Examensarbeit, 2010
129 Seiten, Note: 1,00
Didaktik für das Fach Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft
1. Märchen und Identität im schulischen Bildungsauftrag
2. Allgemeines zur literarischen Gattung Märchen
2.1 Begriffsdefinition Märchen
2.2 Abgrenzung zu anderen epischen Kurzformen, formale Strukturen, Motive und Themen des Märchens
2.3 Unterscheidung verschiedener Märchen
2.4 Die Gebrüder Grimm und ihre Märchen
3. Aspekte der Identitätsorientierung
3.1 Was ist Identität? – Identitätstheoretische Ansätze
3.1.1 Identitätstheorie nach Mead
3.1.2 Identitätstheorie nach Erikson
3.1.3 Die Entwicklung von Ich-Identität nach Habermas
3.1.4 Identitätstheorien nach Krappmann, Tugendhat und Welsch
3.1.5 Narrative Identität nach Keupp, Polkinghorne und Mc Adams
3.2 Literatur und Identität
3.3 Identitätsorientierter Deutschunterricht nach Spinner, Kreft und Frederking
3.4 Produktive Verfahren im identitätsorientierten Unterricht
3.5 Kritik am identitätsorientierten Literaturunterricht
4. Märchen und Identitätsorientierung - Wirkungsweisen des Märchens auf Kinder und deren Identität
4.1 Kognitive Aspekte
4.2 Der Grausamkeitsaspekt
4.2.1 Grausame Elemente in einem ausgewählten Märchen der Gebrüder Grimm
4.2.2 Annahmen über die möglichen Wirkungen grausamer Elemente in Märchen
4.3 Der Erziehungsaspekt
4.3.1 Fantasie und Realität im Märchen
4.3.2 Das Märchen als heimlicher Erzieher
4.3.3 Der Einfluss des Märchens auf das soziale und moralische Bewusstsein
4.3.4 Die Bedeutsamkeit des Märchens für die Gegenwart
4.4 Der entwicklungs- und tiefenpsychologische Aspekt
4.4.1 Darstellung seelischer Reifungsprozesse im Märchen
4.4.2 Möglichkeiten der Projektion und Identifikation durch Märchen
4.4.3 Lebenshilfe und Sinnfindung durch Märchen
4.4.4 Ödipale Konflikte und Adoleszenzprobleme im Märchen
4.4.5 Ein ausgewähltes Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
4.4.6 Die Gefahr der Überpsychologisierung des Märchens und seiner Deutungen
4.4.7 Eine Parodie der Märcheninterpretation
5. Didaktisch-methodische Überlegungen und Unterrichtskonzepte
5.1 Didaktische und methodische Überlegungen zum Märchen als Gegenstand identitätsorientierten Deutschunterrichts
5.2 Phasen-Modelle identitätsorientierten Deutschunterrichts
5.3 Exkurs: Märchen und Medien
5.4 Entwurf eines Lernzirkels zum Thema Märchen
5.4.1 Lehrplanbezug mit Gesamt- und Teilzielen
5.4.2 Vorüberlegungen
5.4.3 Unterrichtsverlauf
5.4.4 Reflexion
5.5 Modell einer identitätsorientierten Literaturunterrichtsreihe zum Märchen Hänsel und Gretel
5.5.1 Strukturplan der Unterrichtsreihe
5.5.2 Beschreibung der einzelnen Unterrichtsstunden
6. Die Eignung von Märchen für den identitätsorientierten Deutschunterricht
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des Märchens als Instrument zur Förderung der Identitätsentwicklung bei Grundschülern. Sie hinterfragt, inwiefern ein identitätsorientierter Umgang mit Literatur – explizit am Beispiel klassischer Volksmärchen der Gebrüder Grimm – dazu beitragen kann, Kindern bei der Ausbildung eines stabilen Selbstkonzepts zu helfen und ihnen Möglichkeiten zur Reflexion ihrer eigenen Lebenswirklichkeit und Identität zu bieten.
4.2 Der Grausamkeitsaspekt
In vielen Märchen der Gebrüder Grimm lassen sich Elemente finden, die von Erwachsenen eindeutig als grausam empfunden werden. Man muss sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob man zarten Kinderseelen solche Grausamkeiten überhaupt zumuten darf.
Zunächst mag es durchaus eine befremdliche Vorstellung sein, dass Eltern und Lehrer Kinder auf der einen Seite möglichst vor allem Bösen und Grausamen bewahren wollen und ihnen eine heile Welt zu schaffen versuchen, ihnen aber auf der anderen Seite Geschichten von Hexen, bösen Stiefmüttern oder gefährlichen Wölfen erzählen, und so die heile Welt der Kinder zu zerstören scheinen. Dies klingt vorerst nach einem Widerspruch, mit dem auch ich als Kind eigene Erfahrungen gemacht habe: Das Märchen, welches mich damals am stärksten beeindruckt hat, war Der Wolf und die sieben jungen Geißlein. Über Monate hinweg träumte ich jede Nacht davon. In meinem Traum war ich eines der sieben Geißlein, das verzweifelt versuchte, dem bösen Wolf zu entkommen, aber letztlich jedes Mal scheiterte und schließlich von ihm aufgefressen wurde. Auf der einen Seite rief dieses Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein durchaus große Ängste in mir hervor, andererseits ging eine solche Faszination von ihm aus, dass ich mich immer wieder stark zu diesem Märchen hingezogen fühlte – ein Phänomen, mit dem sich auch Bruno Bettelheim, einer der bekanntesten Kinderpsychologen, eingehend beschäftigte: „Da Kinder Märchen lieben, da sie nicht müde werden, sie immer wieder zu hören, müssen die Märchen doch wichtige Bedürfnisse befriedigen“
1. Märchen und Identität im schulischen Bildungsauftrag: Die Einleitung verankert die Gattung Märchen im bayerischen Lehrplan und betont die Notwendigkeit der Identitätsfindung als Erziehungsziel in der Grundschule.
2. Allgemeines zur literarischen Gattung Märchen: Dieses Kapitel liefert eine Definition sowie Abgrenzungen des Märchens und beleuchtet die Rolle der Gebrüder Grimm.
3. Aspekte der Identitätsorientierung: Es werden verschiedene psychologische und soziologische Identitätstheorien (u.a. Mead, Erikson, Habermas) auf ihre Relevanz für den Deutschunterricht geprüft.
4. Märchen und Identitätsorientierung - Wirkungsweisen des Märchens auf Kinder und deren Identität: Dieser zentrale Hauptteil diskutiert kognitive, erzieherische und tiefenpsychologische Aspekte der Märchenrezeption, einschließlich des Umgangs mit Grausamkeiten.
5. Didaktisch-methodische Überlegungen und Unterrichtskonzepte: Die Arbeit entwickelt konkrete methodische Umsetzungen wie Lernzirkel und Unterrichtsreihen, um das Märchen identitätsorientiert im Unterricht zu nutzen.
6. Die Eignung von Märchen für den identitätsorientierten Deutschunterricht: Das Fazit bestätigt, dass Märchen aufgrund ihrer Symbolkraft und Polarisierung hervorragend geeignet sind, Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen.
Märchen, Identität, Identitätsfindung, Grundschule, Literaturunterricht, Gebrüder Grimm, Identitätstheorie, Persönlichkeitsentwicklung, Pädagogik, Grausamkeit, Sozialisation, Literaturdidaktik, Selbstkonzept, Sinnfindung, Schülerorientierung
Die Hausarbeit untersucht, wie das Märchen als klassische Erzählgattung gezielt im Deutschunterricht der Grundschule eingesetzt werden kann, um die Identitätsfindung der Kinder zu fördern.
Die Arbeit verknüpft literaturdidaktische Ansätze mit psychologischen Identitätstheorien, diskutiert kontroverse Themen wie Märchen-Grausamkeit und erarbeitet praktische Unterrichtsmodelle.
Das Ziel ist es, eine Brücke zwischen dem Märchen als bewährtem Erziehungsmittel und der Identität als zentralem Bildungsziel zu bauen, um Schülern bei der Ausbildung eines stabilen Ich-Bewusstseins zu helfen.
Die Autorin stützt sich primär auf tiefenpsychologische Ansätze (insb. Bruno Bettelheim) und identitätstheoretische Konzepte von Forschern wie Mead, Erikson, Habermas, Spinner und Frederking.
Im didaktischen Teil werden unter anderem Phasen-Modelle für den Unterricht vorgestellt sowie konkrete Entwürfe für einen Lernzirkel und eine Unterrichtsreihe zum Märchen "Hänsel und Gretel" präsentiert.
Die Arbeit betont, dass Kinder in der heutigen, reizüberfluteten "postmodernen" Gesellschaft Orientierung benötigen, wobei Märchen helfen können, innere Konflikte und Ängste zu reflektieren.
Die Autorin wählt "Hänsel und Gretel", da es elementare Kindheitsängste wie Trennung und Verarmung anspricht und für Grundschüler eine hohe identifikatorische Kraft besitzt, um Reifungsprozesse zu durchlaufen.
Die Arbeit argumentiert, dass die im Märchen enthaltenen Grausamkeiten nicht isoliert zu betrachten sind. Vielmehr ermöglichen sie Kindern durch Projektion, eigene Ängste in einem sicheren symbolischen Rahmen zu bearbeiten, statt sie zu verdrängen.
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