Bachelorarbeit, 2011
34 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Wege im Leben und Schreiben Max Aubs
2.1 Kurzbiographische Notiz
2.2 Aubs realismo testimonial und der Kampf gegen das Vergessen
3 Aubs KZ-Kurzprosa: Den Schrecken erzählen, aber wie?
3.1 Zentrale Themen und Diskurse
3.2 Darstellungsweisen und Erzählstrategien
3.3 Synthesis: memoria y olvido und metanarratives Erzählen
4 Das Manuscrito cuervo: Ein Rabe erklärt die Welt
4.1 Makrostruktur und thematische Tendenzen
4.2 Die ‚rabische‘ Perspektive: Nähe, Distanz und satirische Verdrehung
4.3 Das Manuskript: Fragmente eines gescheiterten Versuchs
5 Schlussbemerkung
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Verarbeitung der KZ-Erfahrung in Max Aubs Kurzgeschichten, insbesondere im Werk Manuscrito cuervo. Das Hauptziel ist die Analyse der narrativen Strategien, mit denen Aub versucht, das Unaussprechliche des Konzentrationslagers authentisch und fernab rein autobiographischer Subjektivität darzustellen.
4.2 Die ‚rabische‘ Perspektive: Nähe, Distanz und satirische Verdrehung
Seine Besonderheit erhält das Manuscrito cuervo durch die Konzeption der Erzählstimme und die daraus resultierende Perspektive auf das Geschehen: Der Rabe Jacobo ist in der Umgebung von „Le Vernet“ aufgewachsen, lebte stets unter Menschen („Mis primeros recuerdos coinciden ya con mis relaciones con los bípedos“, MC: 183) und hat dieses Umfeld vermutlich niemals verlassen, was sich in so mancher ‚Fehleinschätzung‘ seinerseits widerspiegelt (z. B.: „los hombres no tienen hembras“, MC: 181). Er verfügt aber über ein umfangreiches Wissen über Geschichte, Gesellschaft und Wesen der Menschheit, angeeignet durch Beobachtungen, Erzählungen und andere Quellen, die aber eher selten dezidiert genannt werden.
Jacobos Ziel ist es, die Lebensform der menschlichen Spezies möglichst exakt zu beschreiben, „para aprovechamiento de tanto cuervo como hay por el mundo“ (MC: 183). Seine Einschätzungen über die „degeneración del hombre“ (MC: 195) sind geprägt von einem grundlegenden Unverständnis: Alles, was er beschreibt, scheint ihm durch und durch unlogisch, „extrañ[o]” (MC: 217), „absurdo“ (MC: 190), unterentwickelt. Trotzdem erhofft er sich, irgendeinen Nutzen für die Rabengesellschaft aus seiner Arbeit ziehen zu können: „Creo que podremos, a poca costa, servirnos de ellos [los hombres] para descansar y dedicarnos de lleno a las bellas artes“ (MC: 209). Welcher Nutzen das sein könnte, weiß er nicht so recht bzw. dürfte es wohl kein besonders großer sein: „La única costumbre hombruna que me parece aprovechable para la civilización corvina es el empleo de las gafas“ (MC: 210).
Es entsteht so ein verzerrtes Menschenbild, das den ganzen Text bestimmt. Jedoch, jene Äußerungen Jacobos, die wir zunächst als ‚Fehlinterpretationen‘ bezeichnen, tragen stets einen wahren Kern in sich, der uns zeigt, welche Absurditäten dem menschlichen Zusammen- und Gegeneinanderleben tatsächlich zugrunde liegen. Jacobos Diskurs könnte dabei mit dem eines Hofnarren verglichen werden, da sie beide all jene kritischen Wahrheiten aussprechen, welche sonst niemand ausspricht bzw. sich nicht traut, sie auszusprechen.
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert Max Aubs Exilbiographie und begründet das wissenschaftliche Interesse an seiner bisher wenig beachteten KZ-Kurzprosa.
2 Wege im Leben und Schreiben Max Aubs: Das Kapitel verortet Aubs Werk im Spannungsfeld zwischen der persönlichen KZ-Erfahrung und seinem spezifischen Stil des realismo testimonial.
3 Aubs KZ-Kurzprosa: Den Schrecken erzählen, aber wie?: Hier werden thematische Leitmotive wie Hunger, Verrat und Sinnlosigkeit untersucht sowie die erzähltechnischen Ansätze zur Vermittlung des Schreckens analysiert.
4 Das Manuscrito cuervo: Ein Rabe erklärt die Welt: Dieser Abschnitt analysiert das Experiment einer entfremdeten, satirischen Erzählperspektive durch einen Raben und dessen Scheitern an der Unausdrückbarkeit des menschlichen Leids.
5 Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass Aubs Werk durch polyphone Erzähltechniken ein authentisches, aber bewusst unvollständiges Bild des kollektiven Terrors zeichnet.
Max Aub, KZ-Kurzprosa, Manuscrito cuervo, realismo testimonial, Exilliteratur, Le Vernet, Erinnerung, Vergessen, Trauma, Polyphonie, Zeugenschaft, Satire, conditio humana, spanischer Bürgerkrieg, Identität.
Die Arbeit untersucht, wie der Schriftsteller Max Aub seine persönlichen Erfahrungen in den französischen Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs in literarische Kurzprosa übertrug.
Im Zentrum stehen die Darstellung von Hunger, sadistischer Machtausübung, Verrat unter Internierten sowie die Sinnlosigkeit des Lagerlebens und der Kampf gegen das Vergessen.
Die Arbeit analysiert die narrativen Strategien und Poetik, mit denen Aub das Leid der KZ-Häftlinge darstellt, ohne dabei in rein autobiographische Subjektivität abzugleiten.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die narratologische Aspekte (Erzählperspektive, Distanz, Nähe, Polyphonie) mit inhaltlichen Diskursen verknüpft.
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Analyse der KZ-Kurzprosa (Themen, Motive) und eine detaillierte Untersuchung der Erzähltechniken, gefolgt von einer speziellen Fallstudie zum Manuscrito cuervo.
Wichtige Begriffe sind realismo testimonial, Zeugenschaft, kollektives Trauma, das Spannungsfeld von Nähe und Distanz sowie die Unaussprechlichkeit des Schreckens.
Die Wahl dient als literarisches Experiment, um durch eine entfremdete, scheinbar "höhere" Perspektive die Absurdität menschlichen Handelns im KZ satirisch offenzulegen und die Grenze der Darstellbarkeit zu testen.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Experiment des Raben-Erzählers zwar "scheitert", weil das Unsagbare nicht umfassend in ein System zu pressen ist, dieses Scheitern aber gerade die Authentizität des Textes unterstreicht.
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