Magisterarbeit, 2003
120 Seiten, Note: 1,0
I. Einleitung
II. Der Begriff der Entfremdung
II.1. ,Aliénation’ und ,être hors de soi’ bei Rousseau
II.2. Das Syntagma ‚aliéner’
II.3. Das Syntagma ‚être hors de soi’
III. Die Entfremdungsproblematik
III.1. Discours sur les Sciences et les Arts
III.2. Discours sur l’origine, et les fondemens de l’inégalité parmi les hommes
III.2.1. Naturzustand
III.2.2. Naturmensch
III.2.3. Perfectibilité
III.2.4. Freiheit
III.2.5. Verlust der Unmittelbarkeit
III.2.6. Zusammenfassung
III.3. Essai sur l’origine des langues
III.3.1. Sprachursprung
III.3.2. Verlust der unmittelbaren Kommunikation
III.3.3. Zusammenfassung
III.4. Contract Social: Überwindung der Entfremdung
III.4.1. Entfaltung und Verwirklichung der menschlichen Natur
III.4.2. ‚Aliénation totale’: Das Höchstmaß an Freiheit
III.4.3. Zusammenfassung
IV. Ausdruck
IV.1. Les Rêveries du Promeneur Solitaire – Ein autobiographischer Text?
IV.2. Les Rêveries du Promeneur Solitaire: Eine Selbstverständigung
V. Die Transparenz des Herzens in den Rêveries
V.1. Promenades: Komposition der Rêveries
V.2. Rêverie
V.3. Imagination
V.4. Natur
V.5. Solitude
V.6. Sprache: allegorischer Ausdruck des Selbst
V.7. Zusammenfassung
VI. Resümee
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, den Gegensatz zwischen der ursprünglichen menschlichen Natur und der entfremdeten gesellschaftlichen Existenz in Jean-Jacques Rousseaus Werk als leitendes Motiv zu analysieren. Dabei wird untersucht, wie Rousseau das Konzept der Entfremdung theoretisch begründet und welche Wege er aufzeigt, um durch authentisches Menschsein die gesellschaftliche Denaturierung zu überwinden.
Die Ambivalenz der Sprache als Ausdrucksmedium
Die Buchstabenschrift ist eine erste phonologische Analyse der Sprache, welche die Melodie der ‚natürlichen’ Sprachen in abgrenzbare und unterscheidbare Einheiten zerlegt. Dadurch werden die ‚natürlichen’ Sprachen aber gleichzeitig auch entstellt: „L’écriture, qui semble devoir fixer la langue est précisement ce qui l’altére [...]; elle substitue l’exactitude à l’expression.”
Da eine völlig ‚unsystematische’ Subjektivität jedoch nicht mitteilbar wäre, bemerkt Rousseau, dass bereits seine hypothetische Ursprache einen Systemcharakter gehabt haben müsse: „Comme les voix naturelles sont inarticulées, les mots auroient peu d’articulations; quelques consones interposées effaçant l’hiatus des voyelles suffiroient pour les rendre coulantes et faciles à prononcer. [...] La quantité le rhythme seroient de nouvelles sources de combinaisons; en sorte que les voix, les sons, l’accent, le nombre, qui sont de la nature, laissant peu de chose à faire aux articulations qui sont de convention, l’on chanteroit au lieu de parler.”
So gilt schon für die melodische Ursprache eine ‚schwache’ konsonantische Gliederung des Lautkontinuums, die dabei die Melodie einer Sprache nicht verformt und so den authentischen Ausdruck von Innerlichkeit ermöglicht. Hier wird die Originalität des *Essai* besonders deutlich, weil Rousseau das theoretische Fundament seines Ringens um einen authentischen literarischen Selbstausdruck freilegt.
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das zentrale Leitmotiv der Arbeit ein, den Gegensatz zwischen ursprünglichem Menschsein und Entfremdung, und skizziert den Aufbau der Untersuchung von den *Discours* bis zu den *Rêveries*.
II. Der Begriff der Entfremdung: Das Kapitel widmet sich einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung der bei Rousseau zentralen Begriffe für Entfremdungszustände, um deren spezifische Bedeutung im Vergleich zum deutschen Entfremdungsbegriff zu klären.
III. Die Entfremdungsproblematik: Hier werden anhand der *Discours*, des *Essai* und des *Contract Social* die verschiedenen Dimensionen der Entfremdung – von der kulturkritischen Analyse bis hin zur politischen Überwindung – detailliert analysiert.
IV. Ausdruck: Dieser Abschnitt untersucht den autobiographischen Charakter der *Rêveries* und fragt nach deren Status als literarisches Kunstwerk im Hinblick auf Selbstverständigung und Authentizität.
V. Die Transparenz des Herzens in den Rêveries: Dieses Kapitel analysiert das assoziative Verfahren der *Rêveries* als Modell für einen authentischen Selbstausdruck durch Träumerei, Spaziergänge und Naturbetrachtung.
VI. Resümee: Die abschließenden Überlegungen fassen Rousseaus Entfremdungstheorie zusammen und betonen die Notwendigkeit der Selbstüberwindung und der Gestaltung einer naturgemäßen Existenz innerhalb der Gesellschaft.
Jean-Jacques Rousseau, Entfremdung, Aliénation, Naturzustand, Naturmensch, Perfectibilité, Freiheit, Gesellschaftsvertrag, Authentizität, Rêveries, Selbstausdruck, Innerlichkeit, Träumerei, Selbstbehauptung, politische Existenz.
Die Magisterarbeit untersucht das zentrale Thema der Entfremdung im Werk von Jean-Jacques Rousseau, wobei der Fokus auf dem Gegensatz zwischen der ursprünglichen menschlichen Natur und ihrer gesellschaftlich bedingten Verfremdung liegt.
Die Arbeit behandelt Themen wie das Verhältnis von Sprache und gesellschaftlicher Entwicklung, die Rolle der Vernunft und Einbildungskraft sowie die Frage nach authentischer politischer Existenz und individueller Selbstverwirklichung.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rousseau die verschiedenen, oft ambivalenten Formen der Entfremdung analysiert und welche theoretischen sowie praktischen Ansätze er entwickelt, um durch eine Rückkehr zum ‚wahren Selbst’ die menschliche Natur zu verwirklichen.
Die Autorin wählt einen werkimmanenten Ansatz und stützt sich dabei direkt auf Rousseaus Originaltexte (hauptsächlich die *Discours*, den *Essai*, den *Contract Social* und die *Rêveries*), ergänzt durch eine kritische Auseinandersetzung mit der einschlägigen Rousseau-Forschung.
Der Hauptteil gliedert sich in eine sprachliche Begriffsanalyse, eine umfassende Untersuchung der Entfremdungsproblematik in den Frühschriften und dem *Contract Social* sowie eine detaillierte Analyse der autobiographischen Form und des Selbstausdrucks in den *Rêveries*.
Zu den zentralen Begriffen gehören Entfremdung, Naturzustand, *Perfectibilité*, Gesellschaftsvertrag, Authentizität, *Rêveries* sowie der spezifische Rousseausche Begriff der Transparenz des Herzens.
Im Gegensatz zu einer rein negativen Lesart versteht Rousseau Gesellschaft nicht als prinzipiell schlecht; er sucht vielmehr nach einer legitimen politischen Form, in der die Freiheit und Unabhängigkeit des Einzelnen gewahrt bleibt und eine authentische Existenz ermöglicht wird.
Die Einbildungskraft ist eine ambivalente Fähigkeit: Einerseits trägt sie zur Entfremdung bei, indem sie eine künstliche Scheinwelt erzeugt, andererseits bietet sie dem Menschen die notwendige Distanz, um Modelle für eine wahre und gelungene Existenz zu entwerfen.
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