Magisterarbeit, 2004
132 Seiten, Note: 1,5
0. Vorwort
Methodische Grundlagen (Diskurs)
1. Theoretischer Teil
1.1. Vertrauen
1.1.1. Definitionen
1.1.2. Rational Choice
1.1.3. Niklas Luhmann
1.1.4. Vertrauensdispositionen
1.1.5. Personales vs. Systemvertrauen
1.1.6. Vertrauen und Selbstdarstellung
1.2. Charisma
1.2.1. Vertrauen und Charisma
1.2.2. Herrschaftstypen
1.2.3. Charismatische Herrschaft
1.2.4. Charisma und Führung
1.3. Rhetorik
2. Empirischer Teil
2.1. Der Forschungskontext
2.2. Die Kolonialzeit
2.3. Gesellschaftliche Akteure
2.3.1. Die lokalen Eliten
2.3.2. Die Indios
2.3.3. Die Missionare
2.3.4. Die Collas
2.3.5. Die Tieflandvölker
2.3.5.1. Chimanes
2.3.5.2. Tacana
2.3.5.3. Mosetenes
2.3.5.4. Esse-Eja
3. Kommunikationsmedien und –kanäle
3.1. Kommunikationskanäle
3.1.1. Infrastruktur
3.1.2. Verkehrsmittel
3.2. Kommunikationsmedien
3.2.1. Vertikales Vertrauen
3.2.1.1. Legitimität und Legalität
3.2.1.2. Recht: Drei Fälle
3.2.2. Horizontales Vertrauen
3.2.2.1. Klatsch, Tratsch und Intrigen
3.2.2.2. Kulturelle Identität
4. Politisches Vertrauen - Analytischer Teil
4.1. Das Problem der Öffentlichkeit
4.2. Parteien
4.3. Diskurse der Eliten
4.4. Politische Reden
4.4.1. Lorgio Argandoña (NFR)
4.4.2. Antonio (MSM)
4.4.3. Doctor Miguel Ángel Chumacero (MBL)
4.4.4. José Danielo “Toyo” Negrete, (UCS)
4.4.5. Juan Carlos Haensel (ADN)
4.4.6. Chiquilín Negrete (MIR)
4.4.7. Yerco Nuñez (MNR)
4.5. Politische Agenda
4.6. Vertrauenstypen
5. Schlussbemerkung
Die Arbeit untersucht, wie in einer von historischer Marginalisierung und politischer Fragmentierung geprägten Region wie Rurrenabaque in Bolivien politische Mobilisierung gelingt oder scheitert. Das primäre Ziel ist es, durch eine Verknüpfung von Vertrauenstheorien, Charismakonzepten und Diskursanalyse die Mechanismen zu verstehen, die den Erfolg oder Misserfolg politischer Akteure in diesem spezifischen soziostrukturellen Kontext bestimmen.
3.2.2.1. Klatsch, Tratsch und Intrigen
Das Kapitel müsste eigentlich „Misstrauen“ heißen. Denn was einem Europäer schwer zugänglich und selbst für Einheimische bisweilen schwer zu durchschauen ist: dass das weitgehende Fehlen von elektronischen Medien ein ganz anderes, funktionierendes Netz von Kommunikation und Informationsaustausch am Leben erhält. Dass die Gesellschaft im tropischen Bolivien vermeintliches Fehlverhalten nicht mit Recht und Gesetz, sondern mit sozialem Druck zu sanktionieren weiß. Dass hier ein ganz eigenes Verständnis von "Wahrheit" und "Gerechtigkeit" zum Tragen kommt: Die Rede ist von Klatsch, Tratsch und Intrige, die eine zentrale Funktion in der sozialen Konfliktaustragung einnehmen.
Eine regelrechte Klatschmeile ist z.B. die Reihe eines halben Dutzends Saftmixerinnen hinter dem Eingang zur Markthalle. Wer zu den Obst- und Gemüseständen gelangen möchte, kommt praktisch nicht umhin, diesem einem Laufsteg gleichende Nadelöhr zu passieren. Wer diese Bühne betritt, wird beobachtet, angemacht und mit Kommentaren bedacht.
Vor der zwölf Meter langen Theke sitzt das Publikum auf Barhockern. Es buht, applaudiert und buhlt dabei noch selbst um Aufmerksamkeit. Ein paar sind mit sich selbst beschäftigt und schütten der Bardame ihres Herzens dasselbe aus, während sich vor ihrer Nase Eifersuchtsszenen abspielen, Liebesschwüre und Schlägereien. Nicht umsonst nutzen Elena und Ademar Ende November, als der Dorfklatsch über deren doppelten Seitensprung (ein verheirateter Ehemann auf Abwegen, den sie mit einem Gringo betrügt) und das von Ademar ihr und mir gegenüber provozierte Bedrohungsszenarium Überhand zu nehmen drohen, eben diesen Ort zu einem theatralischen gegenseitigen Liebesschwur. Drei Wochen später macht sich Elena auf und davon. Die Frauen hinter der Theke klatschen mit jedem über jeden, spinnen untereinander Intrigen und wissen über alles, was im Dorf geschieht, als erste Bescheid.
1. Theoretischer Teil: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Arbeit, insbesondere die soziologischen Konzepte von Vertrauen, Charisma und Rhetorik.
2. Empirischer Teil: Hier wird das Forschungsgebiet Rurrenabaque historisch und sozial strukturiert, wobei die verschiedenen ethnischen Akteure und deren Interessen analysiert werden.
3. Kommunikationsmedien und –kanäle: Untersuchung der infrastrukturellen und medialen Voraussetzungen für politische Kommunikation und Vertrauensbildung in der Region.
4. Politisches Vertrauen - Analytischer Teil: Analyse des Kommunalwahlkampfes 1999, wobei politische Reden und die dort eingesetzten rhetorischen Mittel hinsichtlich ihrer Wirksamkeit geprüft werden.
Vertrauen, Charisma, Rhetorik, Rurrenabaque, Bolivien, Kommunalwahlkampf, Politische Mobilisierung, Klatsch, Soziale Identität, Machtstrukturen, Diskursanalyse, Patron-Klient-Beziehungen.
Die Arbeit untersucht das Zustandekommen von politischem Vertrauen in einer stark fragmentierten und strukturell peripheren bolivianischen Gesellschaft, speziell am Beispiel eines Kommunalwahlkampfes.
Die Arbeit verknüpft ethnologische Feldforschung mit theoretischen Ansätzen zu Vertrauen, Charisma und politischer Rhetorik.
Es soll erklärt werden, warum in einer Gesellschaft, die formale demokratische Institutionen besitzt, die politische Mobilisierung dennoch primär über informelle Vertrauensnetzwerke und charismatische Führung erfolgt.
Der Autor nutzt einen ethnologischen Ansatz, insbesondere teilnehmende Beobachtung und eine tiefgehende Diskursanalyse der politischen Kommunikation der Akteure vor Ort.
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine historische und soziologische Kontextualisierung der Akteure in Rurrenabaque sowie eine konkrete Analyse der Wahlkampfkommunikation der verschiedenen politischen Parteien.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Vertrauen, Charisma, Rhetorik, Rurrenabaque, klientelistische Strukturen und ethnische Identitätsbildung charakterisiert.
Die mangelnde Infrastruktur und die geographische Isolation erzwingen informelle Kommunikationswege, weshalb Klatsch und persönliche Netzwerke eine zentrale Rolle bei der Meinungsbildung einnehmen.
Charisma wird als eine performative Strategie verstanden, die in einem Umfeld mangelnden Systemvertrauens notwendig ist, um Anhängerschaft zu gewinnen und als legitimer Anführer wahrgenommen zu werden.
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