Magisterarbeit, 2015
81 Seiten, Note: 1,3
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
1. Das Verstehen des Anderen bei Wilhelm Dilthey
1.1. Sich Selbst, die Außenwelt, die andere Lebenseinheit
1.2. Verstehen als geisteswissenschaftliche Methode
1.3. Allgemeine Bedingungen des Verstehens anderer Menschen
1.4. Elementare und höhere Formen des Verstehen
1.4.1. Elementare Formen
1.4.2. Höhere Formen
2. Max Schelers Wahrnehmungstheorie des fremden Ich
2.1. Schelers Überlegungen zur Du-Evidenz
2.2. Nachfühlen, Nachleben, Mitgefühl
2.3. Schelers konzeptionelle und phänomenologische Kritik an Analogieschluss- und Einfühlungstheorie
2.3.1. Kritik an der Analogieschlusstheorie
2.3.2. Kritik an der Einfühlungstheorie
2.3.3. Phänomenologische Analyse der Ausgangsannahmen von Analogieschluss- und Einfühlungstheorie
2.4. Fremdwahrnehmung bei Scheler
2.5. Fremdverstehen bei Scheler
3. Was ist Autismus?
3.1. Historische und entwicklungspsychologische Data zum Autismus
3.2. Autismus und Verstehen des Anderen
3.3. Autismus und Intelligenz
4. Dilthey, Scheler und Autismus
4.1. Dilthey und Autismus
4.2. Scheler und Autismus
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die philosophischen Konzepte von Wilhelm Dilthey und Max Scheler zum Verstehen des Anderen auf die Autismus-Spektrum-Störung zu beziehen, um ein tieferes Verständnis für die sozialen Dysfunktionen autistischer Menschen zu entwickeln.
2.3.1. Kritik an der Analogieschlusstheorie
Der Lehre, dass es Analogieschlüsse seien, mittels derer ein fremdes Ich zur Erfahrung kommt, stellt Scheler vier Argumente entgegen. Einmal seien Annahmen über eine intersubjektive Erfahrung auch bei Tieren, Säuglingen bzw. Kleinkindern, als auch Naturvölkern nachweisbar, für die komplizierte Analogieschlüsse, vergleichbar denen in den Naturwissenschaften, nicht plausibel angenommen werden könnten.
Dieses Argument scheint allerdings nicht wirklich konsistent zu sein, da das analoge Schließen, das nach der Analogieschlusslehre im intersubjektiven Bereich vollzogen wird, nicht notwendig als der komplexe Vorgang gedacht werden muss, wie er in den Naturwissenschaften geübt wird. Die Vorstellung, dass im intersubjektiven Bereich analog vom eigenen Ich auf den Anderen und seine seelischen Zustände geschlossen wird, kann auch als ein intuitives Schließen verstanden werden, dass zum Beispiel aus den konstitutionellen Grundbedingungen der menschlichen Kognition entspringen könnte.
Zweitens liegen, so Scheler, dem Vorgang, mittels Analogieschluss auf fremde Beseelung im Gegenüber schließen zu wollen, insofern nicht die richtigen Data vor, wenn von der Annahme ausgegangen werde, dass aufgrund des bewußtseinsmäßigen Wissens über die eigenen Ausdrucksbewegungen auf gleiche oder ähnlich erscheinende Zusammenhänge im Gegenüber via Analogie geschlossen werde. Wir kennen unsere eigenen Ausdrucksbewegungen, so stellt Scheler fest:
– soweit wir nicht an Spiegel denken und Ähnliches – doch nur in der Form von Bewegungsintentionen und Folgen von Bewegungs- und Lageempfindungen, während uns von anderen Wesen doch an erster Stelle nur die optischen Bilder dieser Bewegungen gegeben sind.
Es handelt sich nicht um dieselben Data, zwischen denen der Analogieschluss ausgeführt werden könnte. Somit werden Analogieschlüsse gerade erst dann ausgeführt, wenn die Erfahrung von fremder Beseelung bereits vollzogen worden sei und der Zweifel aufkomme, ob den sinnlichen Erscheinungen eine Bedeutung als Ausdruck von Beseelung entspreche.
1. Das Verstehen des Anderen bei Wilhelm Dilthey: Dilthey entwickelt eine hermeneutische Methode, die das Verstehen des Anderen als lebendigen Zusammenhang in der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt begreift.
2. Max Schelers Wahrnehmungstheorie des fremden Ich: Scheler kritisiert vermittelnde Theorien wie den Analogieschluss und postuliert eine unmittelbare phänomenologische Wahrnehmung des fremden Ich.
3. Was ist Autismus?: Dieser Abschnitt liefert eine Einführung in die Autismus-Spektrum-Störung, ihre historische Entwicklung und die zentralen autismusspezifischen Symptome.
4. Dilthey, Scheler und Autismus: Die zuvor erarbeiteten philosophischen Modelle werden hier genutzt, um die soziale Dysfunktion bei Autismus konzeptionell und ontologisch zu systematisieren.
Autismus, Verstehen des Anderen, Wilhelm Dilthey, Max Scheler, Phänomenologie, Geisteswissenschaften, Fremdwahrnehmung, Theory of Mind, soziale Kognition, zentrale Kohärenz, Einfühlung, Analogieschluss, Autismus-Spektrum-Störung, Erkenntnistheorie, Leibseele.
Die Arbeit untersucht philosophische Konzepte zum Fremdverstehen und wendet diese auf das klinische Bild der Autismus-Spektrum-Störung an, um ein tieferes Verständnis für die dort auftretenden sozialen Schwierigkeiten zu gewinnen.
Die zentralen Felder sind die Philosophie von Dilthey und Scheler, die phänomenologische Wahrnehmungstheorie, das Störungsbild Autismus sowie der interdisziplinäre Austausch zwischen Philosophie und Psychologie.
Ziel ist es, zu prüfen, ob und wie philosophische Modelle zur Fremdwahrnehmung helfen können, die spezifischen sozialen Dysfunktionen bei autistischen Menschen systematischer zu erfassen.
Der Autor nutzt eine texthermeneutische Rekonstruktion philosophischer Positionen und verknüpft diese in einem interdisziplinären Ansatz mit psychologischen und neuropsychologischen Daten zum Autismus.
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Rekonstruktion von Dilthey und Scheler, die Darstellung psychologischer Fakten zum Autismus und schließlich die theoretisch-konzeptionelle Synthese beider Ansätze.
Wichtige Begriffe sind Autismus, Fremdverstehen, Phänomenologie, Theory of Mind, zentrale Kohärenz, Leiblichkeit und soziale Kognition.
Im Gegensatz zur Einfühlungstheorie, die einen vermittelnden Prozess annimmt, argumentiert Scheler für eine unmittelbare phänomenologische Wahrnehmung des fremden Ich, die keiner bloßen psychologischen Projektion bedarf.
Diese Kategorisierung hilft dabei, komplexe soziale Defizite bei Autisten in solche zu unterteilen, die kognitive Routineleistungen betreffen, und solche, bei denen affektive, ganzheitliche Erfassungsweisen gestört sind.
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