Bachelorarbeit, 2013
28 Seiten, Note: 2
1. Einleitung
2. Der Begriff Tabu
3. Angedeutete Tabubrüche
3.1. Verschlafene Vergewaltigung
3.2. Uneheliche Schwangerschaft
3.3. Beginnende Inzest
4. Explizite Grenzüberschreitungen
4.1. Das öffentliche Eheversprechen
4.2. Verlassen des Elternhauses
4.3. Doppelte Hochzeit mit dem Verbrecher
5. Der Zwiespalt von gut und böse in drei Diskursen
5.1. Aus religiöser Sicht
5.2. Auf militärischer Basis
5.3. Auf sozialer Ebene
6. Im Wandel der Zeit
7. Exposé
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Bedeutung gesellschaftlicher Tabubrüche in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O..." und analysiert, wie diese Normverstöße vom 19. Jahrhundert bis heute in der Literatur und im gesellschaftlichen Diskurs wahrgenommen werden.
3.1. Verschlafene Vergewaltigung
Bereits die Titelüberschrift einer verschlafenen Vergewaltigung ist verstörend. Denn wie kann eine Vergewaltigung verschlafen werden? Ein Ding der Unmöglichkeit. Denkt man. Doch im Falle der Marquise ist es eher im Schockzustand der Ohnmacht passiert. „Was Heinrich von Kleist in der Erzählung Die Marquise von O… elliptisch erzählt, wird auch später innerhalb der Erzählung nie wörtlich ausgesprochen: Der Graf F. hat den Geschlechtsverkehr an einer ohnmächtigen Frau vollzogen.“ Während des Lesens kommt innerlich die Frage immer wieder auf, wo denn nun diese unwissende Schwängerung stattgefunden haben soll. Da die Stelle des Geschehens nicht sonderlich ausgezeichnet ist und nicht einmal die Betroffene weiß, wann und wo diese Tat passiert sein soll und überhaupt wer sie begangen haben soll. Dafür muss etwas genauer hingesehen werden:
„Hier- traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehre in den Kampf zurück.“
Diese Textstelle wird als der berühmteste Gedankenstrich überhaupt gesehen, wobei erst in der Nachrezeption sein vollkommener Sinn erschlossen werden kann. „Der Strich begleitet eine Darstellung, die ohne ihn auskäme, die durch die Markierung der Stelle aber nachträglich überflutet wird von Sinn, der im Fortgang der Erzählung sich aufdrängt.“ In diesem Fall kann von einer klassischen Überinterpretation gesprochen werden. Jedoch versucht jeder für sich das Geschehen, also den Zeitpunkt der Schwängerung, zu lokalisieren. Beim Lesen löst so ein Verdacht den nächsten ab. Kurzweilig kann die Vermutung sogar auf den Vater der Marquise fallen, der in einer die Grenzen überschreitenden Szene mit seiner schwangeren Tochter in Versöhnung liegt. Nichts desto trotz ist weder für den Leser noch für die Marquise von Anfang an ersichtlich, wie die Tatsache des ungeborenen Babys zustande gekommen ist.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Tabuthematik in Kleists Werk ein und skizziert die moralischen Grenzüberschreitungen sowie die Zielsetzung der wissenschaftlichen Untersuchung.
2. Der Begriff Tabu: Dieses Kapitel definiert den Begriff "Tabu" theoretisch und unterscheidet zwischen gesetzlich verankerten und gesellschaftlich konstruierten Tabubrüchen.
3. Angedeutete Tabubrüche: Es werden die subtilen, "zwischen den Zeilen" präsenten Tabus wie Vergewaltigung, Inzest und uneheliche Schwangerschaft analysiert.
4. Explizite Grenzüberschreitungen: Der Abschnitt behandelt die offensichtlichen Tabubrüche wie die Zeitungsannonce der Marquise und die Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben.
5. Der Zwiespalt von gut und böse in drei Diskursen: Diese Analyse unterteilt die moralische Ambivalenz der Figuren in religiöse, militärische und soziale Perspektiven.
6. Im Wandel der Zeit: Das Kapitel reflektiert die zeitgenössische Skandal-Rezeption im 19. Jahrhundert im Vergleich zur heutigen Wahrnehmung des Werkes.
7. Exposé: Den Abschluss bildet eine zusammenfassende Betrachtung der Normenzertrümmerung und der gescheiterten Versuche zur Wiederherstellung bürgerlicher Ordnungsstrukturen.
Heinrich von Kleist, Die Marquise von O..., Tabubruch, Vergewaltigung, Inzest, uneheliche Schwangerschaft, Moral, Normen, Literaturwissenschaft, Gesellschaftskritik, 19. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Schockwirkung, Skandal, Moralvorstellung.
Die Arbeit analysiert die Darstellung von gesellschaftlichen Tabubrüchen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O..." und deren Bedeutung für das moralische Gefüge des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Die zentralen Themen sind der Bruch mit moralischen Konventionen, die literarische Darstellung von Gewalt gegen Frauen, das Spannungsfeld zwischen familiärer Ehre und individueller Wahrheit sowie die Ambivalenz von Gut und Böse.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleist durch die Thematisierung von Tabubrüchen die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts provozierte und welche Strategien die Protagonisten zur Bewältigung ihrer Situation entwickeln.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung von Sekundärliteratur auf moralische, gesellschaftliche und psychologische Aspekte hin untersucht.
Im Hauptteil werden sowohl angedeutete (implizite) als auch explizite Tabubrüche detailliert untersucht und in religiöse, militärische sowie soziale Diskurse eingeordnet.
Wichtige Schlüsselwörter sind Tabubruch, Vergewaltigung, Moral, Kleist, Marquise von O..., Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen.
Der Graf wird als ambivalente Figur dargestellt, die zwischen der Rolle als Retter, Vergewaltiger und Ehemann oszilliert, wobei seine Taten als nicht eindeutig "gut" oder "böse" einzuordnen sind.
Die Szene wird als inzestuöser Tabubruch gewertet, der das konventionelle Familienbild der Zeit untergräbt und den Vater in ein Rollenkonflikt-Szenario zur Konkurrenz mit dem Grafen bringt.
Das Happy End wird nicht als idyllisch betrachtet, sondern als gesellschaftlich problematischer Kompromiss, der den Verfall sittlicher Werte und die Zerrissenheit zwischen Norm und Realität symbolisiert.
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