Bachelorarbeit, 2014
32 Seiten, Note: 1,3
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. Gegenstand der Arbeit und Zielstellung
2. Das bürgerliche Trauerspiel
3. Erziehung zur Tugend als Erziehung zur Unmündigkeit?
3.1. Lessings „Emilia Galotti“
3.2. Schillers „Kabale und Liebe“
3.3. Der Einfluss bürgerlicher Tugenderziehung auf die Mündigkeit am Beispiel zweier weiterer bürgerlicher Trauerspiele
4. Fazit
5. Bibliographie
Die Arbeit untersucht die These, ob die bürgerliche Erziehung zur Tugend im 18. Jahrhundert paradoxerweise zu einer Erziehung zur Unmündigkeit führte. Anhand exemplarischer bürgerlicher Trauerspiele wird analysiert, wie rigide moralische Normen und patriarchalische Familienstrukturen die Handlungsfähigkeit der weiblichen Protagonistinnen einschränken und letztlich in eine ausweglose, oft tödliche Katastrophe führen.
3.1. LESSINGS „EMILIA GALOTTI“
Mündigkeit, also die Fertigkeit ohne fremde Leitung urteils- wie auch handlungsfähig agieren zu können, ist keine Eigenschaft, die die Figur der Emilia Galotti auszeichnet, betrachtet man ihre Reaktionen auf die Geschehnisse innerhalb des Dramenverlaufs. Zunächst einmal erscheint die Figur der Emilia aufgrund der Beschreibungen der sie umgebenden Menschen als eine Art makelloses Abziehbild bürgerlicher Tugend und Schönheit. So nennt der Maler Conti sie einen „Engel“ (EG I, 4 (9)), Prinz Hettore Gonzaga beschreibt sie anhand ihres Portraits mit den Worten „Dieses Auge voll Liebreiz und Bescheidenheit! Dieser Mund! und wenn er sich zum Reden öffnet! wenn er lächelt!“ (EG I, 5 (12)). Ihre Mutter zeigt ihre Frömmigkeit auf, indem sie von Emilias Wunsch berichtet, die Messe an ihrem Hochzeitstag zu besuchen, da sie „heute, mehr als jeden andern Tag, Gnade von oben zu erflehen“ (EG II, 2 (21)) habe. Emilias Verlobter, Graf Appiani unterstreicht diese Tugend weiterhin, als er sie als „fromme Frau […] [bezeichnet], die nicht stolz auf ihre Frömmigkeit ist“ (EG II, 7 (32)).
Weitere bürgerliche Tugenden wie Aufrichtigkeit und Gehorsam gegenüber ihren Eltern erkennt man beispielhaft in derselben Szene. Emilia möchte ihrem Verlobten die Geschehnisse in der Kirche beichten, revidiert ihre Entscheidung jedoch sofort mit den Worten „Ich habe keinen Willen gegen den Ihrigen“ (EG II, 7 (31)), als ihre Mutter ihr rät, dies nicht zu tun. Ihre verkörperten Tugenden wie Keuschheit, Frömmigkeit und Gehorsam sind als fester Bestandteil ihres Lebens zu bewerten. Emilia erfüllt die Erwartungen an das töchterliche Rollenbild und somit die Merkmale des vorgegebenen bürgerlichen Wertesystems.
1. Gegenstand der Arbeit und Zielstellung: Das Kapitel führt in die sozialhistorischen Hintergründe des Bürgertums und das idealisierte Familienmodell ein, welches die Grundlage für die Untersuchung der tugendorientierten Erziehung bildet.
2. Das bürgerliche Trauerspiel: Hier werden die gattungstypischen Merkmale des bürgerlichen Trauerspiels dargelegt und die kritische Auseinandersetzung mit absolutistischer Willkür sowie ständischen Konflikten in den Fokus gerückt.
3. Erziehung zur Tugend als Erziehung zur Unmündigkeit?: Dieses Hauptkapitel analysiert kritisch, wie die Vermittlung bürgerlicher Tugenden das individuelle Handeln der Figuren einschränkt.
3.1. Lessings „Emilia Galotti“: Die Analyse zeigt, dass Emilias strikte Befolgung elterlicher Werte und ihre Passivität sie unfähig machen, in einer fremdbestimmten Umgebung mündig zu agieren.
3.2. Schillers „Kabale und Liebe“: Luises Fall verdeutlicht den inneren Konflikt zwischen individueller Autonomie und der massiven Einflussnahme väterlicher Autorität sowie gesellschaftlicher Zwänge.
3.3. Der Einfluss bürgerlicher Tugenderziehung auf die Mündigkeit am Beispiel zweier weiterer bürgerlicher Trauerspiele: Durch den Einbezug von „Miss Sara Sampson“ und „Maria Magdalena“ wird belegt, dass die Thematik der Unmündigkeit ein gattungsübergreifendes Phänomen darstellt.
4. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass die rigide Umsetzung bürgerlicher Tugenden das tragische Scheitern der Protagonistinnen verursacht und die moralische Hegemonie des Bürgertums kritisch hinterfragt.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur weiteren wissenschaftlichen Vertiefung auf.
Bürgerliches Trauerspiel, Aufklärung, Tugenderziehung, Unmündigkeit, Patriarchat, Emilia Galotti, Kabale und Liebe, Rollenbild, Handlungsfähigkeit, bürgerliches Wertesystem, Ständegesellschaft, Moral, Autonomie, Gehorsam, Tragik
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Erziehung zu bürgerlichen Tugenden im 18. Jahrhundert paradoxerweise dazu führte, dass junge Frauen ihre Mündigkeit verloren und in ein durch Väter und gesellschaftliche Normen determiniertes Handeln gedrängt wurden.
Die Schwerpunkte liegen auf der bürgerlichen Familienstruktur, der Idealisierung von Tugendhaftigkeit, der Kritik an patriarchalischen Machtstrukturen und der Frage nach individueller Freiheit versus sozialer Unterordnung.
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Scheitern der Protagonistinnen in den untersuchten Dramen nicht auf die Tugendideale an sich zurückzuführen ist, sondern auf deren rigide und autoritäre Umsetzung, die den Figuren jeglichen Raum für selbstbestimmtes Handeln nimmt.
Die Arbeit nutzt eine textnahe, literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten, ergänzt durch einen Vergleich der Dramen, um die Entwicklung der Figuren in ihrem jeweiligen soziokulturellen Kontext darzustellen.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Lessings „Emilia Galotti“ und Schillers „Kabale und Liebe“, gefolgt von einer vergleichenden Analyse weiterer Werke wie „Miss Sara Sampson“ und „Maria Magdalena“.
Zentrale Begriffe sind Unmündigkeit, tugendhafte Tochter, Handlungszwang, bürgerliches Trauerspiel, Patriarchat, Pflichtgefühl und Scheitern.
Ihre Tugendhaftigkeit führt zu einer totalen Passivität. Weil sie nicht gelernt hat, außerhalb der familiären Ordnung zu handeln, sieht sie im Suizid die einzige Möglichkeit, ihre „Reinheit“ gegenüber der als sündhaft empfundenen Außenwelt zu wahren.
Luise Millerin zeigt deutlichere Anzeichen eines autonomen Willens, wird jedoch durch ihre tiefe affektive Bindung an den Vater und dessen religiös-moralische Indoktrination letztlich ebenfalls in die Unmündigkeit und den Tod getrieben.
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