Bachelorarbeit, 2014
47 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Die Theorie des (Neo-)Realismus und das Konzept der Hegemonie
2.1 Realismus und Neorealismus
2.2 Hegemonie
2.3 Begründung des (neo-)realistischen Theorieansatzes
2.4 Notwendige Modifizierung der (neo-)realistischen Theorie vor dem Hintergrund der europäischen Integrationsgeschichte
3 Der wohlwollende Hegemon, oder: Worin liegt das mediale Bild einer deutschen Hegemonie begründet?
3.1 Deutschlands materielle Machtressourcen
3.2 Deutschlands immaterielle Machtressourcen
3.3 Deutschlands Rolle in Europa
4 Restriktionen einer deutschen Hegemonie
4.1 Institutionelle Restriktionen: Die konsensdemokratischen politischen Systeme Deutschlands und der Europäischen Union
4.2 Mentale Restriktionen: Die deutsche politische Kultur
4.3 Integrationstheoretische Restriktionen: Die Einbindung Deutschlands, insbesondere durch die bilateralen Beziehungen mit Frankreich
5 Entscheidungen und Reformen im Management der europäischen Finanzkrise
5.1 Aufbau und Fallauswahl
5.2 Durchsetzung deutscher Positionen
5.2.1 Der Fiskalpakt
5.2.2 Verstärkte finanz- und wirtschaftspolitische Steuerung der Eurozone
5.2.3 Abwehr von Eurobonds
5.3 Konzessionen der Bundesregierung
5.3.1 Bilaterale Rettungspakete und dauerhafter Krisenfonds
5.3.2 Reform der Governance-Strukturen der Eurozone
5.3.3 Rolle der Europäischen Zentralbank
6 Schlussbetrachtung und Fazit
Diese Bachelorarbeit untersucht die Rolle Deutschlands im Management der europäischen Finanzkrise, insbesondere unter der Fragestellung, inwiefern Deutschland eine hegemoniale Führungsrolle ausübte oder ob es sich um eine Form "kooperativer Hegemonie" handelte, die durch institutionelle und innenpolitische Restriktionen begrenzt war.
3.1 Deutschlands materielle Machtressourcen
Um Aussagen über die relative deutsche Machtposition in EU und WWU im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten zu treffen, sind zunächst relevante von irrelevanten materiellen Machtressourcen abzugrenzen. Als relevant werden im Folgenden demographische, territoriale, finanz- und wirtschaftspolitische Ressourcen angesehen. Nicht im Fokus stehen hingegen militärische Ressourcen sowie bestimmte institutionelle und diplomatische Ressourcen wie ein ständiger Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, da diese keinen Einfluss auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand haben. Spätestens seit der Wiedervereinigung gilt Deutschland aufgrund seiner territorialen Größe, seiner Bevölkerungsstärke und seiner geographischen Lage in der Mitte Europas als „Zentralmacht“, die gewissermaßen „zur Großmacht verdammt“ ist (Schwarz 1994, S. 8). Deutschland ist, obwohl es – im Gegensatz zu Frankreich – niemals explizit eine repräsentative Führungsrolle in Europa beansprucht hat (Markovits u. Reich 1992, S. 44), für viele Autoren faktisch zur europäischen Führungsmacht geworden, weshalb diese von einem Hegemon wider Willen sprechen (Kornelius 2010; Schönberger 2012; Bulmer u. Paterson 2013; Bulmer 2013). Die folgenden materiellen Machtressourcen verdeutlichen die relative deutsche Machtposition in Europa:
Mit gut 80 Millionen Einwohnern oder knapp 16 Prozent der Gesamtbevölkerung der 28 EU-Staaten ist Deutschland das bevölkerungsreichste Land der EU; innerhalb der Eurozone beträgt der deutsche Anteil gar gut 24 Prozent. Seit dem Vertrag von Lissabon verfügt es mit 96 Abgeordneten über die meisten Abgeordneten im Europäischen Parlament und hat im Ministerrat (ebenso wie Frankreich, Großbritannien und Italien) 29 Stimmen. Dank seiner territorialen Größe und seiner geographischen Lage in der Mitte Europas grenzt Deutschland an neun und damit an mehr Nachbarstaaten als jeder andere europäische Staat, was dem auf Exporte ausgerichteten Land einen relativen Standortvorteil verschafft. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2.736 Milliarden Euro (entspricht 21 Prozent des BIP der EU-28 und 29 Prozent der Eurozone) und einem Aushandelsbilanzüberschuss von 198 Milliarden Euro verfügt Deutschland über das größte wirtschaftliche Potential in der EU (Statistisches Bundesamt 2014). Ein weiterer Indikator für die Finanzstärke Deutschlands sind seine jährlichen Beitragszahlungen zum EU-Haushalt: 2012 standen Beiträgen in Höhe von 22,8 Milliarden Euro Bezüge in Höhe von 10,8 Milliarden Euro gegenüber, was einem negativen Haushaltssaldo von 12 Milliarden Euro entspricht (bpb 2014). Hans Kundnani (2011, S. 32) charakterisierte Deutschland daher als eine „geo-ökonomische Macht“, eine nach seiner Auffassung „neue Form der Macht in den internationalen Beziehungen“.
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die mediale Wahrnehmung Deutschlands als "Hegemon wider Willen" und skizziert die methodische Vorgehensweise sowie die Forschungsziele der Arbeit.
2 Die Theorie des (Neo-)Realismus und das Konzept der Hegemonie: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, indem es realistische und neorealistische Theorien auf das Hegemoniekonzept anwendet und für den europäischen Integrationskontext modifiziert.
3 Der wohlwollende Hegemon, oder: Worin liegt das mediale Bild einer deutschen Hegemonie begründet?: Hier werden die materiellen und immateriellen Machtressourcen Deutschlands analysiert, um die faktische Machtposition innerhalb Europas zu bestimmen.
4 Restriktionen einer deutschen Hegemonie: Das Kapitel arbeitet institutionelle, mentale und integrationstheoretische Barrieren heraus, die einer uneingeschränkten Ausübung deutscher Hegemonie entgegenstehen.
5 Entscheidungen und Reformen im Management der europäischen Finanzkrise: Der Hauptteil untersucht konkrete politische Entscheidungen, die Durchsetzung deutscher Positionen sowie notwendige Konzessionen der Bundesregierung in der Krisenpolitik.
6 Schlussbetrachtung und Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Deutschland zwar als mächtiger Akteur agiert, aber aufgrund struktureller Restriktionen keinen klassischen Hegemon im Sinne der Stabilitätstheorie darstellt.
Deutschland, europäische Finanzkrise, Hegemonie, Neorealismus, kooperative Hegemonie, Fiskalpakt, Eurozone, Machtressourcen, EZB, Krisenmanagement, Integration, Stabilitätskultur, Eurobonds, EU, Governance.
Die Arbeit analysiert die Rolle Deutschlands während der europäischen Finanzkrise und prüft, ob Deutschland als Hegemon agiert hat oder durch diverse politische Faktoren in seiner Führungsposition gehemmt wurde.
Die Schwerpunkte liegen auf der (neo-)realistischen Theorie der Hegemonie, der Identifikation von Deutschlands Machtressourcen sowie der empirischen Untersuchung von Reformen und politischen Entscheidungen im Krisenmanagement der Eurozone.
Die zentrale Forschungsfrage ist, ob Deutschland seine wirtschaftliche Machtressourcen tatsächlich in eine hegemoniale politische Führungsrolle umwandeln konnte oder ob historisch-institutionelle Restriktionen dies verhinderten.
Die Arbeit nutzt einen (neo-)realistischen Theorieansatz als theoretischen Rahmen, der durch Konzepte der kooperativen Hegemonie erweitert wird, um das Verhalten Deutschlands im Mehrebenensystem der EU kritisch zu hinterfragen.
Im Hauptteil werden zentrale Krisen-Entscheidungen wie der Fiskalpakt, die Rolle der EZB und die Debatte um Eurobonds analysiert, wobei zwischen deutscher Präferenzdurchsetzung und notwendigen Konzessionen unterschieden wird.
Wichtige Begriffe sind Hegemonie, Eurozone, Finanzkrise, Stabilitätskultur, Fiskalpakt, Machtressourcen und (Neo-)Realismus.
In Anlehnung an Heinrich Triepel wird Hegemonie als eine Führung auf internationaler Ebene verstanden, die zwischen einfachem Einfluss und Zwangsherrschaft angesiedelt ist und auf ausreichenden Machtressourcen sowie dem Willen zur Führung basiert.
Die Arbeit kommt zum Schluss, dass Deutschland entgegen neorealistischer Theorien nicht als klassischer Hegemon agierte, sondern als "Hegemon wider Willen", der zwar seinen Einfluss geltend machte, aber auch erhebliche Konzessionen im europäischen Konsenssystem machen musste.
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