Examensarbeit, 2004
113 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Definitionen
2.1 Definition Sexualität
2.2 Definition Jugend
3. Geschichtliche Einordnung
3.1 Das Kind als gehorsames Individuum: Erziehung im bürgerlichen Zeitalter
3.2 Triebbeherrschung und Tabuisierung: Sexualität in der Gesellschaft
3.3 Erziehung zur Schamhaftigkeit: Aufklärung und Sexualerziehung
3.4 ‚Selbstbefleckung’: Der Umgang mit Masturbation
3.5 Wandel des Umgangs mit Sexualität in der Zeit von 1880 bis zum ersten Weltkrieg
4. Frühlings Erwachen: Einordnung in den Kontext
4.1 Aufklärung der Kinder durch die Eltern
4.1.1 Lügen bei der Aufklärung: Wendlas bürgerliche Erziehung: Schwanger? „Ich bin ja doch nicht verheiratet...“
4.1.2 Vermeintliche Liberalität: Bürgerliche Doppelmoral der Eltern Melchior Gabors
4.1.3 Das Versagen der Eltern
4.2 Gesellschaftliche Repressalien, die Aufklärung verhindern
4.3 „Ich kann nicht gemütlich über die Fortpflanzung plaudern!“: Aufklärung unter Gleichaltrigen
4.4 Erzieherische Utopien Jugendlicher
4.5 Verschiedene sexuelle Erfahrungen
4.5.1 Masturbation
4.5.2 Homosexualität
4.5.3 Sadismus und Masochismus
4.5.4 Der erste Geschlechtsverkehr
4.6 „Sollen und Wollen“: Wedekinds Moralverständnis
5. Franziska: Einordnung in den Kontext
5.1 Jungfräulichkeit als Ware
5.2 Entwicklungsmöglichkeiten und Natur der Frau
5.3 Leben als junger Mann
5.3.1 ‚Mannhaftes’ Verhalten
5.3.2 Verhalten von Mann und Frau in der Ehe
5.4 Schwangerschaft und Mutterschaft
5.5 Exkurs: Nacktheit
6. Lulu: Einordnung in den Kontext
6.1 Verschiedene Frauenbilder
6.1.1 Lulu, das dressierte Tier
6.1.2 Lulu, das moralisch reine Urweib
6.1.3 Lulu, das Prinzip der Sexualität
6.1.4 Lulu, die leidende Künstlerin
6.1.5 „Schweig, Bestie! Schweig!“: Versuch der Unterordnung von Natur unter den Geist
6.2 „Jetzt bin ich... [...] ... Ein Tier!“: Lulus Selbsteinschätzung
6.3 Wedekinds Einstellung zur Frau
7. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Jugend und Sexualität in ausgewählten Theaterstücken von Frank Wedekind, insbesondere in 'Frühlings Erwachen', 'Franziska' und 'Lulu'. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie die jugendliche Sexualität im geschichtlichen Kontext der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Wedekinds Dramen thematisiert und durch gesellschaftliche Konventionen sowie Elternhäuser beeinflusst oder unterdrückt wird.
4.1.1 Lügen bei der Aufklärung: Wendlas bürgerliche Erziehung: Schwanger? „Ich bin ja doch nicht verheiratet...“
Bereits im ersten Akt wird die Einstellung der bürgerlichen Eltern zur Aufklärung ihrer Kinder deutlich; sie findet eben nicht statt. Wendla Bergmann, ein junges Mädchen wird 14 Jahre alt und stellt ihrer Mutter an ihrem Geburtstag die einleitende Frage: „Warum hast du mir das Kleid so lang gemacht, Mutter?“ Die Mutter, deren Ziel darin liegt, ihre Tochter so herzurichten, dass sie keine sexuelle Aufmerksamkeit auf sich zieht, versucht in ihrer Begründung von ihren wahren Beweggründen abzulenken. Sie spricht das Thema Sexualität und Pubertät ihrer Tochter gegenüber nicht an. Für sie ist die Frage allein aufgrund ihres anerzogenen Schamgefühls bereits unangenehm, das bei ihrer Tochter noch nicht ausgeprägt vorhanden ist. „Du wirst vierzehn Jahr heute!“.
Eine Antwort, die ein aufgeklärter Erwachsener korrekt zu deuten wüsste; Wendla dagegen sieht die Schuld für das Aufzwingen der „Nachtschlumpe“ nur mit ihrem Alter begründet, das für sie keinen wesentlichen Einschnitt in ihrem Leben darstellt. Sie nennt das Kleid „Bußgewand“ und hat mit dieser Bezeichnung insofern recht, als dass sie mit diesem Kleid für die vermeintliche Schuld der beginnenden geschlechtlichen Reife zu büßen hat. Ihre Mutter empfindet an der Stelle ihrer Tochter die Scham, die das Erwachen der Sexualität Wendlas mit sich bringt. Wendla selbst kann diese Scham nicht fühlen, da sie in keiner Weise aufgeklärt worden ist. Frau Bergmanns Äußerung „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ zeigt deutlich ihre Hilflosigkeit angesichts der logischen Argumente Wendlas in Bezug auf ihr altes, kürzeres Kleid. Die wahre Begründung ihrer Absichten bleibt unausgesprochen, die Mutter lässt damit eine wichtige Gelegenheit verstreichen, ihrer Tochter zu unterrichten. „Wenn du nur nicht zu kalt hast!“ ist der letzte Versuch, Wendla von der zügigeren Wahl des neuen Kleides zu überzeugen, aber Wendla weist diese Andeutung zurück.
1. Einleitung: Einführung in das Thema der jugendlichen Sexualität in Wedekinds Dramen und Definition des Forschungsrahmens.
2. Definitionen: Begriffliche Abgrenzung von Sexualität und Jugend zur Vorbereitung der weiteren Untersuchung.
3. Geschichtliche Einordnung: Analyse der soziokulturellen Bedingungen, der Erziehungspraxis und der Sexualmoral im bürgerlichen Zeitalter.
4. Frühlings Erwachen: Einordnung in den Kontext: Detaillierte Betrachtung der Kindertragödie im Spannungsfeld zwischen unterdrückter Natur und repressiver Gesellschaft.
5. Franziska: Einordnung in den Kontext: Analyse des modernen Mysteriums hinsichtlich Frauenbildern, Jungfräulichkeit als Ware und dem Wunsch nach sexueller Emanzipation.
6. Lulu: Einordnung in den Kontext: Untersuchung der 'Lulu'-Dramen als Darstellung des weiblichen Sexualprinzips und der Zerstörung bürgerlicher Moralvorstellungen.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung von Wedekinds Kritik am bürgerlichen Erziehungssystem.
Frank Wedekind, Jugend, Sexualität, Bürgertum, Aufklärung, Schamhaftigkeit, Sexualmoral, Erziehung, Frühlings Erwachen, Franziska, Lulu, Triebbeherrschung, Doppelmoral, Pubertät, Literaturanalyse
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Sexualität und Jugend in den Dramen von Frank Wedekind, wobei der Fokus auf dem Konflikt zwischen menschlichem Trieb und den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft liegt.
Zentrale Themen sind die Sexualerziehung, der bürgerliche Gehorsamsbegriff, die Tabuisierung von Masturbation und Homosexualität sowie die unterschiedlichen Rollenbilder von Mann und Frau im frühen 20. Jahrhundert.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Wedekind durch seine Dramen die verfehlten Erziehungsmethoden des Bürgertums anprangert und wie seine Charaktere an den rigiden Moralvorstellungen scheitern oder versuchen, sich von ihnen zu emanzipieren.
Die Arbeit stützt sich primär auf eine textanalytische Argumentation, die durch eine historische Einordnung der soziokulturellen Gegebenheiten der Zeit um 1900 untermauert wird.
Im Hauptteil werden die Werke 'Frühlings Erwachen', 'Franziska' und 'Lulu' detailliert in Bezug auf ihre sexuelle Thematik, die Erziehung der Protagonisten und die Reaktion der jeweiligen Gesellschaft auf ihr Verhalten diskutiert.
Frank Wedekind, Jugend, Sexualität, Bürgertum, Aufklärung, Schamhaftigkeit, Erziehung, Doppelmoral und gesellschaftliche Repressalien.
Die Erziehung basiert auf Unwissenheit, Scham und Angst; da die Kinder nicht aufgeklärt werden, können sie ihre körperlichen Veränderungen nicht einordnen, was zu schweren psychischen Belastungen und teilweise zum Suizid führt.
Lulu verkörpert das schrankenlose Prinzip der Sexualität und Natur, das in direkter Konfrontation zum bürgerlichen System steht und dieses durch ihre Existenz und ihr Handeln letztlich zerstört.
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