Magisterarbeit, 1999
130 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung: Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als Gegenstand der Soziologie
2. Gesellschaft als sinnverarbeitendes System
2.1 Komplexität und Kontingenz
2.2 Beobachtung als Operationsweise sinnverarbeitender Systeme
2.2.1 Beobachtung als Einheit von distinction und indication
2.2.2 Die Paradoxie des re-entry
2.2.3 Beobachtung zweiter Ordnung als Grundoperation der Moderne
2.3 Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
2.4 Kommunikation als Element sozialer Systeme
2.5 Medien, Codes und Programme
2.6 Der Ausschluß nicht-kommunikativen Handelns aus der Theorie sozialer Systeme
3. Gesellschaft als Einheit der Differenz autopoietischer Funktionssysteme und struktureller Kopplungen
3.1 Funktionale Differenzierung als primäre Differenzierungsform moderner Gesellschaften
3.2 Die evolutionstheoretische Sicht auf die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme
3.3 Strukturelle Kopplung und Interpenetration
3.3.1 Strukturelle Kopplung
3.3.2 Interpenetration
3.4 Integration versus Autonomie
4. Risiko und Gefahr als zentrale Aspekte ökologischer Selbstgefährdung
4.1 Zur Riskanz von Beobachtungen und Leitdifferenzen
4.2 Die Beschränkung des Risikobegriffs auf Kommunikation
4.3 Die Ungewißheit der Zukunft
4.4 Riskante Entscheidungen
4.5 Risiken, Gefahren und ihre Bewertung
4.6 Neue Risiken und die Diffusion von Verantwortung und Betroffenheit
5. Natur und Umwelt
5.1 Die systemtheoretische Konzeption von Natur
5.2 Die Ökologie des Nichtwissens
6. Die Entstehung ökologischer Gefährdungen in Wissenschaft und Wirtschaft
6.1 Wissenschaft und Technik
6.1.1 Wissenschaft
6.1.2 Technik
6.1.3 Die Kopplung von Wissenschaft und Technik
6.2 Wirtschaft
6.3 Die Rolle der Massenmedien
7. Zur Steuerungsproblematik
7.1 Intervention unter dem Paradigma der Autopoiese
7.2 Politik als steuerndes Subsystem?
7.3 Steuerung durch Recht?
8. Protestgruppen und der Ruf nach einer neuen Ethik
8.1 Moral - das tertium non datur der funktionalen Differenzierung
8.2 Protest als Immunreaktion
9. Ausblick: Möglichkeiten und Grenzen der Theorie sozialer Systeme
9.1 Die funktional-strukturelle Theorie autopoietischer Systeme als neues Paradigma der Soziologie?
9.2 Die Beschreibung der ökologischen Selbstgefährdung moderner Gesellschaften
Die vorliegende Arbeit untersucht deskriptiv-analytisch, inwieweit die soziologische Theorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann in der Lage ist, die ökologische Selbstgefährdung moderner, funktional differenzierter Gesellschaften systemtheoretisch zu reformulieren und zu beschreiben. Dabei wird insbesondere auf die Hindernisse eingegangen, die sich aus der konstruktivistischen Perspektive sowie der autopoietischen Abkopplung der Teilsysteme ergeben.
Die Beschränkung des Risikobegriffs auf Kommunikation
"Nur Kommunikation über Technik und vor allem: Kommunikation von Entscheidungen über Einsetzen oder Nicht-Einsetzen von Technik ist riskant"15. Primär riskant sind in dieser Sichtweise nicht Hochtechnologien, sondern Entscheidungen, die sich an Sicherheitserwartungen orientieren. "Selbst Tatsachen haben Kommunikationswirkungen nur als Feststellung von Tatsachen"16. Es gibt für soziale Systeme nur Tatsachen, die ihren Niederschlag in Kommunikationen finden. In einer Gesellschaft, die aus Kommunikationen besteht, kann es nur um Kommunikationen gehen. Operativ sind Systeme frei von direkten Umwelteinflüssen. Umweltveränderungen können ignoriert oder hingenommen werden ohne sie zum Thema zu machen17. Für Kommunikation über Umweltveränderungen besteht kein Handlungszwang, solange Rückwirkungen ignoriert werden können. Jedoch ist die materiale Umweltabhängigkeit der Systeme immer mitzudenken. Jedes Ereignis wird nur als Gegenstand von Kommunikation gesellschaftlich relevant - über seine direkte Bedeutung als Schadensfall hinaus.
Die Inkongruenz zwischen Umweltbedingungen und Systemstrukturen läßt wenig Hoffnung: "Die Regelung der Kommunikation im System ist etwas anderes als dessen Reaktion auf Veränderungen in der Umwelt"19. Ökologische Gefährdung wird als rein gesellschaftsinternes kommunikatives Phänomen konzipiert, als Kommunikation über Umwelt, "die eine Änderung von Strukturen des Kommunikationssystems Gesellschaft zu veranlassen sucht"20. Das müssen nicht Kommunikationen über "objektive" Risiken sein. Gefährlich sind nicht die Themen, sondern die Kommunikationen selbst. Es geht nicht um die technischen Objektivationen, die als konstruierte Wirklichkeit das Leben bestimmen, sondern um irritierende und strukturverändernde Kommunikationen selbst. Gesellschaft als System sinnhafter Kommunikationen "kann sich also nur selbst gefährden"21. Solange nicht über objektive Tatbestände (chemischer, physikalischer oder biologischer Art) kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen, i. e. kommunikativen, Auswirkungen.
1. Einleitung: Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als Gegenstand der Soziologie: Die Einleitung skizziert die Notwendigkeit, ökologische Probleme in die soziologische Selbstbeschreibung der Gesellschaft aufzunehmen und die Eignung der Systemtheorie hierfür zu prüfen.
2. Gesellschaft als sinnverarbeitendes System: Dieses Kapitel erläutert die Grundbegriffe der Theorie autopoietischer Systeme, insbesondere Kommunikation als basales Element und das Problem der Komplexitätsreduktion.
3. Gesellschaft als Einheit der Differenz autopoietischer Funktionssysteme und struktureller Kopplungen: Hier wird die funktionale Differenzierung als primäre Form der Moderne analysiert, wobei die Autonomie der Teilsysteme und deren strukturelle Kopplung im Vordergrund stehen.
4. Risiko und Gefahr als zentrale Aspekte ökologischer Selbstgefährdung: Das Kapitel untersucht, wie moderne Gesellschaften durch die Unterscheidung von Risiko und Gefahr versuchen, Unsicherheiten über die Zukunft zu bearbeiten.
5. Natur und Umwelt: Es wird die systemtheoretische Konzeption von Natur als kognitiv konstruierte Umwelt und die Ökologie des Nichtwissens thematisiert.
6. Die Entstehung ökologischer Gefährdungen in Wissenschaft und Wirtschaft: Das Kapitel analysiert, wie spezifische Logiken von Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Massenmedien zur ökologischen Krise beitragen oder diese nur begrenzt wahrnehmen können.
7. Zur Steuerungsproblematik: Hier werden die Grenzen der Fremdsteuerung sozialer Systeme unter dem Paradigma der Autopoiese sowie die Möglichkeiten der Politik und des Rechts diskutiert.
8. Protestgruppen und der Ruf nach einer neuen Ethik: Die Funktion von Protestbewegungen als "Immunsystem" der Gesellschaft und deren moralische Kommunikation stehen hier im Zentrum.
9. Ausblick: Möglichkeiten und Grenzen der Theorie sozialer Systeme: Der Ausblick reflektiert die Stärken und die blinden Flecken der systemtheoretischen Beschreibung ökologischer Selbstgefährdung.
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Autopoiese, ökologische Selbstgefährdung, funktionale Differenzierung, Kommunikation, Risiko, Gefahr, Komplexität, Kontingenz, Umwelt, Strukturelle Kopplung, Beobachtung, Moderne, Protestbewegungen
Die Arbeit untersucht, wie die soziologische Theorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann die ökologische Krise unserer Zeit beschreibt und wo die Grenzen dieses systemtheoretischen Ansatzes in Bezug auf die ökologische Selbstgefährdung liegen.
Die zentralen Felder umfassen die autopoietische Funktionsweise moderner Gesellschaften, die Rolle von Kommunikation, Risiko- und Gefahrendifferenzierungen, die Mechanismen der funktionalen Differenzierung sowie die Rolle von Protestbewegungen und politisch-rechtlicher Steuerung.
Das Ziel ist die deskriptiv-analytische Untersuchung, inwieweit die Systemtheorie ökologische Probleme erfassen kann, die durch die Diversifikation der Gesellschaft in eigenlogische Teilsysteme entstehen, und wo ihre Schwierigkeiten bei der Problemlösung liegen.
Es handelt sich um eine deskriptiv-analytische und im Wesentlichen textimmanent ausgerichtete Arbeit, die die systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann auf das Problem der ökologischen Selbstgefährdung anwendet.
Der Hauptteil befasst sich mit der systemtheoretischen Beschreibung von Gesellschaft, der Differenz von Risiko und Gefahr, der Rolle der Funktionssysteme wie Wissenschaft, Wirtschaft und Massenmedien sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Intervention und Protest.
Die wichtigsten Schlagworte sind Systemtheorie, Autopoiese, funktionale Differenzierung, ökologische Selbstgefährdung, Risiko/Gefahr-Schema, Kommunikation, strukturelle Kopplung und Interpenetration.
Aufgrund der funktionalen Differenzierung gibt es keine übergeordnete Instanz oder ein System, das die Gesellschaft als Ganzes steuern könnte. Jedes System operiert nach eigener Logik und kann nur durch "Irritationen" in seiner Autopoiese beeinflusst werden.
Protestbewegungen fungieren als eine Art "Immunsystem" der Gesellschaft. Sie machen ökologische Risiken sichtbar, die von den Funktionssystemen ignoriert werden, und verunsichern die Gesellschaft so weit, dass ein innersystemischer Abgleich mit der Realität angeregt wird.
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