Bachelorarbeit, 2009
63 Seiten, Note: 1,2
I. Einleitung
II. Überblick über den Kriegsverlauf an der Ostfront
III. Kriegsziele im Osten
1. Die Mitteleuropa-Konzeption
2. Die Kriegsziele im Osten
3. Das Aufkommen grundlegend neuer Zielvorstellungen der deutschen Außenpolitik während des Ersten Weltkrieges.
IV. Besatzungspolitik von Ober Ost („deutsche Arbeit“)
1. Verkehrspolitik
2. Kulturpolitik
V. Das deutsche Bild vom Osten
1. Die Auswirkungen des Ostkriegs auf das Bewusstsein der Deutschen im Ersten Weltkrieg.
2. Zusammenbruch und nationalsozialistisches Ostland
VI. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung des östlichen Kriegsschauplatzes durch deutsche Soldaten und Beamte im Ersten Weltkrieg sowie die daraus resultierenden politischen Konzepte für die besetzten Gebiete, insbesondere im Machtbereich „Ober Ost“. Die Forschungsfrage zielt dabei darauf ab, inwieweit das „Ostfronterlebnis“ und die damit verbundenen Vorstellungen von einer zivilisatorischen Mission als ideologische Vorstufe für die spätere nationalsozialistische Expansionspolitik im Osten betrachtet werden können, ohne dabei die fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden historischen Epochen zu verwischen.
I. Einleitung
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 wurde ein Alptraum zur Realität, der die deutschen Politiker und Militärs schon seit Jahrzehnten verfolgte: der Zweifrontenkrieg. Unbeeindruckt von den Dimensionen dieses verheerenden Abenteuers, schickte man in der Hoffnung auf rasche, dramatische und entscheidende Siege begeisterte Rekruten an die Front, die keine Vorstellung davon hatten, welche Hölle sie erwartete und wie sie selbst sich in ihr verändern würden.
Nach dem Scheitern des Schlieffenplans, der auf einen raschen, entscheidenden Sieg gegen Frankreich abgezielt hatte, erstarrte die Westfront in einem langen Stellungs- und Grabenkrieg mit großen Zermürbungsschlachten um kleine, unbedeutende Anhöhen, mit Gasangriffen und tagelangen Bombardements. Diese Gräuel formten ein Westfronterlebnis, das eine ganze Generation junger Deutscher beeinflusste und zu einem wirkungsvollen politischen Mythos wurde. Aus der Erfahrung der Westfront entstand der Drang nach einem neuen Heldenmodell in Gestalt der von Schriftstellern der Frontgeneration wie Ernst Jünger idealisierten Elite der Sturmtruppen. Es war der Mythos von der Geburt eines neuen Menschen „in Stahlgewittern“, eines von der technisierten Kriegführung und Materialschlachten geprägten Menschen. Dieser vom Kampf als inneres Erlebnis geformte, gestählte Westfrontsoldat erschien wie eine Antwort auf den modernen Krieg.
Im Osten wo die deutschen Armeen fern der Grenzen des Kaiserreichs operierten, war das Fronterlebnis der Soldaten ein ganz anderes. Was hier stattfand war ein Bewegungskrieg, dessen sporadische Operationen sich über einen weiten Raum erstreckten und über eine Front hinzogen, die doppelt so lang war wie die im Westen. Im Osten waren die Soldaten nicht in enge Bunker und Laufgräben gepfercht, war ihr Horizont nicht auf den von Höhlenbewohnern eingeengt. Hier wurde er durch seine endlose Weite schier unerträglich. Dieses unbekannte Land mit seinen fremd anmutenden Völkern war für die deutschen Soldaten eine neue Welt voller schwindelerregender Eindrücke und Überraschungen, die sie vieler Gewissheiten beraubte und mit beunruhigenden Fragen konfrontierte.
I. Einleitung: Beschreibt das unterschiedliche Fronterlebnis im Westen und Osten und verortet die Arbeit in der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Diskussion zum „unbekannten Krieg“ im Osten.
II. Überblick über den Kriegsverlauf an der Ostfront: Skizziert die strategische Ausgangslage, die Rolle des Schlieffenplans und die entscheidenden militärischen Operationen, wie die Schlacht bei Tannenberg.
III. Kriegsziele im Osten: Analysiert die Entwicklung deutscher Zielvorstellungen, von der Mitteleuropa-Konzeption bis zur Vorstellung eines von Deutschland beherrschten Großraums im Osten.
IV. Besatzungspolitik von Ober Ost („deutsche Arbeit“): Untersucht die Rolle der Militärverwaltung in den besetzten Gebieten, die administrativen Kontrollmethoden und die völkisch geprägte Kulturpolitik.
V. Das deutsche Bild vom Osten: Beleuchtet die Wahrnehmung des „Fremden“, insbesondere der slawischen Bevölkerung und der Ostjuden, sowie die Rolle der Propaganda und der persönlichen Fronterfahrungen.
VI. Fazit: Reflektiert die ideologischen und strukturellen Verkettungen zwischen der deutschen Ostpolitik im Ersten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus und setzt sich kritisch mit dem Kontinuitätsbegriff auseinander.
Erster Weltkrieg, Ostfront, Ober Ost, Kriegsziele, Besatzungspolitik, Ostfronterlebnis, Mitteleuropa-Konzeption, Antisemitismus, Ostjuden, Nationalsozialismus, Vernichtungskrieg, Kontinuität, Kolonisation, Hindenburg, Ludendorff.
Die Arbeit analysiert das Erleben des Krieges an der Ostfront des Ersten Weltkriegs durch deutsche Soldaten und Beamte sowie die daraus resultierende Besatzungspraxis im sogenannten „Ober Ost“-Gebiet.
Schwerpunkte sind die deutschen Kriegsziele, die Verwaltung der besetzten Gebiete, die Konstruktion von Feindbildern gegenüber der slawischen Bevölkerung und die Frage der Kontinuität zum Zweiten Weltkrieg.
Ziel ist es zu untersuchen, ob und inwiefern die Erfahrungen und Ideologien des Ersten Weltkriegs im Osten als Vorstufe oder sogar als ideologisches Fundament für die spätere NS-Expansions- und Vernichtungspolitik dienten.
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Auswertung von Primärquellen, wie Feldpostbriefen, zeitgenössischen Berichten und Verwaltungsdokumenten, und ordnet diese im Kontext der neueren mentalitätsgeschichtlichen Forschung ein.
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der „Mitteleuropa“-Konzeption, der administrativen Praxis im Militärstaat Ober Ost sowie der psychologischen und soziologischen Untersuchung der deutsch-russischen bzw. deutsch-jüdischen Begegnungen an der Front.
Zentrale Begriffe sind neben „Ostfront“ und „Ober Ost“ vor allem die Begriffe „Kontinuität“, „Ostfronterlebnis“, „deutsche Arbeit“ und die Analyse der „Fremdwahrnehmung“.
Der Begriff fungierte als ideologische Parole der Besatzungsverwaltung, um technokratische Ambitionen und den Anspruch einer zivilisatorischen Mission über die als rückständig wahrgenommenen Völker des Ostens zu legitimieren.
Der Autor argumentiert, dass es keine zwangsläufige Teleologie gibt, räumt jedoch ein, dass bestimmte Deutungsmuster und Konzepte aus der Besatzungszeit des Ersten Weltkriegs den Boden für eine spätere Radikalisierung im Nationalsozialismus bereiteten.
Im Gegensatz zur technisch geprägten, statischen Grabenfront im Westen prägten im Osten Weite, ethnische Vielfalt, Hunger, Epidemien und ein als „primitiv“ wahrgenommenes Umfeld das Erleben, was zu einer tiefen Verunsicherung führte.
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