Magisterarbeit, 2011
96 Seiten, Note: 1.3
I. Einleitung: Die Gewalt in der lateinamerikanischen Realität und Literatur am Beispiel Mexikos und Argentiniens
II. Mexiko: Die Mexikanische Revolution – Ein Überblick
II.1. Der Mexikanische Revolutionsroman
II.2. Juan Rulfo. Kurzbiographie und literarisches Schaffen
II.3. Juan Rulfos Pedro Páramo: Eine kurze Inhaltsangabe und Anmerkungen zur Struktur des Romans
II.3.1. Pedro Páramo: ein Mexikanischer Revolutionsroman?
II.3.2. Das Thema der Gewalt in Pedro Páramo
II.3.2.1. Juan Preciado
II.3.2.2. Dorotea Preciado
II.3.2.3. Pedro Páramo
II.3.2.4. Susana San Juan
II.3.2.5. Miguel Páramo
II.3.3. Das mythische Element in Pedro Páramo als Ausdruck der Gewalt
III. Argentinien: Der Proceso de Reorganización Nacional – Die Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Ein Überblick ihrer Auswirkungen
III.1. Der lateinamerikanische Diktatorenroman und seine Erscheinungsform in Argentinien
III.2. Ricardo Piglia. Kurzbiographie und literarisches Schaffen
III.3. Ricardo Piglias Respiración artificial. Eine kurze Inhaltsangabe und Anmerkungen zur Struktur des Romans
III.3.1. Respiración artificial: ein lateinamerikanischer Diktatorenroman in argentinischer Erscheinungsform?
III.3.2. Das Thema der Gewalt in Respiración artificial
III.3.2.1. Respiración artificial – Teil 1: Die Briefe
III.3.2.2. Respiración artificial – Teil 2: Der Dialog
III.3.3. Allgemeine Bemerkungen zu Respiración artificial
IV. Schlussbetrachtung: Versuch einer Synthese zwischen Pedro Páramo und Respiración artificial
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Gewalt in der lateinamerikanischen Literatur anhand der beiden Romane Pedro Páramo (1953) von Juan Rulfo und Respiración artificial (1980) von Ricardo Piglia. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Autoren – trotz unterschiedlicher historischer Kontexte wie der Mexikanischen Revolution und der argentinischen Militärdiktatur – literarische Strategien entwickeln, um Machtmissbrauch, Unterdrückung und das soziale Trauma des jeweiligen Staates zu kritisieren und den Opfern eine Stimme zu verleihen.
II.3.2.1. Juan Preciado
Bereits auf der ersten Seite von Pedro Páramo versteckt Rulfo ein Indiz, das dem Leser zeigt, dass die Gewaltthematik den gesamten Roman durchziehen wird. So erzählt Preciado rückblickend den Tod seiner Mutter und sein Versprechen, nach Comala zu reisen, um dort seinen Vater Pedro Páramo aufzusuchen. Dass er keine andere Wahl hat, als das Versprechen anzunehmen und auszuführen, verdeutlicht folgende Textpassage: „Entonces no pude hacer otra cosa sino decirle que así lo haría“ (PP, 9). Preciado wird demnach von seiner dominanten und rachsüchtigen Mutter46 losgeschickt (Castañeda Hernández, 2009), um letztendlich nichts außer seinen eigenen Tod in Comala zu finden (ebd.). Sie regiert demnach in bester Diktatorenmanier über ihren eigenen Sohn, da sie ihn, im Affekt der Rachegefühle gegen Pedro Páramo handelnd, quasi willkürlich zum Tode verurteilt.
Noch nicht einmal in Comala angekommen, erinnert sich Preciado an die Wegbeschreibung, die seine Mutter ihm gab: „Sube o baja según se va o se viene. Para el que va, sube; para el que viene, baja.” (PP, 10). Damit will gesagt werden, dass der Abstieg nach Comala mit dem Abstieg in die Hölle assoziiert werden kann (Bradu, 1996, 28f). Doch das Dorf Comala ist nicht die direkte Hölle. Lediglich durch die Gewaltherrschaft Pedro Páramos verwandelte sich Comala nach und nach zum Vorort der Hölle, womit das Dorf zwischen zwei Welten, zwischen Himmel und Hölle, „en la mera boca del Infierno“ (PP, 11f) situiert wird (Bradu, 1996, 6), was der später omnipräsente Tod in diesem Dorf zeigen wird.
I. Einleitung: Die Gewalt in der lateinamerikanischen Realität und Literatur am Beispiel Mexikos und Argentiniens: Einführung in das Thema der Gewalt in der lateinamerikanischen Geschichte und Literatur sowie Vorstellung der Analyseobjekte.
II. Mexiko: Die Mexikanische Revolution – Ein Überblick: Historische Einordnung der Mexikanischen Revolution und ihrer Auswirkungen auf das soziale Gefüge Mexikos.
II.1. Der Mexikanische Revolutionsroman: Untersuchung der Genese und Merkmale dieser literarischen Gattung während der Revolution.
II.2. Juan Rulfo. Kurzbiographie und literarisches Schaffen: Biographischer Abriss und Einflüsse auf das Werk des Autors.
II.3. Juan Rulfos Pedro Páramo: Eine kurze Inhaltsangabe und Anmerkungen zur Struktur des Romans: Zusammenfassung der Romanhandlung und Analyse der fragmentierten Struktur.
II.3.1. Pedro Páramo: ein Mexikanischer Revolutionsroman?: Diskussion der Gattungszuordnung von Rulfos Roman im Kontext der Revolutionsliteratur.
II.3.2. Das Thema der Gewalt in Pedro Páramo: Untersuchung der Gewaltdarstellung anhand zentraler Romanfiguren.
II.3.2.1. Juan Preciado: Analyse der Funktion des Protagonisten als Ich-Erzähler und Opfer der Gewaltherrschaft.
II.3.2.2. Dorotea Preciado: Untersuchung der manipulativen und opferhaften Rolle von Dorotea.
II.3.2.3. Pedro Páramo: Analyse der Machtfigur und ihrer gottgleichen Ausübung von Unterdrückung.
II.3.2.4. Susana San Juan: Darstellung der Figur als Inbegriff des Widerstands und der psychischen Zerstörung durch Gewalt.
II.3.2.5. Miguel Páramo: Charakterisierung des Sohnes als Ausführender der personalisierten Gewalt im Roman.
II.3.3. Das mythische Element in Pedro Páramo als Ausdruck der Gewalt: Dekonstruktion der mythischen Referenzen zur Verdeutlichung der Gewaltstruktur.
III. Argentinien: Der Proceso de Reorganización Nacional – Die Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Ein Überblick ihrer Auswirkungen: Historische Darstellung der argentinischen Militärdiktatur und ihrer Repressionsmechanismen.
III.1. Der lateinamerikanische Diktatorenroman und seine Erscheinungsform in Argentinien: Definition der Gattung und deren spezifisch argentinische Ausprägung nach dem Proceso.
III.2. Ricardo Piglia. Kurzbiographie und literarisches Schaffen: Überblick über Piglias Leben und literarische Einordnung.
III.3. Ricardo Piglias Respiración artificial. Eine kurze Inhaltsangabe und Anmerkungen zur Struktur des Romans: Analyse der komplexen Struktur aus Briefen und Dialogen.
III.3.1. Respiración artificial: ein lateinamerikanischer Diktatorenroman in argentinischer Erscheinungsform?: Kritische Diskussion der literarischen Einordnung des Werkes.
III.3.2. Das Thema der Gewalt in Respiración artificial: Untersuchung der Gewalt, Zensur und des Widerstands im Roman.
III.3.2.1. Respiración artificial – Teil 1: Die Briefe: Analyse der Briefstruktur als Instrument zur Umgehung der Zensur.
III.3.2.2. Respiración artificial – Teil 2: Der Dialog: Untersuchung der intellektuellen Auseinandersetzung im zweiten Teil des Werkes.
III.3.3. Allgemeine Bemerkungen zu Respiración artificial: Abschließende Betrachtungen zur poetischen Strategie des "schweigenden Erzählens".
IV. Schlussbetrachtung: Versuch einer Synthese zwischen Pedro Páramo und Respiración artificial: Vergleich der beiden Autoren und ihrer literarischen Bewältigung nationaler Traumata.
Gewalt, Mexikanische Revolution, Argentinische Militärdiktatur, Pedro Páramo, Respiración artificial, Juan Rulfo, Ricardo Piglia, Diktatorenroman, Zensur, Widerstandsliteratur, Caudillismo, Desaparecidos, Magischer Realismus, Erinnerung, Machtmissbrauch.
Die Arbeit analysiert die literarische Auseinandersetzung mit Gewalt in zwei bedeutenden Werken der lateinamerikanischen Literatur: Pedro Páramo und Respiración artificial, wobei die politischen Kontexte der Mexikanischen Revolution und der argentinischen Militärdiktatur im Zentrum stehen.
Die zentralen Themen sind Machtstrukturen, politische Unterdrückung, Zensur, die Rolle des Schriftstellers in totalitären Systemen und die Verwendung von Mythen sowie fiktionalen Formen zur Verarbeitung historischer Traumata.
Ziel ist es, die spezifischen erzählerischen Strategien von Rulfo und Piglia zu entschlüsseln, mit denen sie trotz politischer Repression und Zensur Kritik an Gewaltregimen üben und den sozialen Auswirkungen dieser Gewalt eine literarische Form verleihen.
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, bei der strukturelle, motivgeschichtliche und historisch-kontextuelle Aspekte der untersuchten Romane miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der beiden Romane, unterteilt in historische Überblicke, strukturelle Beschreibungen sowie eine tiefgehende Untersuchung der Gewaltthematik anhand der jeweiligen Protagonisten und erzählerischen Mittel.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Gewalt, Zensur, Widerstandsliteratur, Diktatur, Revolutionsroman, Erinnerungskultur und Machtmissbrauch definiert.
Während Rulfo mittels magischer Realität und Totengesprächen eine surreale, zeitlose Ebene wählt, um die Kontinuität der Macht zu zeigen, nutzt Piglia eine komplexe Struktur aus Briefen und intellektuellen Dialogen, um die Zensur der argentinischen Militärdiktatur indirekt durch "schweigendes Erzählen" zu umgehen.
Die Vatersuche wird als Ausdruck einer gescheiterten Identitätssuche gedeutet, wobei die Abwesenheit der Väter (oder deren gewaltsames Wirken) die traumatische Erblast der jeweiligen politischen Situation widerspiegelt.
Die Zensur zwang Piglia zu einem "contar callando" (schweigenden Erzählen), bei dem die politische Kritik in Metaphern, literarischen Verweisen (etwa auf Kafka) und einer komplexen, indirekten Erzählweise verschlüsselt wurde, um der Repression zu entgehen.
Die Zeit wird in Rulfos Roman vollständig relativiert oder aufgehoben; der Tod und die Erinnerung bilden ein permanentes Präsens, was die Ausweglosigkeit der Bewohner Comalas unter der Herrschaft des Kaziken verdeutlicht.
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