Magisterarbeit, 2013
147 Seiten, Note: 1,0
1. Ein Shakespeare ohne Worte
2. Die Konstruktion der Welt
2.1 Normalität versus Behinderung
2.2 Sprechen über das „Andere“ – das medizinische, soziale und kulturelle Modell
2.3 Der Versuch einer Deafinition
2.3.1 Medizinische Begriffsbestimmungen
2.3.2 Leben in der DEAF-WORLD: Die deaf community und die Deaf culture
2.4 Deaf versus disabled
3. Von der Unterdrückung einer Sprachgemeinschaft zum Ertönen der gar nicht so leisen Stimme der Gehörlosen
3.1 Falsche Annahmen und ihre fatale Wirkung
3.2 Erste Erwähnungen
3.3 Von der „Entdeckung“ der Gehörlosigkeit bis hin zum Bestreben, sie auszumerzen
3.4 Schulen und deaf clubs im Zeichen des Oralismus
3.5 Die Katastrophe von Mailand
3.6 Die Auswirkungen von Mailand
3.7 Der Wendepunkt: Die Erforschung der Gebärdensprache
3.7.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Gebärden- und Lautsprache
3.7.2 Die Zusammensetzung von Gebärden und die Produktion von Sinn
3.7.3 Die Vorwürfe der bloßen Pantomime und Ikonizität
3.8 Das Entstehen eines neues Selbstbewusstseins: Die Gehörlosen verschaffen sich Gehör
3.9 Die gegenwärtige Situation der britischen deaf community
4. Gehörlose und die Bretter, die die Welt bedeuten
4.1 Theater und der Status Quo einer Gesellschaft
4.2 Von den Anfängen bis zu Children of a Lesser God
4.3 Die Politisierung des Theaters und die Instrumentalisierung von Performance für die Zwecke der deaf community
4.4 Für Gehörlose zugängliche Formen von Theater und ihre wesentlichen Merkmale
4.4.1 Gebärden als Teil der Inszenierung: theatre for the deaf & theatre of the deaf
4.4.2 Gebärdensprache abseits der Bühne: sign language interpreted performances
4.5 Kritik an den von Hörenden dominierten Theaterformen und ihrer Zugänglichkeit
4.6 Die Erwartungen eines gehörlosen Publikums an ein gelungenes Theatererlebnis
4.6.1 Inszenatorische Aspekte
4.6.2 Administrative und organisatorische Aspekte
5. Das Jahr 2012 – der Durchbruch im Umgang mit Andersartigkeit?
5.1 London 2012 und die Paralympischen Spiele – die Hoffnungsträger
5.2 Shakespeare's Globe und Deafinitely Theatre – ein Meilenstein für die Gehörlosen in Großbritannien
6. Deafinitely Theatres Love's Labour's Lost
6.1 Die Bearbeitung von Shakespeares Original: der Spieltext
6.1.1 Die intralinguale Übersetzung
6.1.2 Anmerkungen im Nebentext
6.2. Die Umsetzung auf der Bühne von Shakespeare's Globe: die Inszenierung
6.2.1 Prozessorientierte Analyse
6.2.2 Produktorientierte Analyse
6.2.2.1 Musikalische Begleitung und Szenenzusammenfassungen
6.2.2.2 Nutzung des Bühnenraums
6.2.2.3 Spielweise des Ensembles
6.2.2.4 Interaktion, Dynamik und Wirkung
7. Der Beitrag von Deafinitely Theatres Inszenierung zur Annäherung von hörender und gehörloser Kultur
7.1 Die Verhandlung von Sprachskepsis im Stück und auf einer Metaebene
7.2 Der „fremde“ Shakespeare: Der Wert von Übersetzungen
7.3 Poesie für die Augen: Shakespeare „sehen“
7.4 Eine zwar gemeinsame, aber auch gleichwertige Theatererfahrung?
7.5 Die Einsicht in das „Fremde“: der Austausch zwischen den Kulturen
7.6 Die „Eroberung“ des Globe
8. Ein Blick nach Deutschland
8.1 Vom Zweiten Weltkrieg bis heute
8.2 Die „gehörlose“ Theater- und Kulturlandschaft
8.3 Missstände und Probleme
8.3.1 Fallbeispiel München
8.3.2 Die Situation auf dem Arbeitsmarkt
9. Die Kraft von Shakespeares unausgesprochenen Worten
Die Arbeit untersucht die Signifikanz der Inszenierung von William Shakespeares Love's Labour's Lost durch Deafinitely Theatre im Kontext der Gehörlosenkultur und deren Verhältnis zur hörenden Gesellschaft. Ziel ist es, die Möglichkeiten und Grenzen dieses „Shakespeare ohne Worte“ zu beleuchten und im breiteren Bezugsrahmen des Gehörlosentheaters zu verorten.
3.4 Schulen und deaf clubs im Zeichen des Oralismus
Thomas Braidwood eröffnete 1760 in Edinburgh die erste Schule für Gehörlose in Großbritannien, woraufhin landesweit weitere Einrichtungen seiner Familie folgten. Im Laufe der Zeit verschrieben sich die Schulen der Braidwoods gänzlich dem sog. Oralismus und unterrichteten nach dem auf ihn basierenden German System. Diese Methode wurde von dem deutschen Gehörlosenpädagogen Samuel Heinicke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Leipzig entwickelt und stellt eine vollständig orale/aurale Erziehungspraxis unter jedwedem Ausschluss von Gebärdensprache dar – eine Vorgehen, welches sich schnell in Großbritannien und weiten Teilen Europas verbreitete. Doch bei dieser Erziehungstechnik ging es um weitaus mehr: „Oralism became not only a teaching method but a philosophy of life, a model for deaf behavior […].“ Im Kern geht es bei der Kontroverse zwischen einer manuellen, sprich Gebärden beinhaltenden, Erziehung und einer oralen nicht darum, die effektivste Lehrmethode zu finden, sondern die Hegemonie der gesprochenen Sprache zu festigen und zu betonen, dass allein die Fähigkeit, gesprochene Sprache produzieren zu können, das höchste und erstrebenswerteste Ziel sei.
Lediglich die zeitgleich entstehenden deaf clubs dienten angesichts dieser Entwicklung für viele als Rückzugspunkt:
The function of the social club is to allow members to interact in a relaxed setting where there is no pressure for spoken language use and comprehension and where sign language provides the common communication medium.
1. Ein Shakespeare ohne Worte: Einführung in die Thematik der Inszenierung von Love's Labour's Lost als historischer Meilenstein und Darlegung der zentralen Forschungsfragen.
2. Die Konstruktion der Welt: Theoretische Auseinandersetzung mit Behinderung, Normalität und der Deaf culture.
3. Von der Unterdrückung einer Sprachgemeinschaft zum Ertönen der gar nicht so leisen Stimme der Gehörlosen: Historischer Überblick über die Unterdrückung und Emanzipation der Gehörlosen.
4. Gehörlose und die Bretter, die die Welt bedeuten: Untersuchung der Rolle des Theaters im Kontext von Gehörlosigkeit und den verschiedenen Theaterformen.
5. Das Jahr 2012 – der Durchbruch im Umgang mit Andersartigkeit?: Betrachtung der kulturellen Auswirkungen der Paralympischen Spiele und der Zusammenarbeit von Shakespeare's Globe mit Deafinitely Theatre.
6. Deafinitely Theatres Love's Labour's Lost: Analyse der konkreten Inszenierung, des Spieltextes und der Umsetzung auf der Globe-Bühne.
7. Der Beitrag von Deafinitely Theatres Inszenierung zur Annäherung von hörender und gehörloser Kultur: Diskussion der Metaebene der Inszenierung hinsichtlich Sprachskepsis und kulturellem Austausch.
8. Ein Blick nach Deutschland: Einordnung der deutschen Situation im Vergleich zu den britischen und US-amerikanischen Entwicklungen.
9. Die Kraft von Shakespeares unausgesprochenen Worten: Abschließendes Fazit zur Bedeutung des Gehörlosentheaters für die Gesellschaft.
Gehörlosentheater, Deafinitely Theatre, Love's Labour's Lost, Gebärdensprache, British Sign Language, BSL, Gehörlosigkeit, Gehörlosenkultur, Deaf culture, Theaterwissenschaft, Inklusion, Shakespeare, visuelle Kommunikation, Sprachkritik, Identität
Die Arbeit untersucht das Theater von Gehörlosen am Beispiel der Inszenierung von Shakespeares Love's Labour's Lost durch Deafinitely Theatre und reflektiert dabei die kulturelle und gesellschaftliche Situation gehörloser Menschen.
Die zentralen Themen sind die Geschichte der Gehörlosengemeinschaft, die Bedeutung von Gebärdensprache, die Entwicklung des Gehörlosentheaters sowie das Verhältnis zwischen gehörloser und hörender Kultur.
Die Arbeit fragt nach der Signifikanz einer Shakespeare-Inszenierung in Gebärdensprache im Kontext der Gehörlosigkeit und untersucht, welche Möglichkeiten dies für eine kulturelle Annäherung zwischen Hörenden und Gehörlosen bietet.
Es handelt sich um eine theaterwissenschaftliche Untersuchung, die historische Perspektiven mit einer detaillierten Inszenierungsanalyse (unter Rückgriff auf Roman Jakobson und Patrice Pavis) sowie einer Auseinandersetzung mit philosophischen Ansätzen zur Sprachskepsis verbindet.
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Behinderungsmodelle) und die historische Entwicklung des Gehörlosentheaters dargelegt, gefolgt von einer detaillierten prozess- und produktorientierten Analyse der Inszenierung von Love's Labour's Lost.
Gehörlosentheater, Deafinitely Theatre, Gebärdensprache, Gehörlosenkultur, Inklusion und Shakespeare sind die zentralen Begriffe.
Während das Deaf Theatre (theatre for the deaf) sich primär an ein gehörloses Publikum richtet und auf Gebärdensprache basiert, zielt das sign language theatre auf ein gemischtes Publikum ab und nutzt häufig bilinguale Ansätze oder Übersetzungsstrategien, um hörenden Zuschauern den Zugang zu ermöglichen.
Die Inszenierung wird als historischer Wendepunkt und Meilenstein betrachtet, da sie erstmals eine professionelle gehörlose Theatergruppe in einer Hochburg der hörenden Kultur, dem Shakespeare's Globe, positionierte und damit den Status von Gehörlosen als eigenständige Künstler unterstrich.
Die Arbeit weist darauf hin, dass Dolmetscher oft zu spät in den Probenprozess einbezogen werden, was die Qualität der Übersetzung beeinträchtigt, und dass die räumliche Trennung zwischen Bühne und Dolmetscher die visuelle Rezeption für gehörlose Zuschauer erschwert.
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