Masterarbeit, 2015
117 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Theoretische Vorüberlegungen
2.1 Unser Körper: vom Haben und Sein
2.2 Unsere Haut: Schutz und Schau
2.3 Unsere Tätowierung: Arbeit an der Grenze
3 Historische Kontextualisierung: Die Tätowierung vom Kulturkontakt über den Jahrmarkt zur Massenkompatibilität
3.1 Malen, stechen, ritzen: Die Tätowierung in den Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts
3.2 The Tattooing Trade: Auf den Zirkusbühnen dieser Welt
3.3 Tattoo 2.0: Die Tätowierung in Zeiten digitaler Medien
4 Praktische Vorgehensweise
4.1 Ein poststrukturalistisches Erbe
4.2 Möglichkeiten einer kritischen Sozialforschung
5 Individualität per Nadelstich? Die Tätowierung zwischen Einzigartigkeit und Einschreibung des Anderen
5.1 Von der Gemeinschaft zur Gesellschaft
5.2 Der Unterschied macht‘s
5.2.1 Schmerz
5.2.2 Hauptsache anders
5.3 Die Einschreibung des Anderen
5.4 Individualität? Zurück auf Anfang!
6 Was bedeutet schon für immer? Die Tätowierung zwischen Kontinuität und Vergänglichkeit
6.1 Gestern
6.1.1Von der Erinnerung zum Gedächtnis
6.1.2 Auf der Suche nach Ursprünglichkeit
6.2 Heute
6.2.1 Weil das durft‘ ich mir auch anhören: das wär doch ä Nazi-Tattoo
6.2.2 Entschleunigung ist Haut-Sache, oder: Die Angst keine Zeit zu haben
6.3 Morgen
6.3.1 They are just a reminder of a part of my life I left behind
6.3.2 Cover Up – Zwischen Bewahren und Löschen
6.4 Für immer?
7 Wenn man’s Original kennt, dann is’ es ‘ne Katastrophe – Die Tätowierung zwischen Authentizität und Reproduktion
7.1 Tradition – not Trend?
7.2 Die weitere Form des Ich-selber-sein-könnens
7.2.1 Auf das Bild folgt das Bild folgt das Bild
7.2.2 Das Projekt Schönheit
7.2.3 Aufruhr in der Zwischenwelt
7.3 Die Macht der Illusion
8 Abschlussbetrachtung und kritische Reflexion
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Tätowierung als eine komplexe "Zwischenwelt", die einerseits als individueller Rückzugsort zur Selbstvergewisserung dient, andererseits tief in gesellschaftliche Machtstrukturen, Diskurszwänge und ökonomische Reproduktionsmechanismen eingebettet ist. Die Forschungsfrage widmet sich der Ambivalenz zwischen dem sehnsüchtigen Streben nach authentischer Einzigartigkeit und der gleichzeitigen Unterwerfung unter sozio-kulturelle Normen und Marktzwänge.
Die Tätowierung: Arbeit an der Grenze
Bei der Tätowierung handelt es sich – so zumindest an dieser Stelle der Ausgangspunkt – um eine dauerhafte Markierung, bei der Farbpigmente mittels einer Nadel in die zweite Schicht unserer Haut (Dermis), als unserer optischen und ästhetischen Körpergrenze eingetragen werden. Dass wir bei diesem Prozess vor allem im wissenschaftlichen Diskurs häufig von Einschreibung sprechen, ist aus etymologischer Sicht nicht allzu weit hergeholt: Der Begriff schreiben wurzelt in dem mittelhochdeutschen schrīben, dem althochdeutsch scrīban und dem lateinischen scribere, was ursprünglich mit dem Griffel einritzen bedeutet. Im Altnordischen Wörterbuch (wobei das Altnordische heute nur sehr leicht vom modernen Isländisch und Faröerisch abweicht) lautet die Übersetzung für schreiben ríta, herzuleiten vom Germanischen hrítan, mit der Aussage (zer)reißen, einschneiden, einritzen. Hier liegt demnach auch die englische Sonderentwicklung to write beheimatet, deren ursprüngliche Verwendung im „fachwerkbau [gesucht wird]: das ritzen in die lehmwand um dadurch einen farbgegensatz zum schmuck hervorzubringen [!]“ (Vries 1961: 448). Über die Schriftmetapher leitet auch Aleida Assmann zu den Medien des Gedächtnisses und seiner Bildhaftigkeit über: „Vom einritzenden Schreiben ist es nur ein Schritt zum Siegel, der Metapher, die Aristoteles für das Gedächtnis einsetzt“ (Assmann 2009: 152).
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Tätowierung als "Zwischenwelt" ein und formuliert das Ziel der Arbeit, diese als Ort für Identitätsarbeit zwischen Selbstvergewisserung und gesellschaftlicher Normierung zu analysieren.
2 Theoretische Vorüberlegungen: Dieses Kapitel verortet den Körper und die Haut als Grenze und Projektionsfläche im Diskurs der poststrukturalistischen Sozialforschung.
3 Historische Kontextualisierung: Die Tätowierung vom Kulturkontakt über den Jahrmarkt zur Massenkompatibilität: Der historische Überblick rekonstruiert die Wandlung des Hautstichs von der polynesischen Tradition bis hin zur heutigen, durch Massenmedien und Kommerzialisierung geprägten Tattoo-Industrie.
4 Praktische Vorgehensweise: Die methodische Strategie wird dargelegt, wobei ein Fokus auf die ethnographische Untersuchung und das Konzept des "Close Readings" bei der Interpretation des empirischen Datenmaterials liegt.
5 Individualität per Nadelstich? Die Tätowierung zwischen Einzigartigkeit und Einschreibung des Anderen: Hier wird kritisch untersucht, inwieweit das Bedürfnis nach Einzigartigkeit innerhalb der heutigen "Tattoo-Gesellschaft" lediglich ein Produkt sozio-ökonomischer Zwänge und Machtverhältnisse ist.
6 Was bedeutet schon für immer? Die Tätowierung zwischen Kontinuität und Vergänglichkeit: Das Kapitel analysiert die Zeitlichkeit von Tätowierungen und ihre Funktion als kompensatorische Strategie gegen die Flüchtigkeit einer beschleunigten Gegenwart.
7 Wenn man’s Original kennt, dann is’ es ‘ne Katastrophe – Die Tätowierung zwischen Authentizität und Reproduktion: Die abschließende theoretische Analyse hinterfragt den Authentizitätsanspruch von Tattoos angesichts der industriellen Reproduzierbarkeit und des globalen Trends zu standardisierten Motiven.
8 Abschlussbetrachtung und kritische Reflexion: Das Fazit fasst die Ambivalenzen zusammen und plädiert für einen kritischen, selbstreflexiven Umgang mit der Hautmarkierung als Mittel zur Infragestellung gesellschaftlicher Dogmen.
Tätowierung, Hautmarkierung, Identität, Körpergedächtnis, Individualisierung, Konsumgesellschaft, Authentizität, soziale Einschreibung, Grenzraum, Machtstrukturen, Tattoo-Gesellschaft, Zwischenwelt, Schmerz, Reproduktion, Körper-Selbst
Die Arbeit analysiert die Tätowierung als ein Phänomen an der Grenze zwischen individueller Identitätsstiftung und gesellschaftlicher Fremdbestimmung.
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Tätowierens, die soziologische Bedeutung des Körpers und der Haut sowie die Rolle von Authentizität und Kommerzialisierung im heutigen "Tattoo-Boom".
Ziel ist es zu ergründen, inwiefern Tätowierte ihre Hautmarkierung zur Selbstvergewisserung nutzen, während sie sich gleichzeitig in einem Netz aus sozialen Normen und ökonomischen Zwängen bewegen.
Die Autorin nutzt Ansätze der kritischen Sozialforschung und poststrukturalistische Konzepte (u.a. Foucault, Butler, Baudrillard), ergänzt durch eigene ethnographische Interviews und teilnehmende Beobachtungen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Individualitätskonstruktion, Zeitlichkeit und dem Spannungsfeld zwischen Authentizität und Reproduktion.
Begriffe wie "Zwischenwelt", "Körper-Selbst", "Tattoo-Gesellschaft", "Macht und Gegenmacht" sowie "Authentizitäts-Krise" stehen im Zentrum der Argumentation.
Der Schmerz dient als schwellenbildendes Element, das die "vorerst kognitive Entscheidung" zur Tätowierung körperlich erfahrbar und damit in der Identität des Trägers dauerhaft verankert.
Das Cover Up wird als Versinnbildlichung einer "Selbst-Diktatur" gedeutet, bei der Macht durch erneute Macht überschrieben wird, ohne dass sich das Individuum tatsächlich aus den zugrundeliegenden sozialen Verstrickungen lösen kann.
Das Internet wird als "dritter Raum" gesehen, der neue Konventionen und Machtstrukturen schafft und zur Beschleunigung von Trends und einer "Endlosschleife" der Bilder-Reproduktion beiträgt.
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