Diplomarbeit, 2004
81 Seiten, Note: sehr gut
1. Begrifflichkeit von Selbstverletzendem Verhalten
2. Phänomenologie des Selbstverletzenden Verhaltens
2.1 Diagnostische Zuordnung
2.2 Formen von Selbstverletzendem Verhalten
2.2.1 Offenes Selbstverletzendes Verhalten
2.2.2 Heimliches bzw. artifizielles Selbstverletzendes Verhalten
2.2.3 Erweiterte artifizielle Erkrankungen als spezifische Formen von Selbstverletzendem Verhalten
2.2.3.1 Münchhausen-Syndrom
2.2.3.2 Münchhausen by – proxy – Syndrom
2.3 Selbstverletzendes Verhalten als Traumafolge
2.3.1 Selbstwert und Körperbild
2.3.2 Selbstverletzendes Verhalten nach psychischer und / oder physischer Misshandlung
2.3.3 Selbstverletzendes Verhalten nach sexuellem Missbrauch
2.4 Motive für Selbstverletzendes Verhalten
2.5 Psychodynamische Funktionen von Selbstverletzendem Verhalten
2.5.1 Intrapersonale Funktionen
2.5.1.1 Selbstverletzendes Verhalten als Selbstfürsorge und Ressource
2.5.1.2 Selbstverletzendes Verhalten als Ventil
2.5.1.3 Selbstverletzendes Verhalten als Antidepressivum
2.5.1.4 Selbstverletzendes Verhalten als Antidissoziativum
2.5.1.5 Selbstverletzendes Verhalten als Suizidprophylaxe
2.5.1.6 Selbstverletzendes Verhalten als narzisstisches Regulativ
2.5.2 Interpersonale Funktionen
2.5.2.1 Selbstverletzendes Verhalten als präverbaler Appell
2.5.2.2 Selbstverletzendes Verhalten als Einleitung einer projektiven Identifizierung
2.5.2.3 Selbstverletzendes Verhalten als selbstkontrollierte Handlung
2.5.2.4 Selbstverletzendes Verhalten als Flucht vor sozialen Anforderungen
2.6 Betroffene Körperstellen und Häufigkeit von Selbstverletzendem Verhalten
2.7 Symbolik von Selbstverletzendem Verhalten
2.7.1 Blut
2.7.2 Haut
2.7.3 Wundversorgung
2.7.4 Schmerzempfinden und Gefühlswahrnehmung
2.7.5 Spannungsbogen
2.8 Geschlechtsspezifität bei Selbstverletzendem Verhalten
2.9 Suchtcharakter von Selbstverletzendem Verhalten
3. Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten als mögliche Bewältigungsstrategie
3.1 Pubertät und Adoleszenz aus entwicklungspsychologischer Sicht
3.2 Beeinflussende Faktoren auf Selbstverletzendes Verhalten aus feministischer Sicht
3.2.1 Geschlechtsspezifischer Umgang mit Aggression im Rahmen der Sozialisation
3.2.2 Mutter-Tochter-Beziehung
3.3 Erklärungsansatz nach der Bindungstheorie
3.4 Erklärungsansatz nach den Aggressionstheorien
3.4.1 Die Triebtheorie
3.4.2 Die Frustrations-Aggressionstheorie
3.4.3 Die Lerntheorie
3.5 Der Körper als Übergangsobjekt bzw. die Objektbeziehung
4. Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit
4.1 Handlungsorte
4.2 Aufgaben im professionellen Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten
4.2.1 Aufbau einer tragfähigen Beziehung und Begleitung der Betroffenen
4.2.2 Ressourcenerschließung und Hilfe bei der Alltagsbewältigung
4.2.3 Auf- und Ausbau sozialer Netzwerke
4.2.4 Arbeit mit Angehörigen
4.2.5 Fort- und Weiterbildungen für SozialpädagogInnen
4.2.6 Öffentlichkeitsarbeit
4.3 Therapiemöglichkeiten
4.3.1 Psychoanalytisch orientierte Therapie
4.3.2 Physiotherapie
4.3.3 Gestalttherapie
4.4 Ausblick
5. Resümee
Die Arbeit untersucht das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens (SVV) bei jugendlichen Mädchen, um zu klären, inwiefern dieses Verhalten als individuelle Bewältigungsstrategie für traumatische Erfahrungen fungieren kann und welche Aufgaben sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben.
2.2.1 Offenes Selbstverletzendes Verhalten (SVV)
Unter offener Selbstverletzung, in der Dermatologie auch als Para-Artefakte bezeichnet, werden die Formen von SVV verstanden, die bewusst herbeigeführt werden und dies, nach Eckhardt (1994, S.10) ...“meist in Zuständen innerer Leere, Anspannung, Verzweiflung und Depression.“ Derartige Verhaltensweisen können in sehr unterschiedlichen Phänomenen zum Ausdruck kommen.
Koch und Resch (in: Subkowski 2002, S.163) nennen die häufigsten Arten: Schneiden, Verbrennen und Verbrühen, Stechen, Kratzen der Haut, Öffnen verheilender Wunden und Aufbeißen der Mundschleimhaut, Exzessives Nägelkauen und Nagelbettreißen, Verätzen der Haut mit Chemikalien, Einnahme geringer (nicht tödlicher Mengen) giftiger Substanzen, Ausreißen der Körperbehaarung, Schlagen bis hin zu Blutergüssen und Knochenbrüchen, Abschnüren einzelner Körperteile, um deren Durchblutung zu behindern, Blut ablassen, Körperfremde Substanzen injizieren, Metallische Gegenstände schlucken.
Eckhardt (in: Egle u.a. 1997, S.259) ergänzt die Definition dieser offenen Erkrankung mit dem Aspekt, dass derartige Verletzungen zunächst ohne suizidale Absicht geschehen und dass sie häufig sucht- bzw. zwanghaften Charakter haben und die autoaggressiven Impulse somit von den Betroffenen nur bedingt kontrolliert werden können. Im Gegensatz zu artifiziellen Erkrankungen, bei denen die Betroffenen die Selbstbeteiligung an der Verursachung der Verletzungen vehement leugnen, stehen in der Regel Betroffene, die sich offen selbst verletzen zu dieser Handlung, was z.B. bei der Erstversorgung der Wunden deutlich werden kann.
1. Begrifflichkeit von Selbstverletzendem Verhalten: Dieses Kapitel definiert SVV als bewusste, nicht emotional belastete Bezeichnung, um Stigmatisierungen durch abwertende Begriffe zu vermeiden.
2. Phänomenologie des Selbstverletzenden Verhaltens: Es werden die Erscheinungsformen, trauma-relevante Hintergründe, psychodynamische Funktionen sowie die Symbolik und Suchtcharakteristik von SVV detailliert analysiert.
3. Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten als mögliche Bewältigungsstrategie: Hier werden theoretische Ansätze aus der Entwicklungspsychologie, Feminismus, Bindungstheorie und Aggressionsforschung zur Erklärung von SVV herangezogen.
4. Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit: Das Kapitel erläutert professionelle Anforderungen, Netzwerkarbeit, pädagogische Unterstützungsmöglichkeiten und therapeutische Zugänge für die Soziale Arbeit.
5. Resümee: Ein abschließender Rückblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema, der die Bedeutung von Sensibilität und Ressourcenorientierung in der pädagogischen Begleitung unterstreicht.
Selbstverletzendes Verhalten, SVV, Mädchen, Adoleszenz, Traumafolgen, Soziale Arbeit, Psychodynamik, Körperbild, Selbstfürsorge, Bindungstheorie, Aggressionsforschung, Resilienz, Bewältigungsstrategie.
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens bei jugendlichen Mädchen und untersucht, warum diese Form der Selbstschädigung als eine (wenn auch destruktive) Bewältigungsstrategie genutzt wird.
Zentral sind die Phänomenologie des Verhaltens, der Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen, die psychodynamischen Hintergründe sowie die Möglichkeiten und Grenzen professioneller Sozialer Arbeit.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass SVV kein bloßer Suizidversuch ist, sondern oft eine Funktion zur Affektregulation oder Identitätssicherung erfüllt, um darauf basierend pädagogische Handlungsoptionen zu formulieren.
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung und Analyse der vorhandenen Fachliteratur aus den Bereichen Psychologie, Soziologie und Sozialpädagogik.
Im Hauptteil werden neben den Formen von SVV und deren psychodynamischen Funktionen insbesondere die traumatischen Ursachen, die Rolle der weiblichen Sozialisation sowie theoretische Erklärungsmodelle wie die Bindungstheorie diskutiert.
Zu den Kernbegriffen gehören Selbstverletzendes Verhalten, Trauma, Bewältigungsstrategie, Identitätsbildung, Soziale Arbeit und Affektregulation.
Der Fokus liegt auf Mädchen, da SVV bei diesem Geschlecht besonders häufig auftritt und der Beginn dieser Verhaltensweise oft eng mit dem Eintritt in die Pubertät und spezifischen geschlechterrollenbedingten Sozialisationsprozessen verknüpft ist.
Die Bindungstheorie dient dazu, SVV als Ersatzhandlung für mangelnde oder traumatisierte frühe Bindungserfahrungen zu verstehen, bei der der eigene Körper zu einem sicher verfügbaren „Übergangsobjekt“ wird.
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