Magisterarbeit, 2004
88 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1. Das Bewusstsein als Qual
1.1. Bewusstsein und Entfremdung
1.1.1. Strukturverlust
1.1.2. Abkehr von gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit
1.1.3. Übersteigertes Bewusstsein
1.2. Parallelen zwischen Rönne und Benn
1.3. Das Leiden an der Moderne
1.3.1. Zivilisatorische Moderne und literarischer Expressionismus
1.3.2. Urbanisierung
1.3.3. Erkenntnistheoretische Verunsicherung
2. Versuche der Kompensation
2.1. Adaption bürgerlicher Verhaltensweisen
2.2. Wissen und logisches Denken
2.3. Kritik am positivistischen Weltbild
3. Erlösung im Rausch
3.1. Entgrenzung
3.2. Konkurrenz zweier Weltbilder
3.3. Die Rönne-Novellen im Kontext des Dionysischen und Apollinischen
3.3.1. Die Prinzipien des Dionysischen und Apollinischen bei Nietzsche
3.3.2. Dionysische und Apollinische Elemente in den Rönne-Novellen
3.4. Rausch und Kunst
3.4.1. Rönne als Erschaffender
3.4.2. Zu Benns Kunsttheorie
3.4.3. Frühe und späte Prosa
3.4.4. Ästhetik und Macht
Die Arbeit untersucht die Bewusstseinskrise des Protagonisten Rönne in den fünf Rönne-Novellen von Gottfried Benn. Ziel ist es, den Wirklichkeits- und Identitätsverlust als Folge eines problematischen, übersteigerten Bewusstseins zu analysieren und in den Kontext sozialer, kultureller und erkenntnistheoretischer Entwicklungen der Moderne zu stellen.
1.1.3. Übersteigertes Bewusstsein
Diese Entwicklung ist nicht darauf zurückzuführen, dass Rönne nur primitiv und einfältig denken oder bedingt sinnliche Eindrücke empfangen könnte. Im Gegenteil, gerade ein außerordentlich sensibles Bewusstsein und ständige Reflexion sind für ihn charakteristisch. Penible Selbstbeobachtung ist die Folge, muss er doch „immer darnach forschen was mit mir möglich sei“. Ebenso besitzt er eine extreme Wahrnehmungsfähigkeit für jede Art äußerer Sinneseindrücke. Rönnes Zugang zur Wirklichkeit, genauer, zu seiner Wirklichkeit, seine Form der Wahrnehmung und ihre Verarbeitung entsprechen dennoch nicht den Anforderungen seiner menschlichen Umgebung. Der Schluss liegt nahe, dass seine Entfremdung von der gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit gerade auf seine überaus empfindsame und differenzierte Wahrnehmungsweise bzw. sein überaus stark ausgeprägtes Bewusstsein zurückzuführen ist.
Rönne hinterfragt permanent Sachverhalte in einer Weise, die schließlich die Grenzen des gesellschaftlich Vorgegebenen überschreiten. Dies erfolgt auch im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit: „Dann nahm er selber seine Hände, führte sie über die Röntgenröhre, verschob das Quecksilber der Quarzlampe, erweiterte oder verengte einen Spalt, durch den Licht auf einen Rücken fiel, schob einen Trichter in ein Ohr, nahm Watte und ließ sie im Gehörgang liegen und vertiefte sich in die Folgen dieser Verrichtung bei dem Inhaber des Ohrs: wie sich Vorstellungen bildeten von Helfer, Heilung, guter Arzt von allgemeinem Zutrauen und Weltfreude, und wie sich die Entfernung von Flüssigkeiten in das Seelische verwob.“
Rönnes Perspektive geht hier über die fest umrissene Aufgabe der ärztlichen Untersuchung und Behandlung hinaus. Er hat den Drang, sich in seinen Patienten hineinzuversetzen - nicht zum Zwecke einer Diagnose, sondern offenbar allein, um das subjektive Erleben und die Gedanken des Betreffenden zu erfassen. Er führt nicht nur einen schematisierten ärztlichen Handgriff aus, sondern ist sich in hohem Maße bewusst darüber, dass er damit unmittelbar Gefühle und sinnliche Impulse auslöst und versucht, diese nachzuvollziehen.
1. Das Bewusstsein als Qual: Dieses Kapitel erläutert Rönnes Entfremdung von der Umwelt und sich selbst, die aus einem übersteigerten Bewusstsein und der Wahrnehmung eines Zerfalls verbindlicher Strukturen resultiert.
2. Versuche der Kompensation: Hier werden Rönnes vergebliche Versuche analysiert, durch die bewusste Adaption bürgerlicher Lebensweisen und rationaler Denkmuster die verlorene Stabilität wiederzuerlangen.
3. Erlösung im Rausch: Das letzte Hauptkapitel untersucht, wie Rönne durch Rauschzustände und künstlerische Produktion temporär aus seiner Isolation ausbricht und eine subjektive Wirklichkeit jenseits rationaler Kategorien entwirft.
Gottfried Benn, Rönne-Novellen, Bewusstseinskrise, Entfremdung, Moderne, Expressionismus, Identitätsverlust, Erkenntniskritik, Rausch, Ästhetik, Friedrich Nietzsche, Subjektivität, rationales Denken, künstlerische Schöpfung.
Die Hausarbeit thematisiert die psychische Krise der Romanfigur Rönne in Gottfried Benns Prosatexten der Jahre 1914-1916 und deren Verknüpfung mit den kulturellen Umbrüchen der Moderne.
Im Zentrum stehen der Verlust der psychischen Identität, die Entfremdung von sozialen Strukturen sowie das Spannungsfeld zwischen rationaler Welterfassung und rauschhaftem Erleben.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rönnes "problematisches Bewusstsein" ihn aus der gesellschaftlichen Norm drängt und welche Strategien er entwickelt, um mit diesem Verlust an Sicherheit umzugehen.
Die Arbeit basiert auf einer interpretativen Analyse der Textgrundlage, die durch kulturtheoretische sowie philosophische Konzepte, etwa von Nietzsche, Freud oder Berger/Luckmann, ergänzt wird.
Der Hauptteil analysiert die Krise des Bewusstseins, die Versuche der Kompensation durch bürgerliches Rollenspiel und logisches Denken sowie die Erlösung durch ästhetische Entgrenzung.
Zentrale Begriffe sind neben Rönne und Benn vor allem Begriffe wie Wirklichkeitszerfall, Erkenntniskritik, Rausch, das Dionysische, das Apollinische und die ästhetische Autonomie.
Die Anpassungsversuche werden als tragikomisch entlarvt, da Rönne die Künstlichkeit der sozialen Rollen durchschaut und somit nur ein oberflächliches, gespieltes "Funktionieren" erreichen kann.
Der "Süden" dient als Chiffre für eine geistige Gegenwelt, die mit antiken Mythen und einer vitalistischen Kraft assoziiert wird und Rönne als Komplement zur als starr empfundenen nördlichen Rationalität dient.
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