Masterarbeit, 2017
90 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Das Postmigrantische Theater
2.1 Postmigration
2.2 Parallelen zum Postkolonialismus
2.3 Der Begriff ‚Postmigrantisches Theater‘
2.4 Ballhaus Naunynstraße
3 Stereotype
3.1 Sozialpsychologische Perspektive
3.2 Vom Stereotyp zum Vorurteil
3.3 Stereotyp und Vorurteil ‚Ausländer‘
4 Umgang mit Stereotypen in Verrücktes Blut
4.1 Kriterien der Aufführungsanalyse
4.2 Verrücktes Blut
4.2.1 Entstehung
4.2.2 Handlung
4.3 Konstruktion des Stereotyps ‚Kanake‘
4.3.1 Homogenisierung der Gruppe
4.3.2 Prägnanz durch Gegenfigur
4.3.3 Stereotyp als Präkonzept
4.4 Dekonstruktion des Stereotyps ‚Kanake‘
4.4.1 Kontrastierung durch kulturelle Aneignung
4.4.2 Überkulturelle Phänomene
4.4.3 Offenlegung der Theatersituation
4.5 Fazit: Strategien zur Inszenierung von Stereotypen
5 Konzeption der Unterrichtsreihe zu Stereotypen am Beispiel von Erpulats Verrücktes Blut
5.1 Allgemeine Rahmenbedingungen
5.2 Didaktische Analyse
5.3 Methodische Analyse
5.4 Verlaufsplan für die Doppelstunden
5.4.1 Erste Doppelstunde: Einstieg
5.4.2 Zweite Doppelstunde: Aufführungsanalyse
5.6 Reflexion der Unterrichtsreihe und Ausblick
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
8. Anhang
Die Masterarbeit hat zum Ziel, ein Konzept für eine Unterrichtsreihe im Fach Darstellendes Spiel zu entwickeln, das Schülerinnen und Schüler für die Konstruktion und Dekonstruktion von Stereotypen sensibilisiert. Ausgehend von einer Analyse der Inszenierung „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat wird untersucht, wie theaterästhetische Mittel genutzt werden können, um gängige Vorurteile über Migrantinnen und Migranten im Publikum aufzudecken, zu überzeichnen und schließlich lächerlich zu machen, um so einen bewussten Umgang mit Identitätskonstruktionen zu fördern.
4.3 Konstruktion des Stereotyps ‚Kanake‘
Im Folgenden werde ich die aussagekräftige Anfangsszene der Aufführung von Verrücktes Blut beschreiben und davon ausgehend die theatralen Mittel daraufhin untersuchen, inwiefern sie für die Konstruktion des Stereotyps des ‚Kanaken‘ eingesetzt werden. Da in den Dialogen und Regieanweisungen der Begriff ‚Kanake‘ in einer ironischen Umdeutung des rassistischen Schimpfworts als postmigrantische subversive Umgangsweise selbst von den KünstlerInnen genutzt wird, verwende ich ebenso den Begriff ‚Kanake‘ für den Stereotyp.
Zu Beginn der Aufführung von Verrücktes Blut betreten acht SpielerInnen in augenscheinlich alltäglicher Kleidung den Bühnenraum. Sie tragen individuelle Kleidung, wie Jeans und karierte Hemden, Schal und Sakko, Longsleeves und Westen. Inmitten des Bühnenraums steht eine viereckige podestartige Erhöhung mit Spiegelboden über dem in ca. vier Metern Höhe ein Konzertflügel hängt. In dieser ungewohnt fragilen Position wirkt das große und schwere Instrument bedrohlich, denn es scheint, als könne es jeden Moment auf die Bühne fallen. Um das viereckige Podest herum sind metallgerahmte Holzstühle, wie sie häufig in Schulen zu sehen sind, aufgereiht. Darauf liegen zusammengefaltete Kleidungsstücke. Die SchauspielerInnen gehen zu den Stühlen und ziehen die Kleidung an. Hierbei fällt auf, dass die SpielerInnen, die die Rollen der SuS einnehmen, sich durch ihr Kostüm deutlich von der Spielerin, welche die Rolle der Lehrerin Sonia Kelich annimmt, unterscheiden. Die Kostüme der SuS sind nahezu einheitlich und bestehen aus blauen oder grauen Jogginghosen bzw. Leggings, die von minderer Qualität zu sein scheinen und prollig aussehen. Das enge, rosafarbene Top Latifas ist eng und bauchfrei, wodurch es auf ordinäre Art aufreizend wirkt. Mariam trägt ein Kopftuch, das ihre Haare verdeckt, und ein weites Top, dass ihre Konturen kaschiert. Im Kontrast zu Latifa wirkt sie sittsam und ihr Kopftuch deutet darauf hin, dass sie muslimisch ist. Ferit, Bastian und Hasan ziehen die Kapuzen ihrer Hoodies über den Kopf, wodurch sie geheimnisvoll und bedrohlich wirken. Hakim trägt ein ärmelloses Muskelshirt, welches seine trainierten Arme so betont, dass er gewaltbereit aussieht.
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Relevanz von Stereotypen in der heutigen Gesellschaft und stellt das Ziel vor, diese mittels der Inszenierung „Verrücktes Blut“ im Fach Darstellendes Spiel didaktisch aufzubereiten.
2. Das Postmigrantische Theater: Hier wird der theoretische Rahmen definiert und das Genre als subversive „Suchbewegung“ nach Identität im Kontext postkolonialer Machtverhältnisse eingeordnet.
3 Stereotype: Das Kapitel erläutert sozialpsychologische Grundlagen der Kategorisierung, Generalisierung und Akzentuierung sowie die Abgrenzung von Stereotyp zu Vorurteil.
4 Umgang mit Stereotypen in Verrücktes Blut: Der Hauptteil analysiert detailliert die Inszenierung, unterteilt in die Konstruktion und Dekonstruktion von Stereotypen mittels verschiedener theatraler Mittel.
5 Konzeption der Unterrichtsreihe zu Stereotypen am Beispiel von Erpulats Verrücktes Blut: Dieses Kapitel liefert ein praxisnahes didaktisches Modell inklusive methodischer Erläuterungen für die Durchführung einer Unterrichtsreihe in der gymnasialen Oberstufe.
6. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass das postmigrantische Theater durch die Ausstellung und Überzeichnung von Klischees ein wirksames, wenn auch komplexes Instrument zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Vorurteile bietet.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
8. Anhang: Enthält ergänzendes Material wie Arbeitsblätter und Zitate für die Unterrichtsgestaltung.
Postmigrantisches Theater, Stereotype, Vorurteile, Verrücktes Blut, Nurkan Erpulat, Theaterpädagogik, Dekonstruktion, Identitätskonstruktion, Darstellendes Spiel, Sozialpsychologie, Kiezdeutsch, Interkulturalität, Integration, Machtstrukturen, Rollenbilder.
Die Arbeit untersucht, wie das postmigrantische Theaterstück „Verrücktes Blut“ Stereotype gegenüber Migrantinnen und Migranten sowohl konstruiert als auch dekonstruiert, und entwirft daraus ein didaktisches Konzept für das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel.
Zentral sind die theoretischen Grundlagen des postmigrantischen Theaters, sozialpsychologische Aspekte der Stereotypisierung, die spezifische Aufführungsanalyse von Erpulats Stück und die Konzeption einer schulischen Unterrichtseinheit zur Reflexion von Vorurteilen.
Das Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern durch die ästhetische Auseinandersetzung mit dem Stück einen reflexiven Zugang zur eigenen Identitätsbildung sowie zur Problematik gesellschaftlicher Zuschreibungen und Diskriminierung zu ermöglichen.
Die Arbeit stützt sich auf eine Kombination aus theaterwissenschaftlicher Aufführungsanalyse, der Rezeption sozialpsychologischer Stereotypentheorien und einer didaktischen Konzeption, die den Lehrplanvorgaben des Darstellenden Spiels entspricht.
Der Hauptteil analysiert die theatralen Inszenierungsstrategien wie Homogenisierung der Gruppe, Prägnanz durch Gegenfiguren und die Offenlegung der Theatersituation, um aufzuzeigen, wie das Stück mit den Erwartungshaltungen des Publikums spielt.
Die Materialien (wie der Zitatteppich oder Arbeitsblätter) dienen als direkte Unterstützung für Lehrkräfte, um die theoretisch hergeleiteten Konzepte in der Praxis des Unterrichts konkret umzusetzen und zu erproben.
Während das migrantische Theater oft von den Lebenssituationen der ersten Einwanderergeneration berichtet, zielt das postmigrantische Theater auf eine dekonstruktive Auseinandersetzung mit Identität nach der Migration ab und lehnt die Reduktion auf eine bloße Herkunftsgeschichte ab.
Das Ende ist entscheidend, da es die zuvor aufgebauten Illusionen bricht, die verschiedenen Narrationsebenen (Schauspieler vs. Rolle) auflöst und die Lehrerin schließlich ihre eigene migrantische Herkunft offenbart, wodurch alle bisherigen Gewissheiten über die Identitäten der Figuren dekonstruiert werden.
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