Masterarbeit, 2012
99 Seiten, Note: 1,2
0. Einleitung
1. Theorie schwuler Identität
1.1 Theoretische Überlegungen zur schwulen Identität
1.1.1 Queertheorie
1.1.2 Kritik
1.1.3 Identitätstheorie
1.1.4 Queer informierte Identitätstheorie
1.1.5 Grenzziehungen und der Begriff der Wer-Identität
1.2 Besonderheiten schwuler Wer-Identitäten
1.2.1 Sexualität und Männlichkeit
1.2.2 Coming-out
1.2.3 Szene
1.2.4 Beruf
1.2.5 Beziehung
1.2.6 Herkunftsfamilie
1.2.7 Eigene Familie und Kinderwunsch
1.3 Alltagskonflikte von Schwulen
1.4 Fazit
2. Empirie
2.1 Gesetzeslage zur Homosexualität in Partnerschaft, Familie, Beruf und zivilem Leben
2.1.1 Rechtsgrundlage für gleichgeschlechtliche Beziehungen
2.1.2 Gesetzeslage zum Kinderwunsch schwuler Männer und zur Regenbogenfamilie
2.1.3 Gleichbehandlung im Beruf und zivilem Leben: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
2.1.4 Zusammenfassung und Bewertung der gegenwärtigen Gesetzeslage
2.2 Empirische Ergebnisse: Zusammenfassung der eigenen qualitativen Forschung „Alltagskonflikte schwuler Männer“
2.2.1 Forschungsfrage und Methodik
2.2.2 Theoretische Prämissen
2.2.3 Ergebnisse
2.2.3.1 Beruf und Coming-out
2.2.3.2 Herkunftsfamilie
2.2.3.3 Familienumfeld
2.2.3.4 Eigener Kinderwunsch
2.2.3.5 Szene
2.2.3.6 Männlichkeit
2.2.3.7 Sexualität
2.2.3.8 Beziehung
2.2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
2.3 Fazit zur Empirie
3. Auswertung von Theorie und Empirie
3.1 Methodisches Vorgehen: Diskursanalyse nach Quentin Skinner
3.2 Vergleich
3.2.1 Gesetzeslage: § 175 als Ideologie kirchlicher Sexualmoral
3.2.2 Gegenideologie: Die Dekonstruktion von Männlichkeit und homophoben Vorurteilen
3.2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Theorie und Empirie
3.2.4 Das Pendeln zwischen der Emanzipation von und der Identifikation mit dem heterosexuellen Aggressor
3.3 Fazit
4. Konzepterstellung: Vorschlag für eine wer-identitätsbildende Erwachsenenbildung von Schwulen
4.1 Thema des Trainingskonzepts
4.2 Ziele des Trainingskonzepts
4.3 Methoden: Berliner Modell, Themenzentrierte Interaktion und biografisches Arbeiten
4.4 Zielgruppe
4.5 Wer-Identität und Kommunikationsformen in der Gruppe
4.6 Ausarbeitung eines dreitägigen Trainings
4.6.1 Erster Seminartag: Anreise und Kennenlernen
4.6.2 Zweiter Seminartag: Fortsetzung
4.6.3 Dritter Seminartag: Abschluss und Abreise
4.7 Fazit zum Trainingskonzept
5. Conclusio
6. Schluss: Der Sprechakt und die Wut
Die vorliegende Arbeit untersucht die Identitätskonflikte schwuler Männer, die sich aus der Spannung zwischen einer heteronormativen gesellschaftlichen Prägung und einer abweichenden sexuellen Identität ergeben. Ziel ist es, diese Konflikte theoretisch wie empirisch zu analysieren und auf dieser Grundlage ein praxisorientiertes Trainingskonzept für die Erwachsenenbildung von Schwulen zu entwickeln, das eine Stärkung der persönlichen „Wer-Identität“ unterstützt.
1.2.1 Sexualität und Männlichkeit
Schwulsein heißt biologisch, über männliche primäre Geschlechtsorgane zu verfügen und andere Männer sexuell zu begehren. Darüber, ob sich Schwulsein nur über die sexuelle Begierde von Männern nach Männern auszeichnet oder ob dies auch weit reichende soziale Implikationen mit sich bringt, gehen die Meinungen bei den Betroffenen selbst weit auseinander. Begreift man den Geschlechtsbegriff mit dem Ansatz der Gender Studies von seiner biologischen Seite her, also ausgehend vom „Sex“-Begriff (vgl. z. B. Perko 2009: 22), kommt man über die Bestimmung primärer Geschlechtsorgane (beim Schwulen der Penis) als biologische Gegebenheit nicht hinaus. Bei dieser reduzierten Bestimmung finden z. B. schwule Transgender vor der Geschlechtsumwandlung keine Beachtung. Es lohnt, den Sexualitätsbegriff gemeinsam mit dem Männlichkeitsbegriff zu denken und so die Wechselwirkungen zwischen biologischem und soziokulturell konstruiertem Geschlecht zu betrachten. Ich werde mich hierfür zuerst dem Heterosexismus zuwenden, da dieser machtvollsten geschlechtlichen Norm keine_r entgehen kann (vgl. Wiesendanger 2005: 28).
Wiesendanger versteht unter Heterosexismus „ein individuelles, gesellschaftliches und institutionalisiertes Denk- und Verhaltenssystem, welches Heterosexualität gegenüber anderen Formen sexueller Orientierung als überlegen klassifiziert. In unserer Kultur stellt Heterosexismus eine unreflektierte, omnipräsente Größe gesellschaftlicher Umgangsform dar, in der von frühester Kindheit an fast alle Menschen aufwachsen und der sich kaum jemand entziehen kann. Dieser Heterosexismus findet seinen idealen Nährboden auf einem patriarchalen Untergrund, welcher die heterosexuelle Männermacht und die damit verbundene Abwehr fördert. Unter diesem Machogebaren leiden seit Jahrhunderten vor allem Frauen, aber auch offen schwul lebende Männer, die natürlich durch ihren Lebensstil die Fundamente des Patriarchats in Frage stellen“ (2005: 25).
Homosexualität und homosexuelle Männlichkeit lässt sich nicht ohne die heteronormative und heterosexistische Grundordnung denken. Abhängig von der heterosexistischen Norm der Zweigeschlechtlichkeit werden an Mädchen und Knaben in geschlechtlicher Hinsicht immer noch äußerst unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungen gestellt. „Die Erziehungsmaximen für Knaben zentrieren sich auch heute noch um die weitgehende Unterdrückung von Gefühlen, um die Demonstration von Härte und um die Beseitigung aller ‚weichen’ (weil als weiblich empfundenen) Seiten“ (Rauchfleisch 2001: 178).
1. Theorie schwuler Identität: Dieses Kapitel diskutiert theoretische Ansätze zur Identität und Queertheorie und führt das Konzept der „Wer-Identität“ als Analyseinstrument ein, um die Besonderheiten schwuler Lebensweisen zu erfassen.
2. Empirie: Hier wird der rechtliche Rahmen zur Homosexualität in Deutschland analysiert und die Ergebnisse der eigenen qualitativen Studie zu den Alltagskonflikten schwuler Männer vorgestellt.
3. Auswertung von Theorie und Empirie: Die Ergebnisse aus dem theoretischen und dem empirischen Teil werden mittels einer diskurstheoretischen Methode in ein kritisches Verhältnis zueinander gesetzt.
4. Konzepterstellung: Vorschlag für eine wer-identitätsbildende Erwachsenenbildung von Schwulen: Auf Basis der vorangegangenen Analysen wird ein detailliertes Trainingskonzept für schwule Männer entwickelt, das pädagogische Methoden wie das Berliner Modell und Themenzentrierte Interaktion nutzt.
Schwule Identität, Wer-Identität, Queertheorie, Identitätstheorie, Alltagskonflikte, Heteronormativität, Heterosexismus, Coming-out, Schwule Szene, Männlichkeit, Diskriminierung, Erwachsenenbildung, Identitätstraining, Regenbogenfamilie, Selbstdefinition
Die Arbeit analysiert die Identitätsentwicklung und die spezifischen Alltagskonflikte schwuler Männer in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft und leitet daraus ein pädagogisches Trainingskonzept ab.
Die Arbeit nutzt das Konzept der „Wer-Identität“ nach Cornelius Castoriadis, um ein flexibles, prozesshaftes Identitätsverständnis zu ermöglichen, das über klassische, lineare Identitätstheorien hinausgeht.
Das Ziel ist es, schwulen Männern zu helfen, ihre „Wer-Identität“ im Kontext ihrer sexuellen und geschlechtlichen Existenz bewusster zu gestalten und Stärke im Umgang mit gesellschaftlichen Normen zu gewinnen.
Die Arbeit kombiniert qualitative, narrative Interviews mit einer diskurstheoretischen Analyse nach Quentin Skinner (Cambridge-School).
Der Hauptteil behandelt die Bereiche Sexualität, Männlichkeit, Coming-out, Beruf, Szene, Beziehung, Herkunftsfamilie sowie Kinderwunsch und Regenbogenfamilien.
Sie verknüpft nicht nur eine theoretische Analyse mit empirischen Daten, sondern überführt die Ergebnisse explizit in ein konkretes, anwendungsbereites Konzept für die Erwachsenenbildung.
Sie wird als „Rebellin“ genutzt, um starre Identitätskategorien aufzubrechen, die das schwule Leben oft auf wenige, oft stigmatisierende Klischees reduzieren.
Die Szene wird ambivalent betrachtet: Einerseits als geschützter Raum und Familienersatz, andererseits als Ort, der durch kommerzielle Verdinglichung und interne Machtstrukturen neue Normierungsdrucke erzeugen kann.
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