Bachelorarbeit, 2014
57 Seiten, Note: 1,7
Die vorliegende Bachelorarbeit zielt darauf ab, eine differenzierte Sicht auf die Lebenssituation von Kindern aus alkoholbelasteten Familien zu gewinnen, um diese Erkenntnisse sowohl praktisch als auch theoretisch in die Soziale Arbeit einfließen zu lassen. Dies beinhaltet die Untersuchung der familiären Lebenssituation, der physischen und psychischen Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit sowie der Reaktionen der Kinder auf ihr Umfeld. Zudem werden bestehende Unterstützungsmöglichkeiten und Schwierigkeiten in der Arbeit mit diesen Kindern sowie die Wirksamkeit des Präventionsprogramms „Trampolin“ analysiert.
Elterliche Alkoholabhängigkeit und die Auswirkungen auf das Familiensystem
Die elterliche Alkoholabhängigkeit führt zu intrafamilialen Veränderungen und zeigt sich neben Rollenveränderungen in einer negativen Familienatmosphäre. Sie ist durch Instabilität, Disharmonie, Unberechenbarkeit und Anspannung gekennzeichnet (Klein 2008a, 122). Die Auswirkungen auf das Familiensystem können durch das Bild eines Mobiles veranschaulicht werden. Diese Betrachtungsweise wurde schon von Wegscheider (1988, 52 ff.) verwendet und zwar wird sie als eine hoffnungsvolle Sicht beschrieben, weil an vielen Punkten angesetzt werden kann, um Veränderungen zu erreichen. Zobel (2008, 69 f.) betrachtet die Familie, in der eine Alkoholabhängigkeit auftritt, sowohl als Ganzes, also als ein System, aber auch in Hinblick auf einzelne Individuen, die über eine eigene Gedanken- und Gefühlswelt verfügen. Wie die Einzelteile eines Mobiles so sind auch die Familienmitglieder miteinander verbun- den, zum Beispiel durch Traditionen oder bestimmte Familienregeln. Wenn ein Familienmit- glied durch Alkoholabhängigkeit belastet wird, dann wirkt sich das auf die anderen Famili- enmitglieder aus. Bildlich gesprochen bewegen sich die anderen Teile durch die entstehende Last mit und versuchen eine Balance herzustellen. Dabei kann sich jedes Familienmitglied auf seine individuelle Weise an der Herstellung der Balance beteiligen. Häufig reagieren die an- deren Familienmitglieder zunächst so wie bei einer anderen Erkrankung auch, und zwar mit Rücksichtnahme und Verständnis. Aufgaben des Erkrankten werden in der Hoffnung über- nommen, dass sich die Situation möglichst schnell wieder normalisiert (Zobel 2008, 69 f.). Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Alkoholabhängigkeit auch im Kontext der Familie betrachtet werden muss.
Die Reaktionen der Familienmitglieder hängen laut Feuerlein (2008, 63) von der Phase des Alkoholismus ab. In der Frühphase nehmen die Familienmitglieder die Zeichen der Alkohol- abhängigkeit noch nicht richtig wahr. Da es sich bei einer Suchterkrankung um eine meist schleichende und langwierige Erkrankung handelt, bei der die bisherigen Bewältigungsmuster nicht mehr funktionieren, stehen die Familienmitglieder vor einer großen Herausforderung. Die Herausforderung wird zu einem frühen Zeitpunkt in ihrem Ausmaß noch nicht unbedingt erkannt (Zobel 2008, 69 f.). Mit fortschreitender Erkrankung und den spürbaren Auswirkun- gen der Alkoholabhängigkeit reagieren die einzelnen Familienmitglieder häufig ambivalent. Die Reaktion ist abhängig von der Verfassung des erkrankten Familienmitglieds und wechselt zwischen Sympathie oder Antipathie (Feuerlein 2008, 63). Vor allem die Kinder werden zu Reagierenden, die genau erkennen, auf welchem Alkoholpegel sich der Vater oder die Mutter gerade bewegt, und zielen ihr Verhalten auf die gerade vorherrschende Stimmungslage ab (Lambrou 2012, 47). In der kritischen Phase des Alkoholismus entstehen neue Rollenmuster, weil die abhängige Person zunehmend ihre Funktionsfähigkeit verliert und bestimmte Aufga- ben nicht mehr weiter übernehmen kann, so dass die anderen Familienmitglieder diese Lücke füllen müssen. Weiterhin geschieht in dieser Phase häufig eine emotionale Abwendung zum erkrankten Elternteil und nicht selten entstehen Scheidungsgedanken auf Grund von häufigen Streitereien. In der chronischen Phase manifestiert sich sowohl die emotionale Abwendung als auch die Veränderung der Rollen (Feuerlein 2008, 63 f.). Hier folgt ein Zitat eines be- troffenen Kindes, welches ein Beispiel für die veränderten Rollen im Familienhaushalt gibt und einen Eindruck darüber vermittelt, wie die Kinder diese wahrnehmen: „Während ich die Kinder draußen auf der Straße spielen hörte, robbte ich auf allen Vieren mit dem Schrubber durchs Haus und putze. Ich erinnere mich noch an die Getränkekiste, die unter meinen Füßen stand, damit ich bis zum Waschbecken reichte. Ich erinnere mich an die nicht enden wollen- den Abwaschberge und daran, dass ich heulend am Becken stand und mich so unglaublich müde fühlte. Meine Mutter sagte immer, ich solle mich nicht beschweren, dass ich so spät ins Bett kommen würde, schließlich habe ich erst nach dem Abendessen angefangen, und es wäre nicht ihre Schuld, wenn ich mich permanent in eine andere Welt träumte und trödelte (Koch 2010, 41). Dieses Phänomen wird auch als „Parentifizierungʻ bezeichnet. Die Kinder übernehmen, resul- tierend aus der Tatsache, dass die Eltern nicht in der Lage sind, ihrem erzieherischen Auftrag nachzukommen, Eltern- oder Partnerrollen. Auf der einen Seite erleben die Kinder unklare und diffuse Grenzen innerhalb der eigenen Familien, auf der anderen Seite erleben sie die ausgeprägte Abgrenzung nach außen. Das Familiensystem gerät durcheinander und im Ext- remfall verliert es jegliche Stabilität und Ordnung (Klein 2008a, 122). Es kann folglich festgehalten werden, dass die Alkoholabhängigkeit weitreichende Folgen für das gesamte Familiensystem mit sich bringt. Zusätzlich müssen sich alle einzelnen Familien- mitglieder mit der veränderten Situation arrangieren und dadurch verändern sich die Rollen aller Familienmitglieder: „Das Suchtsystem betrifft alle Personen in der Familie. Nicht nur der Einzelne am Anfang die süchtige Person – ist krank, sondern das System Familie selbst. Die Sucht z.B. des Vaters prägt auch das Verhalten der Mutter, die Kinder müssen angemes- sen auf beide reagieren“ (Lambrou 2012, 24). Auch Arenz-Greiving (2013, 23) betont, dass sich die Alkoholproblematik gravierend auf alle Familienmitglieder auswirkt und sich das unter anderem bei den Rollenverständnissen und Rollenzuweisungen zeigt.
Kapitel 1: Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Kinder aus alkoholbelasteten Familien ein, beleuchtet die historische Vernachlässigung dieser Gruppe und stellt die Forschungsfragen bezüglich der Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit und Unterstützungsmöglichkeiten vor.
Kapitel 2: Grundlegende Begriffsbestimmungen: Hier werden die zentralen Begriffe Alkoholkonsum, Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit wissenschaftlich definiert und voneinander abgegrenzt.
Kapitel 3: Alkoholabhängigkeit im familiären Kontext: Das Kapitel analysiert die Alkoholabhängigkeit aus systemischer Sicht, beschreibt die Auswirkungen auf das Familiensystem, identifiziert Merkmale und Regeln alkoholbelasteter Familien und differenziert zwischen mütterlicher, väterlicher und Co-Abhängigkeit.
Kapitel 4: Kinder alkoholabhängiger Eltern: In diesem Kapitel werden die vielfältigen Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit auf Kinder dargestellt, einschließlich Verhaltensauffälligkeiten, Intelligenz, Schulleistungen, Depressionen, FASD sowie die Entwicklung psychischer Rollenmodelle als Anpassungsstrategien.
Kapitel 5: Sozialarbeiterische Unterstützung für Kinder aus alkoholbelasteten Familien: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Versorgungslage in Deutschland, systematisiert ambulante und stationäre Unterstützungsleistungen und erörtert Probleme auf persönlicher, familiärer und struktureller Ebene.
Kapitel 6: Das Trampolin-Programm: Das Kapitel stellt das wissenschaftlich evaluierte Präventionsprogramm „Trampolin“ vor, das auf Resilienzforschung basiert, und analysiert dessen Ziele, Inhalte, Rahmenbedingungen und Wirksamkeit.
Kapitel 7: Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Dieses abschließende Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen und leitet daraus wichtige Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit ab.
Alkoholabhängigkeit, Kinder, Familie, Familiensystem, Sucht, Soziale Arbeit, Unterstützungsmöglichkeiten, Präventionsprogramm, Trampolin, Resilienz, Verhaltensauffälligkeiten, Co-Abhängigkeit, Rollenmodelle, FASD, Risikofaktoren
Die Arbeit befasst sich mit den vielschichtigen Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit auf Kinder und Familiensysteme sowie mit bestehenden und notwendigen sozialarbeiterischen Unterstützungsmöglichkeiten.
Zentrale Themenfelder sind die systemische Betrachtung der Alkoholabhängigkeit in Familien, die psychischen und physischen Folgen für Kinder, etablierte Unterstützungsleistungen und das Präventionsprogramm „Trampolin“, sowie die Resilienz von Kindern.
Das primäre Ziel ist es, eine differenzierte Sicht auf die Lebenssituation von Kindern aus alkoholbelasteten Familien zu erlangen, um Erkenntnisse für die praktische und theoretische Soziale Arbeit zu gewinnen.
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Zusammenfassung relevanter Studien und Forschungsergebnisse zur Alkoholabhängigkeit, ihren Auswirkungen und Interventionsmöglichkeiten, einschließlich der Wirksamkeitsstudie des „Trampolin“-Programms.
Der Hauptteil behandelt die Definitionen von Alkoholproblematiken, die Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit auf das Familiensystem und die Kinder, einschließlich Verhaltensauffälligkeiten und psychischer Rollenmodelle, sowie verschiedene Formen sozialarbeiterischer Unterstützung.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Alkoholabhängigkeit, Kinder, Familie, Soziale Arbeit, Prävention, Resilienz, Familiensystem, Sucht, Unterstützung und Rollenmodelle.
Kinder in alkoholbelasteten Familien nehmen häufig psychische Rollenmodelle wie „Der Held“, „Das schwarze Schaf“ (oder „Der Sündenbock“), „Das stille Kind“ und „Der Clown“ an, um mit den schwierigen familiären Umständen zurechtzukommen.
Das „Trampolin“-Programm ist ein wissenschaftlich evaluiertes Präventionsangebot für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren, das darauf abzielt, ihre Resilienz zu stärken, Wissen über Sucht zu vermitteln und effektive Stressbewältigungsstrategien zu lehren.
Mütterliche Alkoholabhängigkeit wird oft als risikoreicher eingeschätzt, da Frauen häufig stärker für Haushalt und Kindererziehung zuständig sind, was zu Mangelversorgung der Kinder führen kann. Väterliche Abhängigkeit führt häufiger zu Arbeitslosigkeit und finanziellen Problemen, wobei Mütter oft die Rolle des Managers der Familie übernehmen.
In alkoholbelasteten Familien herrschen oft Regeln wie „Der Alkohol ist das Wichtigste“, „Nicht über Probleme reden“ oder „Niemand darf sagen, was er wirklich fühlt“. Diese Regeln führen bei Kindern zu Geheimhaltung, Loyalitätskonflikten, Isolation und einer eingeschränkten Entwicklung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit.
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