Magisterarbeit, 2003
85 Seiten, Note: 1,0
VORWORT
1. EINLEITENDER TEIL
1.1. VORBEMERKUNG: ZUR INTENTION UND INDUKTION DIESER ARBEIT
1.2. BEGRIFFLICHE SCHWIERIGKEITEN
2. MALINCHEDARSTELLUNGEN
2.1. QUELLEN
2.1.1. Augenzeugenberichte
2.1.2. Malinche aus indianischer Sicht
2.1.3. Darstellungen der Missionare
2.1.4. Malinche in der Betrachtung Spaniens
2.2. MALINCHE IN DER AKTUELLEN DISKUSSION
3. KURZBIOGRAPHIE
3.1. BEVOR CORTÉS KAM
3.2. DER WEG NACH MEXIKO
3.2.1. Malinche wird Marina
3.2.2. Übersetzerin
3.2.3. Cholua
3.2.4. Cortés und Malinche
3.2.5. Mutter der Mestizen
3.3. EXPEDITION NACH HONDURAS
3.3.1. Marinas Eheschließung
3.3.1. Malinche trifft ihre Mutter
3.4. MALINCHES TOD
4. „LA LENGUA“
4.1. MALINCHE IN DER KOLONIALEN DARSTELLUNG
4.2. MALINCHE – VERMITTLERIN ZWISCHEN ZWEI KULTUREN?
5. KOLONIALE LIEBESGESCHICHTEN
5.1. ROMANTISIERUNG DES MALINCHEBILDES
5.2. DAS BILD DER CONQUISTA UND DES INDIANERS IM JAHRHUNDERT DER AUFKLÄRUNG
5.3. ALLGEMEINE VERBREITUNG DER KOLONIALEN LIEBESGESCHICHTE
5.3.1. Exkurs: Pornographie
5.4. FRAUEN IN DER CONQUISTA
5.5. WEIBLICHE RÄUME
5.6. MALINCHE – GELIEBTE DES CORTES?
6. VERRÄTERIN IHRES VOLKES
6.1. NEGATIVE WENDE DES MALINCHEBILDES
6.2. NATIONALER MYTHOS DER VERRÄTERIN
6.3. MALINCHE – EIN SCHIMPFWORT
6.4. ERKLÄRUNGSMOTIVE
6.5. ÜBERZEUGTE ODER SKLAVIN?
6.6. MALINCHE – VERRÄTERIN IHRES VOLKES?
7. DIE ERFINDUNG DER MALINCHE
7.1. MUTTER DER MESTIZEN
7.1.1. Jungfrau von Guadalupe
7.1.2. La Chingada
7.2. DER FLUCH IST WEIBLICH: DER KOLONIALE BLICK UND SEINE WEIBLICHKEITSVORSTELLUNGEN
7.3. INDIGENISMO UND EUROZENTRISMUS: DER INDIANER IN DEN VORSTELLUNGEN EUROPAS
7.4. WIRKLICHKEIT UND MYTHOS
8. ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNG
Die Arbeit untersucht die historische Figur der Malinche als zentrales Symbol für die Konstruktion kollektiver Erinnerungen und gesellschaftlicher Identität in Mexiko. Ziel ist es zu analysieren, wie Malinche über Jahrhunderte hinweg zu verschiedenen „Malinchebildern“ (z.B. Vermittlerin, Geliebte, Verräterin, Mutter der Mestizen) stilisiert wurde, die weniger die historische Realität, sondern vielmehr den jeweiligen Zeitgeist und politische Interessen widerspiegeln.
3.2.2. Übersetzerin
Bereits 1519, im selben Jahr, in dem Malinche zu den Spaniern kommt, bemerkt man, daß sie neben der Sprache der Maya auch die der Azteken beherrscht. Bei San Juan de Ulua nähern sich Cortés´ Schiffen zwei große Kanus mit mehreren Indianern, die eine Sprache sprechen, die Aguilar nicht verstehen kann. Nach Verlassen des Maya-Gebiets wird er alleine nutzlos: „Todo esto se habá hecho sin lengua [...] porque Jéronimo de Aguilar no entendía a estos indios.“ Aber, so Bernal Díaz: „Donna Marina verstand ihre Sprache und brachte sie zu Cortés“. Ab diesem Zeitpunkt wird Malinche mit der Aufgabe der Übersetzung betraut.
Zunächst handelt es sich um eine „doppelte Vermittlung“. Cortés richtet sich in spanischer Sprache an Aguilar, der übersetzt für Malinche in die Sprache der Maya. Schließlich übersetzt Malinche ins Nahuatl. Über den „Umweg“ Aguilar gelangen Malinches Übersetzungen letztendlich wieder zu Cortés. Gemäß Bernal Díaz soll Malinche sehr schnell Spanisch gelernt haben. Als alleinige Übersetzerin taucht Malinche zum ersten Mal bei der Expedition nach Honduras auf.
Malinche wird von der Autorin Margo Glanz als la lengua bezeichnetet. La lengua ist ein Synonym für Dolmetscher/in. Im Wörterbuch der spanische Sprache findet sich folgende Definition: „el intérprete que declara una lengua con otra, interviniendo entre dos de diferentes lenguajes.“ Eine lengua muß „vermitteln“ und eine „Sprache durch eine andere ausdrücken können“.
Es muß sich also jemand finden lassen, der die Fähigkeit einer lengua besitzt und gleichzeitig loyal ist. Die Spanier suchen sich vom Beginn der Eroberung an lenguas. Abgesehen von Malinche und einer Indianerin aus Jamaika sind diese beinahe ausnahmslos männlich. Da die Übersetzer meist nicht freiwillig den Spaniern zur Verfügung stehen wollen und als Kriegsgefangene gezwungen werden müssen, ergibt sich für die Spanier immer das Problem, daß sie ihren Dolmetschern nicht trauen können.
1. EINLEITENDER TEIL: Diese Einleitung legt die Intention dar, das Malinchebild als historisches Konstrukt zu entlarven, und erörtert die methodischen Schwierigkeiten der Quellenlage.
2. MALINCHEDARSTELLUNGEN: Es werden die verschiedenen Quellengattungen analysiert, wobei die „Wahrhafte Geschichte“ von Bernal Díaz als maßgebliches Werk für die spätere Rezeption hervorgehoben wird.
3. KURZBIOGRAPHIE: Dieser Teil fasst den spärlichen Wissensstand zur frühen Lebensgeschichte Malinches zusammen, von ihrer Herkunft über die Rolle als Übersetzerin bis zu ihrem Tod.
4. „LA LENGUA“: Die Analyse konzentriert sich auf die Funktion Malinches als sprachliche und kulturelle Vermittlerin während der Conquista.
5. KOLONIALE LIEBESGESCHICHTEN: Es wird kritisch hinterfragt, wie das Bild der Liebesgeschichte zwischen Malinche und Cortés als literarischer Topos zur Legitimierung kolonialer Machtinteressen instrumentalisiert wurde.
6. VERRÄTERIN IHRES VOLKES: Das Kapitel beleuchtet den Wandel des Malinchebildes im 19. und 20. Jahrhundert, in dem sie zum Symbol für den Verrat an der indigenen Identität Mexikos umgedeutet wird.
7. DIE ERFINDUNG DER MALINCHE: Zusammenfassend wird Malinche hier als „Erfindung“ begriffen, die in verschiedenen nationalen und kulturellen Mythen (wie „La Chingada“) als Projektionsfläche dient.
8. ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNG: Eine Synthese, die betont, dass Malinche zu einem kognitiven Konstrukt geworden ist, hinter dem die historische Realität nahezu verschwunden ist.
Malinche, Conquista, Geschichte, Historischer Relativismus, Kolonialismus, Identität, Verrat, La Chingada, Dolmetscherin, Mythos, Mestizen, Indigenismo, Mexiko, Erinnerungskultur, Geschichtspsychologie.
Die Arbeit beschäftigt sich mit der historischen Figur der Malinche und ihrer literarischen sowie politischen Rezeption. Es geht nicht um die Rekonstruktion ihrer „biografischen Wahrheit“, sondern um die Entschlüsselung der „Malinchebilder“ als gesellschaftliche und politische Konstrukte.
Die Arbeit fokussiert sich auf die Rolle der Malinche als Dolmetscherin, die Legendenbildung um eine Liebesbeziehung zu Cortés sowie die spätere Stilisierung zur Verräterin des mexikanischen Volkes und Mutter der Mestizen.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die unterschiedlichen Bilder der Malinche dem jeweiligen Zeitgeist entstammen und die reale historische Figur hinter diesen Mythen weitgehend verborgen bleibt.
Die Autorin nutzt eine historiographische Analyse, die Quellenkritik mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen verbindet. Dabei wird der historische Relativismus als Postulat verwendet, um die Einflüsse von Identitätssuche und Zeitgeist auf die Geschichtsschreibung zu dekonstruieren.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Quellenlage, die Biografie, die Rolle als „la lengua“, die Entstehung des romantischen Mythos der „Geliebten“, die politische Instrumentalisierung als „Verräterin“ und die abschließende Einordnung in Mythen wie die Jungfrau von Guadalupe und La Chingada.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Malinche, Conquista, kollektive Erinnerung, historischer Relativismus, Identitätsstiftung, Mythos und postkoloniale Kritik charakterisiert.
Der Begriff, maßgeblich durch Octavio Paz geprägt, dient in der Arbeit als Beispiel für die Projektion eines nationalen Traumas auf die Mutterfigur Malinche, die dadurch gleichzeitig zur Hurenmutter und zur versinnbildlichten Heimat degradierte.
Die Autorin argumentiert, dass keine zeitgenössischen Quellen eine solche emotionale Bindung belegen. Die Erzählung entstand erst im 18. und 19. Jahrhundert als literarisches Motiv, um die gewaltsame Eroberung in eine moralisch legitimierbare „kulturelle Verbindung“ umzudeuten.
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