Diplomarbeit, 2010
210 Seiten, Note: Sehr gut
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1 Sexualität
2.2 Sexualpädagogik
2.2.1 Die traditionell-repressive Sexualpädagogik
2.2.2 Die politisch-emanzipatorische Sexualpädagogik
2.2.3 Die affirmative oder vermittelnd-liberale Sexualpädagogik
2.2.4 Die individuell-emanzipatorische Sexualpädagogik
2.3 Zum Verständnis von „Behinderung“
2.3.1 Die Definition der Weltgesundheitsorganisation
2.3.2 SGB IX
2.3.3 Soziale Erklärungsansätze
2.4 Der Begriff „Geistige Behinderung“
2.4.1 Schwierigkeiten einer Begriffsdefinition
2.4.2 Fachspezifische Sichtweisen
2.5 Eigene Arbeitsdefinition
3. Identität
3.1 Begriffliche Annäherung
3.2 Identitätskonzept
3.2.1 Stigma, Stigmatisierung und Stigma-Identitätsthese
3.2.2 Identitätsmodell nach Frey
3.2.3 Bedeutung von Freys Modell für die Persönlichkeitsentwicklung
3.2.4 Entstigmatisierungstechniken und Stigmamangement
3.2.5 Zwischenfazit
3.3 Sexuelle Identität
3.3.1 Geschlechtsidentität
3.3.2 Sexuelle Orientierung
3.3.3 Zwischenfazit zur sexuellen Identität
4. Sexualität allgemein
4.1 Sexualtheorien
4.1.1 Freud
4.1.2 Kinsey
4.1.3 Focault
4.1.4 Kentler
4.2 Sexualentwicklung
4.2.1 Kindheit
4.2.2 Jugendalter
4.3 Familie als Ort der Sozialisation
4.3.1 Die Familie als ökologisches System nach Bronfenbrenner
4.3.2 Sozialisation in der Familie nach Hurrelmann
4.3.3 Sexuelle Sozialisation in der Familie
4.4 Bedeutung der Sexualität für erwachsene Menschen
4.5 Sexualität – ein Grundrecht
5. Sexualität von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
5.1 Sexualität und sogenannte geistige Behinderung nach Sporken
5.2 Unterschiede und mögliche Problematiken in der Sexualentwicklung
5.2.1 Kindheit
5.2.2 Jugendalter
5.3 Sexualität im Erwachsenenalter
5.4 Sexualassistenz und Sexualbegleitung als Möglichkeit sexuellen Erlebens
5.5 Vorurteile zur Sexualität von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
6. Synthese
7. Leitkonzepte der Rehabilitationspädagogik
7.1 Normalisierungsprinzip
7.2 Selbstbestimmung
7.3 Empowerment
8. Wohnheim und Sexualität
8.1 Exkurs I: Die Bedeutung des Wohnens für den Menschen
8.2 Gegenwärtige Wohnsituationen
8.3 Wohnformen
8.3.1 Vollstationäre Wohnformen
8.3.2 Teilstationäre Wohnformen
8.3.3 Ambulante Wohnformen
8.3.4 Zwischenfazit
8.4 Einschränkungen der Sexualität durch strukturelle Bedingungen
8.5 Studien zur Selbstbestimmung und Sexualität im Wohnheim
8.5.1 Sonnenberg (2004)
8.5.2 Walter und Hoyler-Herrmann (1987)
8.5.3 Seefeld (1997)
8.5.4 Fegert et al. (2006)
9. Zwischenfazit
10. Exkurs II: Community Living in Schweden
11. Unterstützung der Selbstbestimmung und sexualpädagogische Leitlinien
11.1 Unterstützung der Selbstbestimmung
11.2 Sexualpädagogische Leitlinien
11.2.1 Allgemeine Voraussetzungen auf der Institutionsebene
11.2.2 Grundlegender Leitgedanke
11.2.3 Verständnis von Sexualität
11.2.4 Sexualpädagogische Ziele
11.2.5 Sexualpädagogische Förderung und Begleitung
11.2.6 Gestaltung des Wohnraumes
11.2.7 Sexualpädagogisches Handeln der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
11.2.8 Elternarbeit
11.2.9 Sexualpädagogische Themenbereiche
12. Ausblick
Die Arbeit untersucht die Sexualität von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung mit einem besonderen Fokus auf die Lebenssituation in Wohnheimen. Ziel ist es, theoriegeleitet sexualpädagogische Leitlinien für das pädagogische Handeln im Wohnheim zu entwickeln, die eine selbstbestimmte Sexualität für die dort lebenden Menschen ermöglichen und unterstützen.
2.1 Sexualität
Bevor Sexualität im Zusammenhang mit sogenannter geistiger Behinderung behandelt werden kann, muss der Begriff der Sexualität näher bestimmt werden. Die aktuelle sexualwissenschaftliche und pädagogische Literatur betont, dass sich Sexualität durch ihre Vielfalt kennzeichnet (vgl. Ortland 2008, S. 16). Anders als im 19. Jahrhundert, als der Begriff erstmals im Bezug auf den Menschen angewandt wurde und sich ausschließlich auf den Koitus zum Zwecke der Fortpflanzung bezog (vgl. Raithel, Dollinger & Hörmann 2009, S. 281), ist der Begriff der „Sexualität“ in der heutigen Zeit nicht mehr derart eingegrenzt.
Sexualität kann also weitaus mehr umfassen als bloße Genitalsexualität. Entscheidend ist, was beispielsweise das Individuum, ein bestimmter Kulturkreis oder unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen als „Bedeutungskern“ für sich definieren (vgl. Sielert 2005, S. 38). Sexualität erfüllt in der Gegenwart für den Menschen also mehrere Funktionen. Aus sexualwissenschaftlichen Konzeptionen lassen sich vier Sinnkomponenten von Sexualität bestimmen, welche miteinander in Verbindung stehen und sich wechselseitig bedingen: der Identitätsaspekt, der Beziehungsaspekt, der Lustaspekt und der Fruchtbarkeitsaspekt.
Frey liefert eine Definition von Sexualität, die die Gesichtspunkte Identität, Beziehung, Lust und Fruchtbarkeit enthält: Sexualität ist eine Lebensenergie, die Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet. In unterschiedlichen Lebensphasen stehen dabei unterschiedliche Bedürfnisse und Ausdrucksweisen im Vordergrund. Geschlechtsidentität als Mädchen oder Junge, Mann oder Frau, die eigene Körperlichkeit, Kontaktund Beziehungsgestaltung (in hetero- wie in homosexuelle Beziehungen), Lusterfahrung und der Umgang mit Fruchtbarkeit sind Grundthemen. Gelebte Sexualität ist immer auch bestimmt von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der individuell erfahrenen Sozialisation und Biographie, etwa bezüglich Geschlechterrollen, Werten und Normen, oder auch dem Zugang zu Information usw. (Frey 2002, S. 103f.)
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Diskrepanz zwischen dem Recht auf Sexualität und der gesellschaftlichen Realität für Menschen mit geistiger Behinderung und leitet zum Forschungsziel der Arbeit über.
2. Begriffsdefinitionen: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Sexualität, Sexualpädagogik, Behinderung und geistige Behinderung und erläutert die gewählte Forschungsperspektive.
3. Identität: Es wird die Bedeutung der Identitätsbildung im Spannungsfeld zwischen persönlichen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Normen für Menschen mit geistiger Behinderung analysiert.
4. Sexualität allgemein: Hier werden theoretische Grundlagen der Sexualität, ihre Bedeutung für die menschliche Entwicklung und die Sozialisationsinstanz Familie beleuchtet.
5. Sexualität von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung: Dieses Kapitel analysiert spezifische Problematiken und Vorurteile, denen Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer sexuellen Entwicklung begegnen.
6. Synthese: Eine Zusammenführung der bisherigen Erkenntnisse zur Bedeutung von Sexualität für die Persönlichkeitsentwicklung.
7. Leitkonzepte der Rehabilitationspädagogik: Vorstellung der Prinzipien Normalisierung, Selbstbestimmung und Empowerment als notwendige Basis für sexualpädagogisches Handeln.
8. Wohnheim und Sexualität: Eine Analyse der Lebenssituation in Wohnheimen und wie strukturelle Bedingungen dort die sexuelle Selbstbestimmung beeinflussen können.
9. Zwischenfazit: Eine kritische Zusammenfassung der Erkenntnisse über die Einschränkungen der Sexualität in Wohnheimen.
10. Exkurs II: Community Living in Schweden: Darstellung eines alternativen Wohnkonzepts, das auf Integration und Selbstbestimmung setzt.
11. Unterstützung der Selbstbestimmung und sexualpädagogische Leitlinien: Entwicklung konkreter Handlungsempfehlungen und Leitlinien für das Fachpersonal in Wohnheimen.
12. Ausblick: Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick auf notwendige gesellschaftliche und institutionelle Veränderungsprozesse.
Sexualität, geistige Behinderung, Sexualpädagogik, Selbstbestimmung, Wohnheim, Identität, Stigmatisierung, Empowerment, Normalisierung, sexuelle Entwicklung, sexualisierte Gewalt, Inklusion, Teilhabe, Lebensqualität, Sozialisation.
Die Arbeit untersucht die Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung unter dem besonderen Aspekt ihrer Lebenssituation in Wohnheimen.
Zu den Schwerpunkten gehören das Recht auf Sexualität, die Bedeutung der Identitätsbildung, die Überwindung von Stigmatisierung, die Relevanz von Rehabilitationskonzepten und die Entwicklung sexualpädagogischer Leitlinien.
Das Ziel ist die Erstellung von sexualpädagogischen Leitlinien, um in Wohnheimen Bedingungen für eine selbstbestimmte Sexualität der Bewohnerinnen und Bewohner zu schaffen.
Die Arbeit basiert auf einer theoriegeleiteten Analyse fachwissenschaftlicher Literatur und der Auswertung empirischer Studien zur Lebenssituation von Menschen mit geistiger Behinderung.
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Begriffe, die Analyse der sexuellen Entwicklung bei Menschen mit geistiger Behinderung sowie die Untersuchung der strukturellen Bedingungen in Wohnheimen.
Wichtige Begriffe sind Sexualpädagogik, Selbstbestimmung, Empowerment, Wohnheim, geistige Behinderung, Stigmatisierung und sexuelle Selbstbestimmung.
Die Arbeit kritisiert, dass viele Wohnheime noch immer Strukturen aufweisen, die eine selbstbestimmte Lebensführung und damit auch eine freie sexuelle Entfaltung behindern.
Schweden dient als Beispiel für das „Community Living“-Modell, das zeigt, wie eine konsequente soziale Integration und die Abkehr von großen Anstalten die Lebensqualität und sexuelle Selbstbestimmung fördern kann.
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