiven Ausgrenzung von „Anderen“ wider.
Der Autor zeigt auf, wie das Bürgertum durch Idealisierung seiner eigenen Arbeitsmoral und Kultur eine hegemoniale Machtposition innerhalb des Romans etabliert.
Veitel Itzig dient als Repräsentant einer jüdischen ökonomischen Rationalität, die vom Roman-Erzähler durch Ironie und negative Stereotypisierungen als „inhumaner Kapitalismus“ markiert wird.
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