Magisterarbeit, 2005
106 Seiten, Note: 2,0
I. Einleitung
1.1 Leben und Werk des Oscar Wilde
1.2 Motivation, Vorgehensweise und Ziel dieser Arbeit
II. Diskurse über Homosexualität im 19.Jahrhundert
2.1 Sozialer Diskurs: Homosexualität in der viktorianischen Gesellschaft
2.2 Von Sodomie zu Homosexualität
2.3 Von Sünde zu Verbrechen
2.4 Medizinische Diskurse
2.4.1 Karl Heinrich Ulrichs
2.4.2 Richard von Krafft –Ebing
2.4.3 Magnus Hirschfeld
2.4.4 Havelock Ellis
2.4.4.1 Ellis über Oscar Wilde
2.5 Kulturgeschichtlicher Diskurs: John Addington Symonds, Verfechter der Homosexualität
III. Wildes The Picture of Dorian Gray: Das Werk vor dem Sturz
3.1 Dorian Gray: eine homosexuelle Liebesgeschichte als ästhetisches Kunstwerk
3.1.1 Dorian: der homosexuelle Narziß
3.1.1.1 Dorians Bildnis: die Transformation in ein Kunstwerk und Identitätsverlust
3.1.1.2 Dorian: der homosexuelle Sünder
3.1.2 Dorian, Lord Henry und Basil Hallward: eine homoerotische Dreiecksbeziehung
3.2 Autobiographische Züge in The Picture of Dorian Gray
IV. Homosexualität auf der Anklagebank: Der Sturz des Oscar Wilde
4.1 Die gerichtlichen Verfahren von und gegen Oscar Wilde
4.1.1 Wildes Kunst, Moral und Ästhetik auf der Anklagebank
4.1.2 Wilde, Päderastie und das griechische Ideal der Liebe
4.2 Die Schaffung eines Homosexuellen
4.2.1 Darstellung der Prozesse in der Presse
V. Wildes De Profundis: Apologie und Anklage seines Lebens
5.1 Wildes Abrechnung mit Douglas
5.2 Wilde über seine Homosexualität und ihre Verurteilung
5.3 Als zweiter Christus auf dem Weg in ein neues Leben
VI. Schluss
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Wahrnehmung von Homosexualität im 19. Jahrhundert anhand des Lebens und Wirkens von Oscar Wilde. Ziel ist es zu analysieren, wie Wilde seine Homosexualität sowohl in seinem literarischen Werk als auch in seinem realen Leben und den späteren Gerichtsverfahren in einen diskursiven Kontext einbettete und ob er als Prototyp eines Homosexuellen der damaligen Zeit betrachtet werden kann.
3.1.1 Dorian: der homosexuelle Narziß
Der Vornamen des Protagonisten Dorian, lässt als erstes die Vermutung aufkommen, dass die Person oder der Roman einen homoerotischen Ansatz haben werde. Wilde war vertraut mit der griechischen Geschichte, und ihm war wohl bewusst, dass er mit der Wahl des Vornamens einen eindeutigen Verweis auf die Dorier, einen altgriechischen Stamm, der körperliche Fitness und Schönheit junger Männer hoch hielt, gab. Man nimmt an, dass die Dorier für die Verbreitung der Homosexualität im antiken Griechenland verantwortlich waren (vgl. Belford, 247). Auch Symonds war der Ansicht, dass die Dorier die Gründer der griechischen Liebe, homosexueller Liebe, waren: “ ... masculine love, as the Greeks called it, appeared at an early age in Hellas. ... There are critical grounds for supposing that the Dorians developed this custom in their native mountains ... and that they carried it upon their migration to Peloponnesus.“ (White, 161/162) Dorian ist aber nicht nur eine Anspielung auf einen antiken griechischen Stamm, sondern bedeutet auch, golden oder vergoldet, was in sich schon ein Paradox im Zusammenspiel mit dem Nachnamen Gray ist. Wilde wollte mit der Auswahl des Namens neben der homosexuellen Komponente auch auf die geteilte Identität, auf das Doppellebens Dorians hinweisen (vgl. Varty, 122).
Dorian Gray ist ein junger Mann von außergewöhnlicher Schönheit, “wonderfully handsome, with his fine-curved scarlet lips, his frank blue eyes, his crisp gold hair.“ (21) Er verkörpert den Archetyp männlicher Jugend und Schönheit, das griechische Ideal für eine gleichgeschlechtliche Liebe, da er im Besitz ist von “all the perfection of the spirit that is Greek.“ (15) Damit gemeint ist das perfekte Zusammenspiel und die Harmonie zwischen Körper und Seele; ein schönes Äußeres ist ein Spiegel einer schönen Seele. Diese griechische Idee wird als eine Variation in Dorian Gray verwendet: obwohl Dorians Seele ein Bild von Korruption und Verbrechen abgibt, bleibt sein Äußeres und vor allem sein Gesicht erfüllt mit jugendlicher Schönheit.
I. Einleitung: Die Einleitung verortet Oscar Wilde in der spät-viktorianischen Epoche und formuliert die Forschungsfrage bezüglich seiner Rolle als Homosexueller und der Reflektion dieser Identität in seinem Werk.
II. Diskurse über Homosexualität im 19.Jahrhundert: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext, in dem sich die Wahrnehmung von Homosexualität von der „Sodomie“ hin zu einem medizinisch und psychologisch klassifizierten Identitätsmerkmal wandelte.
III. Wildes The Picture of Dorian Gray: Das Werk vor dem Sturz: Hier wird untersucht, wie Wilde im Roman das Thema Homosexualität ästhetisiert und mythisiert, anstatt es direkt zu benennen.
IV. Homosexualität auf der Anklagebank: Der Sturz des Oscar Wilde: Das Kapitel analysiert die Gerichtsverfahren gegen Wilde und zeigt auf, wie diese dazu beitrugen, ein stereotypes und feindseliges Bild des „Homosexuellen“ in der Öffentlichkeit zu festigen.
V. Wildes De Profundis: Apologie und Anklage seines Lebens: Der Gefängnisbrief wird als therapeutische Abrechnung, Neupositionierung des Autors und Versuch, sein Leben durch eine Christus-Identifikation zu legitimieren, interpretiert.
VI. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Wilde durch die Prozesse zum unfreiwilligen Symbol einer homosexuellen Identität wurde, die er zu Lebzeiten jedoch auf klassisch-griechische Ideale gründete und nicht als pathologische Abweichung verstand.
Oscar Wilde, Homosexualität, Viktorianisches Zeitalter, The Picture of Dorian Gray, De Profundis, Inversion, Ästhetizismus, Päderastie, Sodomie, Gerichtsverfahren, Identität, Lord Alfred Douglas, Griechisches Ideal, Seelenleben, Narzissmus.
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche und kulturelle Konstruktion von Homosexualität im 19. Jahrhundert anhand des exemplarischen Falls von Oscar Wilde, wobei sowohl seine literarischen Werke als auch sein öffentliches Leben und sein Sturz betrachtet werden.
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung von Begriffen wie Sodomie zu Homosexualität, die Rolle der medizinischen Diskurse, die Verknüpfung von Ästhetik und Homosexualität im Werk Wildes sowie die rechtliche und soziale Verfolgung gleichgeschlechtlicher Beziehungen in der viktorianischen Zeit.
Ziel ist es zu klären, ob Oscar Wilde als typischer Homosexueller seiner Epoche angesehen werden kann, wie ihn Mediziner und die Gesellschaft sahen, und wie er selbst sein Leben in den Kontext einer „idealen griechischen Liebe“ einordnete.
Die Arbeit nutzt einen diskursanalytischen Ansatz. Sie betrachtet literarische Texte, zeitgenössische medizinische Studien, Presseberichte und juristische Dokumente, um die Konstruktion einer homosexuellen Identität nachzuzeichnen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der soziokulturellen und medizinischen Diskurse, die Analyse der homoerotischen Dimensionen in The Picture of Dorian Gray, eine detaillierte Aufarbeitung der Gerichtsverfahren und eine interpretative Analyse des Gefängnisbriefes De Profundis.
Wichtige Begriffe sind insbesondere Ästhetizismus, Inversion, Narzissmus, das „dritte Geschlecht“, soziale Reinheit und das griechische Ideal der Liebe.
Die Presse konstruierte aktiv das Bild eines moralisch verfallenen, dekadenten Mannes, indem sie seine extravagante Dandy-Persönlichkeit und seine ästhetischen Ansichten mit Kriminalität und moralischer Korruption gleichsetzte, um ihn zum Negativ-Symbol der Zeit zu machen.
Die Identifikation beruht darauf, dass Wilde wie Basil versuchte, den Künstler hinter der Kunst zu verbergen, und beide die Gefahr fürchteten, durch ihre leidenschaftliche Verehrung eines jungen Mannes in ihrem künstlerischen Werk entlarvt zu werden.
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