Bachelorarbeit, 2011
43 Seiten, Note: 1,0
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
VORWORT
1. VON DER KONTINGENZ ZUR DASEINSSCHAM
1.1 Das Geschlecht als existentielles Zeichen der ontischen Scham
1.1.1 Internalisierte Schuld ist nicht Scham
1.1.2 Die Geschlechtsscham
1.1.2.1 Die ontische Scham im Genesis-Mythos
1.1.2.2 Das Geschlecht bei Platon: Eros und Thymos
1.2 Die transzendierende Identität und die moderne Frage nach dem Selbstseinkönnen bei Kierkegaard
2. VON DER TRANSZENDENZ DES SELBSTSEINKÖNNENS ZUR IMMANENZ DES SELBSTSEINMÜSSENS
2.1 Säkularismus
2.2 Von der ontischen Scham zur moralischen Scham
2.3 Der Säkularismus begünstigt das Schamempfinden
2.3.1 Das sichtbare Haben als Vorurteil des verborgenen Seins
2.3.2 Scham und der Blick des Anderen: Anerkennungsprobleme
3. VON DER ÖFFENTLICHKEIT ZUR PRIVATHEIT
3.1 Das Ideal der persönlichen Empfindung
3.2 Intimität, Narzissmus und die Pflicht zur Authentizität
3.3 Vom Raum öffentlichen Handelns zur Durchgangsstrecke
3.3.1 Intimität und Zivilisiertheit
3.3.2 Der Raum als Durchgang
4. VON DER GESELLSCHAFT ZUR GEMEINSCHAFT
4.1 Statusscham: Von der Ehre zur Würde
4.2 Charismatische Beleidigungshierarchien moderner Gesellschaften
4.3 Statusgruppen sind charismatische Herrscher
4.4 Statusgruppen als fundamentalistische Gemeinschaften
5. VON DER GEMEINSCHAFT ZUR VEREINZELUNG: VIRTUALISIERUNG DER LEBENSWELT
5.1 Immanente Transzendierung des Selbst und prometheische Scham
5.2 Kompensationsformen der Prometheischen Scham
5.2.1 Autonome Raumbewegung des Users
5.2.2 Vom Film und Fernsehen
5.2.3 Vom gemeinsamen Handeln zur gemeinsamen Flucht
6. PLÄDOYER STATT FAZIT
7. QUELLENVERZEICHNIS
Die Arbeit untersucht die anthropologischen Hintergründe der modernen, durch Medien forcierten "Verbiederung" der Öffentlichkeit und fragt, wie die durch Säkularisierung hervorgerufene Identitätskrise des Individuums zu einer Flucht in virtuelle Räume führt. Dabei wird der Konflikt zwischen Autonomie und menschlicher Kontingenz als Ursache für eine spezifische, ontische Scham analysiert, die zur Degeneration des öffentlichen Raums und zur Bildung exklusiver, narzisstischer Gemeinschaften beiträgt.
1.1.2.1 Die ontische Scham im Genesis-Mythos
Das Geschlecht symbolisiert die Daseinsentblößung der menschlichen Kontingenz. Auch die Genesis berichtet davon: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht.“ (1. Mose, 2, 22 – 25.) Die Identität des einen Fleisches bedarf keiner Scham, weil ein Verständnis von Autonomie noch nicht entwickelt ist. Autonomie ist als Anspruch auf Selbstbehauptung noch nicht notwendig, weil kein Selbst ausgebildet ist. Physisch bereits zu Zweien getrennt, bleibt man unter dem Dach der gemeinsamen Geschöpflichkeit miteinander wesentlich verbunden. Symbolisch bzw. psychisch hat man eine Trennung noch nicht vollzogen. Der Sündenfall bewirkt die Erkenntnis von der Dualität beider Menschengeschlechter. Das Vertrauen auf das Gemeinsame ihrer Herkunft gibt sich dabei an die Erkenntnis ihrer Differenz preis: „Da wurden ihnen beide die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machen sich Schurze.“ (1. Mose 3, 6-7) Die Differenzerkenntnis manifestiert sich augenblicklich in einer selbstreflexiven Scham. Der andere wird als Anderer erblickt und nur als Anderer erscheint er „nackt“.
Nacktheit ist das Zeichen für die erstmals empfundene Differenz des Einzelnen im Verhältnis zum Anderen. Das führt zum selbstreflexiven Blick, der bemerkt, dass man selbst ebenso nackt ist und sich demselben Blick aussetzt, den man nun auf den anderen richtet. Scham entsteht in der Antizipation des fremden Blickes (vgl. Kapitel 2.3.2), der das eigene Dasein beäugt und mustert, aus dem Zusammenhang seiner vertrauten Richtigkeit nimmt und ihn erstmals zur Rechtfertigung zwingt: Warum bist du nackt?, ist die als Frage formulierte Anforderung an den Anderen, sich zu seinem Dasein aktiv und autonom ins Verhältnis zu setzen, sich nicht mit einer bloß hingenommenen Geschöpflichkeit zufrieden zu geben. Der Mensch rebelliert erstmals gegen seine kontingente Beschaffenheit. Er schämt sich nicht seiner sündigen Handlung, was zunächst nahe liegen würde. Der Mensch schämt sich vor dem Angesicht des Herrn, vor dem Angeblickt-Werden als das, was er wesentlich ist: nackt.
1. VON DER KONTINGENZ ZUR DASEINSSCHAM: Untersuchung der menschlichen Kontingenz als Grundlage der ontischen Scham und deren Wurzeln im Mythos sowie in der Identitätsfrage bei Kierkegaard.
2. VON DER TRANSZENDENZ DES SELBSTSEINKÖNNENS ZUR IMMANENZ DES SELBSTSEINMÜSSENS: Analyse, wie der Säkularismus das Schamempfinden durch die Wende von Transzendenz zur Immanenz verstärkt und das "sichtbare Haben" zum Indikator des Seins macht.
3. VON DER ÖFFENTLICHKEIT ZUR PRIVATHEIT: Darstellung der Entleerung des öffentlichen Raums zugunsten eines Intimitätsideals, das auf persönlicher Empfindung und psychischer Gratifikation basiert.
4. VON DER GESELLSCHAFT ZUR GEMEINSCHAFT: Erläuterung der Entstehung von Statusgruppen und deren Nutzung von Beleidigung und Beschämung als Instrumente der sozialen Schließung und Herrschaft.
5. VON DER GEMEINSCHAFT ZUR VEREINZELUNG: VIRTUALISIERUNG DER LEBENSWELT: Untersuchung der Virtualisierung als Flucht vor dem Scheitern der Identitätskonzepte und der Entwicklung einer "Prometheischen Scham" gegenüber der eigenen Technik.
6. PLÄDOYER STATT FAZIT: Kritische Reflexion über die notwendige Rückbesinnung auf eine dialogische Öffentlichkeit, um der Isolation und der virtuellen "Betäubung" entgegenzuwirken.
Scham, Kontingenz, Säkularismus, Identität, Öffentlichkeit, Privatheit, Intimität, Authentizität, Statusgruppen, Beschämung, Virtualisierung, Selbstentfremdung, Günther Anders, Richard Sennett, Soziale Anerkennung.
Die Arbeit analysiert philosophisch und soziologisch das Phänomen der Scham in der modernen Gesellschaft und wie der Verlust an Transzendenz zu einer Flucht in virtuelle, intimisierte Räume führt.
Die zentralen Felder sind die Bedeutung der menschlichen Kontingenz, die Transformation von Öffentlichkeit in Privatheit, die Machtmechanismen von Statusgruppen und die mediale Virtualisierung unserer Lebenswelt.
Die Arbeit fragt nach den anthropologischen Hintergründen dafür, warum moderne Individuen vor ihrer eigenen Kontingenz in mediengefüllte Intimsphären fliehen und wie dies die Stabilität demokratischer Gesellschaften gefährdet.
Es handelt sich um eine psychophilosophische Analyse, die soziologische Theorien (u.a. Sennett, Bourdieu) mit phänomenologischen und medienkritischen Ansätzen (insbesondere Günther Anders) verknüpft.
Der Hauptteil erstreckt sich von der ontischen Scham über die Transformation des öffentlichen Raumes bis hin zur Analyse der "Prometheischen Scham" und der Kompensationsstrategien durch die moderne Technik.
Neben dem zentralen Begriff der Scham sind dies Kontingenz, Säkularismus, Intimität, Virtualisierung und das Konzept der "Verbiederung" der Öffentlichkeit.
Der Begriff, entnommen von Günther Anders, beschreibt den Rückzug der Menschen aus einer sich leerenden, öffentlichen Welt in einen Raum mediengefüllter Intimität.
Sie nutzen die "Schamgesellschaft", indem sie durch soziale Schließung und Beleidigung denjenigen beschämen, der ihren Statusansprüchen nicht genügt, und so eine Gruppenidentität durch emotionale Bekenntnisse erzwingen.
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