Bachelorarbeit, 2015
37 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
2. Begriffsspezifikationen
2.1 Zum Begriff der Absurdität
2.2 Charakteristiken des Absurden Theaters
3. Historische Hintergründe
3.1 Wegbereiter
4. Die Entwicklung des Absurden Theaters ab den 1950er Jahren
4.1 Samuel Beckett (1906–1989)
4.2 Eugène Ionescu (1909–1994)
5. Historische Hintergründe in Bulgarien ab den 1950ern
6. Wichtige bulgarische Dramaturgen des Absurden Theaters
6.1 Stanislav Stratiev (1941–2000)
6.1.1 Das römische Bad / Римска баня (1974)
6.1.2 Sakko aus Velour / Сако от велур (1976)
6.1.3 Der Bus / Рейс (1980)
6.2 Ivan Radoev (1927–1994)
6.2.1 Die Menschenfresserin / Човекоядката (1976)
6.3 Jordan Radičkov (1929–2014)
7. Kritik und Rezeption
Exkurs: Mehrdeutigkeit und Humor in der Übersetzung
8. Zusammenfassung bzw. Conclusio
Die vorliegende Arbeit untersucht das Theater des Absurden und dessen Ausformung in der bulgarischen Dramatik des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die spezifischen Merkmale dieses experimentellen Genres herauszuarbeiten und zu analysieren, wie bulgarische Autoren gesellschaftspolitische Missstände durch absurde Szenarien und satirische Elemente kritisch reflektierten.
6.1.2 Sakko aus Velour / Сако от велур (1976)
In Stratievs Drama Sakko aus Velour kauft sich Ivan Antonov, ein idealistischer Intellektueller, ein Ledersakko. Die Jacke ist allerdings mangelhaft, am Leder sind noch einige Haarbüschel vorhanden, weshalb er beschließt, dem Sakko einen Haarschnitt zu verpassen. Ein Schafscherer – der einzige, der dazu bereit ist das Sakko zu reparieren und auch das nötige Werkzeug dazu besitzt – muss diese Arbeit aus steuerlichen Gründen als Scheren eines privaten Schafes deklarieren, womit das Sakko laut staatlichem Verzeichnis zum Schaf mutiert und eine bürokratische Flut losgetreten wird. Selbstverständlich wird auch Antonov von ihr mitgerissen: Im Amtsbuch wird das Jackett als sein Haustier registriert, als seine Behausung die Badewanne vermerkt. Der absurden Logik folgend muss er nun für die Haltung des Sakkos auch Steuern zahlen. Nach seinem Gang durch das Inferno der Steuerbehörden, durch das „höllische Labyrinth aus bürokratischer Gleichgültigkeit und dem Mangel an klarem Menschverstand“, resigniert er am Ende des Stückes und legt das Sakko zum Grasen in den Park (vgl. Sakko aus Velour auf http://www.stanislavstratiev.org).
Diese ungewöhnliche Situation, in der Menschliches durch Akten, Ziffern und administrativen Stumpfsinn ersetzt wird, sowie Stratievs Schilderung der bürokratischen Maschinerie eines überbordenden Staatsapparates mit der damit einhergehenden Übersättigung an absurden Szenen erinnert an Franz Kafkas Der Prozess. In beiden Fällen sieht sich der kleine Mann ohnmächtig mit der Verwaltung eines übermächtigen Staats konfrontiert, ohne Aussicht darauf, sich verteidigen, geschweige denn seine Seite der Geschichte überhaupt vorbringen zu können. Stratievs Drama besticht jedoch durch die Leichtigkeit und Ironie seiner Sprache, auch das Ende des Dramas ist humorvoll: Antonov bezahlt die Steuern und lässt sein „Schaf“ jeden Tag in der Wiese vor der Universität grasen. Indem er sich den Absurditäten fügt, verhöhnt er gleichzeitig die bizarre Starrheit des Staatsapparates. Stratievs Drama ist in seiner Satire eine reale Kritik an der herrschenden Ordnung, in der der Staat dem kleinen Mann kein Gehör schenkt.
1. Einleitung: Die Arbeit führt in den Begriff des Absurden ein und benennt die zu untersuchenden bulgarischen Dramaturgen sowie deren Werke im Kontext der literarischen Avantgarde.
2. Begriffsspezifikationen: Dieses Kapitel definiert das Absurde Theater, unter anderem durch Anlehnung an Martin Esslin und Eugène Ionesco, und grenzt es vom existenzialistischen Drama ab.
3. Historische Hintergründe: Hier werden die Vorläufer des Genres, wie etwa Alfred Jarry und Antonin Artaud, beleuchtet, die den Weg für die Absurdität im Theater ebneten.
4. Die Entwicklung des Absurden Theaters ab den 1950er Jahren: Ein Überblick über die Entstehung des Antitheaters in Paris und die Bedeutung von Schlüsselfiguren wie Samuel Beckett und Eugène Ionesco.
5. Historische Hintergründe in Bulgarien ab den 1950ern: Dieses Kapitel analysiert das Spannungsfeld zwischen der sozialistischen Utopie und der künstlerischen Freiheit unter staatlichem Druck.
6. Wichtige bulgarische Dramaturgen des Absurden Theaters: Der Hauptteil, der sich den Werken von Stanislav Stratiev, Ivan Radoev und Jordan Radičkov widmet und deren Umgang mit Zensur und Gesellschaftskritik analysiert.
7. Kritik und Rezeption: Eine Untersuchung der Schwierigkeiten, auf die das Absurde Theater in der bulgarischen Literaturkritik stieß, sowie der politischen Vorbehalte jener Zeit.
8. Zusammenfassung bzw. Conclusio: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters und die wechselseitige Beziehung zwischen persönlicher Erfahrung und künstlerischer Reflexion.
Theater des Absurden, bulgarische Dramatik, Stanislav Stratiev, Ivan Radoev, Jordan Radičkov, Gesellschaftskritik, Satire, Sozialismus, Antitheater, Avantgarde, Martin Esslin, Antonin Artaud, Literaturrezeption, Absurdität
Die Arbeit untersucht das Genre des Absurden Theaters und wie sich dieses in Bulgarien entwickelte, um gesellschaftspolitische Zustände unter dem sozialistischen Regime durch satirische und experimentelle Formen zu kritisieren.
Zentrale Themen sind die menschliche Ohnmacht gegenüber bürokratischen Apparaten, der Verlust der zwischenmenschlichen Kommunikation, die Rolle des Intellektuellen im totalitären System und der kreative Umgang mit Zensur durch "äsopische Sprache".
Das Ziel ist die Aufarbeitung und Analyse der bulgarischen Ausformung des Absurden Theaters, um zu verdeutlichen, wie dieses literarische Modell allgemeingültige menschliche Krisen in einer spezifischen politischen Umgebung reflektiert.
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärquellen (Dramen) und vergleicht diese mit theoretischen Grundlagen der Absurden Literatur, ergänzt durch historische und biografische Kontextualisierungen.
Der Hauptteil widmet sich intensiv drei bulgarischen Autoren: Stanislav Stratiev (mit Fokus auf "Das römische Bad", "Sakko aus Velour" und "Der Bus"), Ivan Radoev ("Die Menschenfresserin") und Jordan Radičkov ("Sumatoha").
Die zentralen Begriffe sind Absurdes Theater, bulgarische Dramatik, Satire, Gesellschaftskritik und die Korrelation zwischen individueller Freiheit und staatlicher Kontrolle.
Während beide Stücke einen abgeschlossenen Raum als Mikrokosmos der Gesellschaft nutzen, ist Radoevs Sprachstil in der Kritik an der Elite eleganter und philosophischer angelegt, während Dürrenmatt auf einen stärkeren sarkastischen Ausdruck setzt.
Die Analogie liegt in der kafkaesken Schilderung eines kleinen Mannes, der in eine bürokratische Maschinerie gerät, aus der er sich nicht befreien kann, wobei Stratiev durch Humor und Ironie eine reale Gesellschaftskritik übt.
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